„Man sollte sich selbst eine Chance geben“

Beim Thema Frauen in Führungspositionen hat sich einiges getan, sagt Annette Stieve. Die Geschäftsführerin bei Faurecia und Managerin des Jahres ist aber auch der Meinung, dass Frauen gerade am Anfang ihrer Karriere etwas Ermutigung brauchen.

Im September ist Annette Stieve in Berlin mit dem Mestemacher Preis „Managerin des Jahres 2016“ ausgezeichnet worden. Das Stiftungsunternehmen Mestemacher honorierte mit dieser Auszeichnung ihre herausragenden Leistungen als Geschäftsführerin sowie ihr außerordentliches Engagement für die Entwicklung von Frauen in Führungspositionen, wie es in der Begründung hieß. „Vielfalt kann ein Unternehmen erfolgreich machen“, sagte Annette Stieve auf der Preisverleihung. „Es ist an uns, die wir in Führungspositionen sind, diese Vielfalt noch stärker zu fördern und zu leben.“

Frau Stieve, mit dem Mestemacher Preis haben Sie eine Auszeichnung für Ihre Leistungen als Geschäftsführerin von Faurecia bekommen. Sie sind in der Automobilbranche tätig und das im Bereich Finanzen. Beides ist eher männerdominiert. Sind Sie besonders zäh und durchsetzungsstark?
(lacht) Ich habe den Preis insbesondere dafür bekommen, dass ich in meinem Bereich über Jahre hinweg sehr viele weibliche Führungskräfte gefördert und entwickelt habe. Dabei habe ich das gar nicht so bewusst gemacht, sondern gemeinsam mit meinem Team gezielt nach den Qualifikationen entschieden.

Aber muss man besonders durchsetzungsstark sein, um Geschäftsführerin zu werden?
Den Begriff Durchsetzungsstärke würde ich nicht verwenden. Aber man muss schon wissen, was man will. Sich nicht entscheiden zu können ist für die Karriere sicherlich ein Nachteil, egal ob als Frau oder als Mann.

Mussten Sie im Laufe Ihrer Karriere gegen Männernetzwerke oder Seilschaften ankämpfen?
Interessanterweise werde ich das oft gefragt. Nein, ich musste mich überhaupt nicht gegen irgendwelche Männerbünde zur Wehr setzen. Im Gegenteil. Ich hatte das Glück, mehrere Kollegen und Vorgesetzte kennenzulernen, die mich gefördert haben.

Warum gibt es eigentlich so wenige Frauen in der Automobilbranche?
Ich denke, dass in eher technischen Branchen weniger Frauen zu finden sind, hat seinen Ursprung bereits in der Kindererziehung. Lange Zeit wurden Mädchen von technischen Themen ferngehalten, weil es nicht dem Rollenbild entsprach. Hier hat sich in den letzten Jahren aber einiges verändert. Außerdem muss man sich die Schul- und die Berufsausbildung anschauen und fragen: Wie interessiere ich beide Geschlechter für technische Berufe? Man kann nur in den Dingen gut sein, für die man auch brennt. Und diese Leidenschaft sollte bereits frühzeitig entfacht werden – bei Jungen und Mädchen.

Gibt es einen weiblichen Führungsstil?
Ich weiß nicht, ob es den gibt. Ich denke aber doch, dass Frauen in manchen Situationen ein anderes Verhalten als Männer zeigen. Und das ist auch gut so. Ich merke die Unterschiedlichkeit zum Beispiel mit Blick auf meine männlichen Kollegen in der Geschäftsführung. Wir ergänzen uns allerdings sehr gut und das wird auch so wahrgenommen von anderen. Für uns ist Frauenförderung ein wichtiges Thema – und zwar immer unter dem Aspekt der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine einseitige Förderung zulasten der Männer ist keine Lösung.

