"Man braucht ein dickes Fell"

Er kennt beide Welten: Karl-Heinz Paqué ist Wirtschaftsprofessor und war viele Jahre in der Politik tätig, unter anderem als Finanzminister in Sachsen-Anhalt. Im Interview spricht er darüber, warum wir bald Vollbeschäftigung haben werden und das Festhalten an Ideen sich lohnt.

Herr Professor Paqué, was muss man für ein Typ sein, um in der Politik bestehen zu können?
Man muss relativ robust sein. In der Politik braucht man im Vergleich zur Wissenschaft ein dickeres Fell.

Woran liegt das?
Das liegt in der Natur der Sache. In der Wissenschaft geht es um die Wahrheit. In der Politik geht es auch um die Mehrheit. Man versucht Dinge durchzusetzen. Und dafür braucht es andere Qualitäten als für die rein wissenschaftlich-analytische Arbeit.

2008 haben Sie sich aus der Politik zurückgezogen und sind wieder an die Universität Magdeburg gegangen. Vermissen Sie etwas aus der Zeit als Politiker?
Ich mache beides gerne. Es hat mir auch nie Schwierigkeiten bereitet, das eine aufzugeben und das andere aufzunehmen. Beide Aufgaben sind extrem reizvoll. Das eine oder andere vermisse ich aus der Politik aber durchaus. Ich mische allerdings noch in verschiedenen Fachgremien meiner Partei mit.

Sie sind noch Mitglied der FDP?
(lacht) Das bleibe ich auch.

Es hätte ja sein können, Sie schließen das Politikerdasein vollkommen ab.
Nein, nein, ich bin ein in der Wolle gefärbter Liberaler. Ich bin langjährig der Friedrich-Naumann-Stiftung verbunden und galt schon als Schüler als erzliberal. Und die FDP ist in Deutschland die Partei, die als einzige einen ernsthaften liberalen Kern hat. Bei den anderen Parteien stehen andere Ideen als die der Freiheit im Vordergrund.

Die FDP und die liberale Weltanschauung sind momentan in der Gesellschaft gerade aber nicht wirklich en vogue. Die Partei steht nicht so gut da.
Sie stand schon mal besser da, ja. Aber auch schon mal schlechter. Der Liberalismus ist zwar schon relativ alt. Er ist in Deutschland die älteste politische Orientierung. Er war jedoch – abgesehen vielleicht von der Bismarck-Zeit – nie eine Orientierung, die von einer Mehrheit in der Bevölkerung geteilt wird. Anders als zum Beispiel in Holland oder Großbritannien. Der Liberalismus war immer die Sache einer Bildungsbürgerschicht, die zwischen 5 und 15 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Daran ist nichts zu ändern. Es liegt an der Botschaft. Der Liberalismus setzt auf die individuelle Verantwortung und damit finden Sie in Deutschland nicht so leicht Mehrheiten, und schon gar keine absoluten.

Was kann man als Politiker eigentlich bewirken? Ist es nicht oft frustrierend, wenn von den eigenen Positionen aufgrund des Fraktionszwangs oder der Verhandlungen mit dem Koalitionspartner nicht viel übrigbleibt?
Kompromisse sind wesentlich in der Politik. Das sollte jeder wissen, der in die Politik will. Gleichwohl glaube ich daran, dass Ideen eine große Bedeutung haben – als Orientierungsmarken. Nehmen Sie zum Beispiel das Lambsdorff-Papier von 1982, das unter anderem zum Bruch der Koalition führte. Die Aufgaben, die darin aufgeführt wurden, sind zum Teil in den letzten 30 Jahren abgearbeitet worden. Oder nehmen Sie Hartz IV als Beispiel. Schon in den 80er Jahren gab es die Forderungen von Ökonomen wie mir, den Sozialstaat zu reformieren. Es hat jedoch 20 Jahre gedauert, bis diese zumindest zwischenzeitlich Kosens wurden. Politik ist ein Geduldsspiel. Manchmal dauert es Jahre und Jahrzehnte bis sich Ideen durchsetzen. Man kann das frustrierend finden oder man kann sagen: Man muss nur lange genug – von der Öffentlichkeit beachtet – arbeiten, hart diskutieren, dann setzt sich auch die ein oder andere Idee durch.

Ja, zum Beispiel will nun sogar die FDP Lohnuntergrenzen.
Das ist nun ein sehr pragmatischer Punkt. Ich selbst bin gegen einen Mindestlohn. Ich sage Ihnen aber ganz ehrlich: Wenn kaum einer in der Bevölkerung auf Ihrer Seite steht, wird es sehr schwierig, bestimmte Positionen überhaupt aufrechtzuerhalten. Deshalb hat man sich bei der FDP für einen Kompromiss entschieden, der möglichst marktunschädlich sein soll. Glücklicherweise werden wir in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich deutlich steigende Löhne bekommen.

