„Seid mal ein bisschen aufmüpfiger!“

Maike van den Boom, Glücksforscherin und Speakerin auf der Gravity
Maike van den Boom © Evia Photos Stockholm

Warum sind die Skandinavier:innen so glücklich und wie hängt das mit der Arbeitskultur zusammen? Ein Gespräch mit der Glücksexpertin Maike van den Boom.

Maike, muss man denn überhaupt glücklich sein? Reicht es nicht, zufrieden zu sein?
Maike van den Boom: Ich mag den Begriff „Zufriedenheit“ nicht so gerne, der ist mir zu behäbig, so nach dem Motto „Jetzt kann ich die Beine hochlegen und alles kann bleiben, wie es ist“. Menschen, die sich als glücklich bezeichnen, erlebe ich dagegen als sehr neugierig und wissbegierig. Deshalb sind auch Krisen so gesund. Wenn immer alles wundervoll ist hat man ja gar keinen Anlass, sich zu verändern und neues zu lernen. Krisen rütteln uns wach – meistens ist man danach glücklicher als vorher. Ich denke, dass es ohne Weiterentwicklung gar kein Glück gibt.

Laut World Happiness Report sind die Menschen in skandinavischen Ländern besonders glücklich, Deutschland folgt erst einige Plätze dahinter. Wie misst man das Glückslevel?
Wenn man wirklich wissen möchte, wie glücklich die Leute sind, fragt man sie am besten einfach direkt. Man kann die Fragen auf unterschiedliche Weise stellen: Wie glücklich warst du gestern? Wie siehst du die Zukunft? Auf einer Skala von 0 bis 10, wie zufrieden bist du? Je nachdem, wie man fragt, unterscheidet sich natürlich die Länderplatzierung. Eine Konstante gibt es allerdings: Die Skandinavier sind immer ganz vorne mit dabei.

Gravity: Die Konferenz für Employer Branding und Arbeitgeberattraktivität

+++Maike van den Boom spricht am 2. April auf der Gravity in Berlin (heart). Die Konferenz für Employer Branding und Arbeitgeberattraktivität wird vom Human Resources Manager mitorganisiert.+++

Was machen die Menschen in Skandinavien besser?
Sie lassen Menschen so sein, wie sie sind. Die skandinavischen Länder sind der World Value Survey nach die individualistischsten der Welt. Schon in der Schule liegt der Fokus auf der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. Deshalb bekommen sie in Schweden auch erst ab der sechsten Klasse Noten, ab der achten in Norwegen und Dänemark. Und wenn du mit der Mathearbeit nicht fertig wirst, dann schreibst du halt morgen weiter. Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern darum, dass du lernst, dich zu artikulieren, dich einzubringen, nachzudenken und zu verstehen. Kinder sollen herausfinden, welchen Beitrag sie für die Welt leisten wollen. Dann sind sie auch später im Job glücklich: weil sie wissen, warum sie tun was sie tun. Das kann mitunter lästig sein, denn dementsprechend fragen die Skandinavier ständig: Warum? Diese Fragerei lassen sie sich bis ins hohe Alter nicht abtrainieren. Denn wer nachfragt, bekommt eine Antwort und damit den Sinn für sein Tun geliefert. Sinn schlägt jede Gehaltserhöhung, weil er langanhaltend glücklich macht. Die Freude über mehr Geld ist hingegen äußerst flüchtig.

Wie zeigt sich das in der Arbeitskultur?
Arbeitgeber haben Vertrauen in ihre Angestellten und können sie demnach auch einfach machen lassen, statt zu kontrollieren. Denn die Mitarbeiter wissen ja Bescheid, wo das Unternehmen hinwill und was die gemeinsamen Werte und Ziele sind. Sie haben ja fragen dürfen. Dadurch entsteht eine Dynamik, in der Menschen kreativ werden, ihre Ideen einbringen und vor allem frei sind. Aber: Du bekommst die Freiheit nur, wenn du bereit bist, die Verantwortung zu übernehmen. „Frihet under ansvar“, so sagt man in den skandinavischen Ländern: Freiheit unter Verantwortung.