Zeigt sich die Frauenförderung bei Ihnen auch in einer höheren Quote von Frauen in Führungspositionen?
Wir haben vor ungefähr zwei Jahren angefangen, die Frauenförderung im Rahmen der Diversity-Initiative „women@faurecia“ richtig voranzutreiben. Seitdem hat sich einiges bei uns getan. Es geht hierbei nicht nur um Lippenbekenntnisse. Sondern wir haben uns zum Ziel gesetzt, Frauen bei Faurecia zu fördern und insbesondere den Frauenanteil in Führungspositionen zu steigern. Dafür wurden  Arbeitsgemeinschaften gebildet, in denen Frauen erarbeiten, was ihnen wichtig ist. Aus diesen Ideen haben wir konkrete Maßnahmen mit unterschiedlichen Prioritäten abgeleitet. Zum Beispiel achten wir verstärkt darauf, dass auf der Shortlist für die Besetzung wichtiger Stellen oder in Bezug auf die Benennung von Kandidaten für höhere Positionen Frauen und Männer stehen – das betrifft auch technische Berufe.

Wie hoch ist die Frauenquote bei Faurecia?
Wir stehen ganz gut da. In der gesamten Automobilbranche beträgt die Frauenquote etwa 17 Prozent. Wir liegen bei 28 Prozent und bei den Management- und Professional-Positionen sind es 21 Prozent. Wir sind ein produzierendes Gewerbe, deshalb ist die Quote sicherlich geringer als in anderen Branchen wie beispielsweise im Einzelhandel. Aber wir sind auf einem guten Weg.

Wie beurteilen Sie ganz allgemein das Thema Frauen in Führungspositionen in Deutschland? Hat sich da ebenfalls etwas getan in den vergangenen Jahren?
Es hat sich eine ganze Menge getan. Das liegt auch an einem veränderten Selbst- und Rollenverständnis der Frauen – in der Arbeitswelt sowie im privaten Bereich. Das Thema Frauen in Führungspositionen lässt sich nur mit Blick auf beide Gebiete diskutieren. Der Wandel betrifft also zum Beispiel auch Lebenspartnerschaften. Junge Väter wollen heute ihren Teil zum Familienleben beitragen. Ein Trend, den wir bei Faurecia ebenfalls bemerken, unter anderem in Bezug auf das Thema Elternzeit. Der Arbeitgeber kann seinen Teil zur Vereinbarung von Familie und Karriere leisten, indem er Flexibilität und motivierende Bedingungen bietet. Es ist jedoch ebenso wichtig, dass innerhalb einer Familie ausgehandelt wird, wie die Familienarbeit ablaufen soll und nicht von vorneherein feststeht, dass diese allein an der Frau hängen bleibt. Das hat etwas mit Sozialisation und Werten zu tun.

Sie haben einige Programme gestartet bei Faurecia. Aber wie schwierig ist es, die Führungskräfte für Diversity zu sensibilisieren? Es braucht sicherlich viel neues Denken, das nicht von heute auf morgen da ist.
Das ist richtig. Es braucht permanent neues Denken. Obwohl ich feststelle, dass wir die alten Zeiten schon verlassen haben. Als Berufsanfängerin habe ich noch ein gewisses arrogantes Verhalten gegenüber Frauen erlebt, so nach dem Motto „Auf der Position kann man es mal mit einer Frau probieren.“ Das ist heute anders. Unternehmen sind auf das Potenzial und das Können der Frauen angewiesen. Mit dem entsprechenden Respekt werden ihnen die Jobs angeboten. Viel relevanter ist heute die Frage, wie man als Arbeitgeber mit dem Thema Familienplanung und einer eventuellen Pause vom Beruf umgeht: Wie erleichtert man den Frauen das Weiterarbeiten beziehungsweise den Wiedereinstieg? Gerade im Führungskräfte-Bereich ist das Weiterarbeiten eine große Herausforderung. Beide Seiten – sowohl das Unternehmen als auch die Frau und deren Partner – müssen flexible Wege gehen. Wir bei Faurecia ermöglichen unter anderem große Flexibilität hinsichtlich Arbeitszeit und -ort.