Aber doch wohl nur für die qualifizierten Berufe.
Nein nicht nur. Zunächst betreffen die Erhöhungen zwar lediglich die qualifizierten Berufe und die Bereiche, wo die Gewerkschaften eine gewisse Verhandlungsmacht haben. Wir haben aber in der Geschichte nie erlebt, dass Lohnsteigerungen langfristig nur auf einzelne Bereiche beschränkt blieben. Das wird in die Breite gehen, wenn die Arbeitslosigkeit weiter zurückgeht.

Was stimmt Sie so positiv, dass es – wie Sie in Ihrem Buch schreiben – zur Vollbeschäftigung kommen wird?
Denken Sie an das Jahr 2009. Das war das konjunkturell schlimmste Jahr seit 1931. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt blieben allerdings äußerst gering. Die Unternehmen hielten an ihren Mitarbeitern fest und griffen zum Beispiel auf Kurzarbeit zurück. Die Firmen wussten, wenn man qualifizierte Mitarbeiter entlässt, bekommt man sie später vielleicht nicht mehr wieder.
In der Zukunft wird die demografische Entwicklung noch dramatischer verlaufen. 2020 scheiden die Babyboomer aus dem Erwerbsleben aus. Lehrlinge sind zum Beispiel schon heute knapp. Man weiß also als Unternehmer, dass es immer schwerer wird, Fachkräfte zu finden. Ein zweiter Grund neben der Demografie ist die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht – vor allem in der letzten Dekade. Es gab eine deutliche Reallohnzurückhaltung. Beides – die demografische Entwicklung und die Wettbewerbsfähigkeit – werden zur Vollbeschäftigung führen. Wir haben sie ja schon in einigen Regionen: In Südbayern liegt die Arbeitslosenquote deutlich unter drei Prozent. Bis das auch in anderen Regionen eintritt, dauert es natürlich. Aber bei den Fachkräften können Sie einen Mangel schon erkennen, selbst in Ostdeutschland. Und irgendwann schlägt das durch auf alle Beschäftigten – und zwar durch Substitutionsprozesse. Wenn Sie als Unternehmer nicht mehr die am besten Ausgebildeten bekommen, dann müssen Sie die etwas schlechter ausgebildeten nehmen und sie für die entsprechenden Jobs weiterbilden. Und das machen immer mehr Unternehmen.

Man muss allerdings sagen, dass die Anforderungen in der Arbeitsgesellschaft sich doch immens erhöht haben. Die Arbeitswelt ist dynamischer geworden. Die Digitalisierung spielt zudem eine immer größere Rolle. Nicht jeder kommt da mehr mit.
Ich warne vor einer allzu deterministischen Sicht, die Entwicklungen der Vergangenheit einfach fortschreibt. Aber in der Tat: Der Strukturwandel der letzten 20, 30 Jahre hat dafür gesorgt, dass die rein physische Arbeit nicht mehr so gefragt ist wie früher. Und die, die mit Computern umgehen können, sind klar im Vorteil. Lassen wir jedoch mal die Dinge gedanklich weiterlaufen: Manche Experten vermuten – und ich halte das nicht für unplausibel –, dass in einer nächsten Welle eher intellektuelle Routinearbeiten substituiert werden, so etwas wie der Buchhalter, und nicht die Jobs, die eher physisch sind. Die wiederum könnten eine Renaissance erleben. In dem Moment, in dem die Beschäftigungsquote insgesamt steigt, nimmt auch die Verdichtung der Arbeitsteilung zu. Denn es gibt dann immer weniger Menschen, die Zeit haben. Dann entstehen auch neue Jobs der einfachsten Art. Jetzt, da wir gerade sprechen, geht zum Beispiel ein Dog-Walker mit unserem Familienhund spazieren. Dafür braucht man keine großen Qualifikationen, aber Tierliebe und Zuverlässigkeit.

Aber ist jede Beschäftigung gut? Es gibt Jobs, die hinsichtlich der Entlohnung und sonstiger Bedingungen mehr als fragwürdig sind.
Ich bestreite das nicht. Solche Arbeitsverhältnisse finden Sie jedoch eher in strukturschwachen Regionen. Die finden Sie weniger im Großraum München oder Stuttgart. Und in dem Augenblick, in dem sich der Arbeitsmarkt von ganz Deutschland diesen Regionen nähert, desto besser wird die Marktposition der Arbeitskräfte und desto stärker werden die Löhne steigen – und zwar in allen Bereichen. Ich bin deshalb nicht wirklich besorgt, dass ein moderater Mindestlohn großen Schaden anrichten wird. Zugegeben, es ist ein ordnungspolitischer Sündenfall, der nicht wirklich in die deutsche Soziale Marktwirtschaft passt. Aber es ist keine Katastrophe. Wir werden in den kommenden Jahren auch einen Rückgang der befristeten Beschäftigungen bekommen. Die Unternehmen werden einen immer größeren Anreiz haben, ihre Leute zu binden und gut zu behandeln. Die Zeit prekärer Beschäftigung wird in einigen Jahren zu Ende gehen.