Deshalb schaut auch keiner schief, wenn du schon um zwei zum Skirennen deiner Tochter abdüst. Oder wenn du von zu Hause aus arbeitest oder mittags eine längere Pause machst, um durch den Wald zu joggen. Die Kolleginnen und Kollegen gehen einfach davon aus, dass du die Aufgaben dann am Abend oder am Wochenende nacharbeitest, wann auch immer es reinpasst. Da schaut keiner so genau hin. Und schon gar nicht auf die Uhr.

Ist denn in Schweden wirklich alles besser als in Deutschland? Oder spielt hier auch das „Bullerbü-Syndrom“ eine Rolle?
Natürlich gibt es hier auch Probleme. Wir haben in Schweden einen Rechtsruck, Defizite beim Krankenhaussystem und Probleme, mit denen auch andere Länder kämpfen. Es kann ja nicht alles nur „Bullerbü“ sein. Doch was hier historisch gewachsen ist, ist der Zusammenhalt: Relativ wenige Menschen lebten in harscher Natur und mussten zusammenarbeiten, zusammenhalten und dafür sorgen, dass jeder seinen Beitrag bestmöglich leisten kann. Sprich, diese Symbiose zwischen extremer Freiheit und engem Zusammenhalt, die findet man nur in den Nordländern.

Was können sich deutsche Arbeitgeber von schwedischen abschauen?
Sie könnten den Angestellten mehr vertrauen, mal die Zügel schleifen lassen. Und sie täten gut daran genau hinzuhören und zu gucken, wo die Potenziale sind, und zwar nicht, was in der Positionsbeschreibung steht, sondern was die Menschen tatsächlich an Interessen, Talenten und Lebenserfahrung mitbringen. Sie könnten wirklich darauf achten, was jeder und jede einzelne braucht. Nach dem Motto: Was kann ich tun, damit du einen phantastischen Job machen kannst? Und wenn auch Kollegen einander diese Frage stellen, dann entsteht die nordische Verbundenheit und eine Dynamik des Austausches, die in Deutschland leider oft durch interne Konkurrenz zerstört wird.

Sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte könnten außerdem ruhig mal ihre Professionalität loslassen und stattdessen persönlich werden. In Skandinavien ist Arbeit und Leben gar nicht so strikt getrennt. Wenn man hier über Arbeit redet, dann redet man auch über Leben. Menschen vertreten auf der Arbeit die gleichen Werte wie sonst auch. Sie zeigen ihre Schwächen, ihre Ecken und Kanten. Man könnte sagen sie gehen nackt in die Sauna und nackt auf die Arbeit. Warum unnötige Energie stecken in Pokerface, Habitus oder unnötiges Taktieren? Das ist aus nordischer Sicht ineffizient, denn es kostet wertvolle Energie. Das gilt auch in Bezug auf Zeit. Überstunden absitzen oder ohne Pause vernebelt auf den Bildschirm starren ist nicht effizient. Es geht nicht um eine Stunde mehr oder weniger beim Arbeitstag oder um ein halbes Jahr mehr oder weniger bei der Elternzeit, sondern um das Ergebnis. Es ist tendenziell besser, wenn die Arbeit dem Leben folgt und man sich nicht ständig verbiegen muss.

Und wenn manche Menschen sich doch eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Leben wünschen?
Hier gibt es natürlich auch Leute, die einfach acht Stunden täglich auf der Arbeit sein wollen und danach Feierabend wollen. Das ist auch in Ordnung. Es geht vielmehr darum, dass man die Möglichkeit hat, sich zu entscheiden. Wenn sich ein Mitarbeiter nach acht Stunden Arbeit im Büro nicht mehr seine Mails checken möchte, respektiert der Chef das. Wichtig ist nur, dass man miteinander redet und die Leute voneinander Bescheid wissen, wann sie zu erreichen sind. Das erfordert natürlich eine enorme Flexibilität von allen Parteien.

