„Man muss auf die Kultur aufpassen“

Beim Spiele-Entwickler Wooga kommen 55 Prozent der 270 Mitarbeiter nicht aus Deutschland. Die Personalabteilung hilft bei der Eingewöhnung, erzählt Personalchefin Gitta Blatt.

Frau Blatt, warum ist es für Wooga so wichtig, eine internationale Belegschaft zu haben?

Wir machen Online-Spiele, die auf allen Kontinenten in allen Ländern gespielt werden. Und es ist ziemlich schwer für einen 20-jährigen deutschen Spiele-Entwickler, beispielsweise ein erfolgreiches Spiel für eine brasilianische 40-Jährige zu entwickeln. Denn die Anforderungen und die Bedürfnisse an das Spielen sind in den verschiedenen Ländern und Kulturen sehr unterschiedlich. Um diese unterschiedlichen Blickwinkel einzufangen und zu berücksichtigen hilft es, vorab in den Spieleentwickler-Teams eine kreative Diskussion zu führen. Denn wir glauben, dass es uns stark macht, wenn wir diese Blickwinkel bereits ganz früh mit den Kollegen im Team ausprobieren und nicht erst bei der Marktforschung am Kunden.

Bei Wooga arbeiten Menschen aus 38 Nationen. Wie haben Sie es geschafft, so viele Menschen aus verschiedenen Nationen nach Berlin zu locken?

Angefangen damit haben wir sehr früh. Unser Gründer und CEO, Jens Begemann, hat es von Beginn an zur Unternehmensphilosophie gemacht, mit einem internationalen Team zu arbeiten. Gleich das erste Gaming-Team war international. Natürlich fängt das zart an und auch mit den Nationen die leichter zu integrieren sind, vor allem aus dem europäischen Ausland. Aber wir sind dann schnell um Mitarbeiter aus Süd- und Mittelamerika und aus den nordischen Ländern gewachsen. Das hat viel damit zu tun, dass es dort extrem gute Universitäten und Ausbildungswege gibt. Da haben andere Länder einen größeren Vorsprung und den versuchen wir zu nutzen. Der Rest passierte dann automatisch: Es gibt viele Mitarbeiter, die Studienkollegen oder Freunde empfehlen. Daneben versuchen wir, international an Messen und Universitäten sichtbar zu werden.

Und was tun Sie, um die internationalen Mitarbeiter zu halten?

Es ist ja ein ganz besonderer Moment, wenn man einem Menschen einen Arbeitsvertrag gibt. Dann verändert man in dessen Leben ganz viel, jedenfalls wenn es um das Zuziehen aus dem Ausland zu uns nach Berlin geht. Da hängen unheimlich viele Facetten dran, die nicht nur mit dem Berufsleben zusammenhängen. Es fängt aber schon damit an, dass man ein Visum und eine Arbeitsgenehmigung braucht. Wir haben daher eine HR-Mitarbeiterin, die den neuen ‚Woogas’ damit hilft. Dann besorgen wir allen, die aus dem Ausland zu uns ziehen, für die ersten sechs bis acht Wochen eine Wohnung. Auch bei ganz privaten Themen wie einer Kontoeröffnung oder der Bestellung von Kabelfernsehen versuchen wir zu helfen. Generell ermöglichen wir den neuen Mitarbeitern durch unsere Unterstützung, sich schneller zuhause zu fühlen. Der Standort Berlin hilft da auch und spielt eine große Rolle.

Sie machen eine ganze Menge, um den Mitarbeitern den Start bei Wooga und auch in Berlin zu erleichtern. Was ist denn wichtiger, dass der Job passt oder das Umfeld?

Das Umfeld spielt eine große Rolle. Denn am Ende gibt es nicht nur den Job. Der muss zwar Spaß machen, ich muss meine Aufgaben und mein Team mögen und ich muss das bekommen was ich mir vorgestellt habe. Aber wenn das ganze Drumherum nur mühsam und anstrengend ist, reicht auch dieser vermeintliche Traumjob nicht. Dann halte ich das zwar einen Moment aus, aber es ist keine glückliche Lebensphase. Ich glaube, dass das heute sehr viel mehr ineinander greift.

Wir haben da auch dazugelernt. Denn wir haben ein paar tolle Leute verloren [Anm. der Redaktion: Wooga hat im vergangenen Jahr 160 neue Mitarbeiter eingestellt, acht haben das Unternehmen verlassen], die sagten: Wooga ist super, mein Job ist klasse, meine Aufgabe ist herrlich, aber ich komme in diesem Land nicht klar, ich habe Heimweh. Da haben wir uns vorgenommen, da was dran zu tun. Das kann sicherlich immer noch besser werden, aber das überhaupt erstmal zu verstehen war wichtig für uns.

Gibt es typische Konfliktsituationen, die aufgrund der verschiedenen Kulturen im Arbeitsalltag auftauchen?

Ich glaube, am Ende spiegeln sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen, die aus den verschiedenen Kulturen kommen, immer wieder in der Kommunikation wieder. Als typisch Deutsch werden wir zum Beispiel oft bezeichnet wenn wir konfrontativ, klar und kurz gefasst kommunizieren. Das kommt oft bei Kollegen anderer Nation gar nicht an und gilt als stur, starr, wenig emphatisch und zum Teil sogar ein bisschen arrogant. Und man selber hat schon das Gefühl, man hat in einer abgemilderten Form kommuniziert. Wir ermutigen die Mitarbeiter daher, in solchen Situationen direktes Feedback zu geben.

Wie würden Sie die Arbeitgebermarke „Wooga“ beschreiben?

Bei uns ist besonders, dass wir unabhängige Teams haben, die autark die Produkte entwickeln. Dann gibt es etwas, was wir übersetzt Verantwortung nennen. Verantwortung gehört bei uns dahin, wo ein Spiel entwickelt wird und nicht ins Management. Und eine andere Facette haben wir ‚Menscheln’ genannt. Das heißt, zu versuchen, so individuell wie möglich zu bleiben und nicht nach Richtlinien, Regeln und Standards zu funktionieren sondern eine Kultur zu haben, die wir ‚common sense’ nennen. Jeder soll mit dem anderen so umgehen, wie er möchte, dass mit ihm umgegangen wird. Das kann dann ganz unterschiedliche Alltagsfacetten haben. Wie einem Mitarbeiter ermöglichen, nach Hause zu fahren, wenn eine Krankheit in der Familie ist. Ohne den Blick auf Urlaubs- und Krankenregelungen.

Auf diese Kultur muss man aufpassen, sie gemeinsam pflegen und leben. Sonst wird so was, gerade bei so einem schnellen Wachstum wie bei uns, auch schnell anders.