Natürlich können nicht alle den Griffel fallen lassen, wann sie wollen, Ärzte haben ja zum Beispiel Sprechstunden oder Leute am Fließband haben feste Arbeitszeiten. Doch auch hier geht es um das Gesamtpaket. Alle Mitarbeitenden wissen, dass sie sich einbringen können, ihre Meinung sagen können und dass sie ein wichtiger Teil des Unternehmens sind. Menschen kümmert es, wie es dir geht, sie wollen wissen was du zu sagen hast. Wenn du dann den CEO auf dem Fabrikgelände siehst, dann gehst du halt einfach zu ihm hin und präsentierst ihm deine neue Idee. Man muss sich nicht unterordnen und keine Angst haben. Man schenkt sich lieber Aufmerksamkeit. Denn jeder Mensch im Unternehmen kann diese eine phantastische Idee haben.

Die Strukturen sind also nicht so hierarchisch?
Hierarchien gibt es natürlich, trotzdem sind die Menschen einander sehr nahe. Das Autoritätsniveau ist sehr niedrig, man begegnet sich eher freundschaftlich. Wenn es Kritik an den skandinavischen Chefs gibt, dann, dass sie manchmal etwas unklar sind. Es gibt niemanden, der allen sagt, wo es langgeht. Man beschließt alles im Team. Chefs schauen eher, dass sie für ihre Mitarbeiter da sind, wenn mal etwas nicht funktioniert. Sie coachen im Hintergrund und schieben so viel Verantwortung wie möglich nach unten. Dort, wo der Kunde auch direkt eine Antwort erwartet. Daraus ergibt sich auch eine gesunde Fehlerkultur, denn damit gibt die Führung die Kontrolle ab. Im Gegenzug bekommt sie mündige Mitarbeiter, die sich trauen, Entscheidungen schnell zu treffen.

Gibt es ein paar Faustregeln für ein glücklicheres Leben, die man direkt umsetzen kann?
Menschen, die sich auch mal etwas trauen und Risiken eingehen, sind glücklicher. Dazu gehört auch, zum Beispiel mal eine Aufgabe im Job zu hinterfragen. Mach dir klar, dass du nur mit deinem Hintergrund, deiner Lebenserfahrung und deinem Wissen den Input zu einem bestimmten Thema liefern kannst. Also trau dich ruhig mal, zu sagen, dass etwas vielleicht auf eine andere Art besser funktionieren könnte, oder mach es einfach gleich anders. „Haltet euch doch nicht immer an alle Regeln, seid mal ein bisschen aufmüpfiger!“, so der Rat eine Schwedin an die Deutschen. Und versucht immer wieder, etwas Neues zu lernen. Wenn du für irgendetwas brennst, dann frag nicht um Erlaubnis. Mach es einfach!

Was macht dich glücklich?
Meine Tochter macht mich glücklich. Und für mich gilt das, was ich gerade beschrieben habe, natürlich auch. Ich bin ja vor Kurzem nach Schweden gezogen und habe Schwedisch gelernt. Dass ich inzwischen Debatten im Fernsehen verfolgen kann oder eine schwedische Zeitung lesen kann, löst ein Glücksgefühl in mir aus. Tsching. Wieder was gelernt.

Zur Gesprächspartnerin:

Maike van den Boom ist Glücksexpertin und Autorin der Bücher „Wo geht’s denn hier zum Glück?“ und „Acht Stunden mehr Glück.“ Nach diversen Management-Jobs in Holland, Deutschland und Mexiko tritt sie heute als Rednerin, Trainerin und Beraterin für glückliche Unternehmenskulturen auf. Seit 2018 lebt sie mit ihrer Tochter in Stockholm.
maikevandenboom.de