Warum sind Sie nach Ihrer Zeit bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu einem Automobilzulieferer gewechselt?
Ich habe mich bewusst für ein produzierendes Gewerbe entschieden. Die Automotive-Industrie, insbesondere die Branche der Automobilzulieferer, hat mich deshalb angesprochen, weil sie mit knappen Margen arbeitet. Finanzzahlen sind hier ganz besonders wichtig. Zudem habe ich eine gewisse Technik-Affinität. Das hat ebenfalls eine Rolle gespielt.

Was denken Sie, hat Ihnen für Ihre Karriere am meisten geholfen?
Von Anfang an hatte ich das Glück, auf Vorgesetzte zu treffen, die mich mit Freude gefördert haben. Das ist ganz wichtig. Gerade Frauen brauchen manchmal am Anfang ihrer Karriere ein wenig Ermutigung, sich etwas zuzutrauen. Männer sind oft ein bisschen forscher. Auch müssen sich Frauen in punkto Karriere immer noch mehr rechtfertigen als Männer. Nichtsdestotrotz kommen sie heute genauso ans Ziel, weil sie beharrlich sein können und ihr Netzwerk nutzen.

Sind Sie eine gute Netzwerkerin?
Ja, das denke ich schon.

Wie wichtig ist das, um erfolgreich zu sein im Job?
Gerade vor dem Hintergrund der neuen Medien und des zunehmenden dezentralen Arbeitens, sind Netzwerke und Ansprechpartner sehr wichtig. Die disziplinübergreifende Zusammenarbeit spielt eine immer größere Rolle.

Sie sind bereits seit mehr als 20 Jahren bei Faurecia. So lange bei einem Unternehmen zu bleiben, ist heutzutage eher ungewöhnlich. Warum haben Sie nicht gewechselt?
Ich hatte nie das Ziel, 20 Jahre hier zu bleiben. Aber es hat immer wieder ganz neue Herausforderungen gegeben, die spannend waren. Die kontinuierliche Veränderung zeichnet die Automobilbranche auch aus. Nun gewinnen Themen wie das autonome Fahren oder die Elektromobilität massiv an Bedeutung. Es gibt keinen Stillstand – und genau darin liegt der Reiz.

Was würden Sie jungen Frauen raten, die am Anfang ihrer Karriere stehen? Worauf sollten sie ganz besonders achten?
In der heutigen Arbeitswelt gibt es so viele Möglichkeiten. Ich glaube, es ist wichtig, in sich hineinzuhören und sich zu fragen, was man wirklich will. Man sollte sich selbst eine Chance geben und das, was man möchte, zielstrebig verfolgen. Ich würde raten, sich auf die eigenen Interessen zu spezialisieren. So kann Leidenschaft entstehen. Das ist eine entscheidende Voraussetzung, um andere zu überzeugen und gut zu sein, in dem, was man tut.

Die Digitalisierung bringt viele Veränderungen mit sich. Ist es eine Sache des Mutes, hier erfolgreich zu sein?
Ja, es braucht durchaus Mut. Häufig sind wir von Ängsten getrieben, wenn wir uns mit etwas nicht auskennen. Dabei bietet die Digitalisierung unglaublich viele Möglichkeiten. Wir sollten den Neuerungen offen gegenüber stehen. Natürlich wird es Veränderungen geben, aber sicher auch viele positive. So wird uns die Digitalisierung beispielsweise viele lästige Arbeiten abnehmen.

Die Digitalisierung wird HR massiv verändern, sagt man. Würden Sie das über den Bereich Finanzen im Unternehmen ebenfalls sagen?
Die Digitalisierung zieht sich durch alle Fachbereiche und betrifft natürlich auch den Bereich Finanzen. Viele haben noch das Klischee vom Buchhalter im Kopf, der, schon leicht ergraut und mit den obligatorischen Ärmelschonern am Jackett, sich hinter Bergen von Akten verschanzt, um eine Menge Papier abzuarbeiten.

Ist das bei Ihnen anders?
(lacht) In der Regel sind sämtliche Finance-Leute hochkarätige Analysten. IT-Programme unterstützen ihre Arbeit, beispielsweise durch eine automatische Datengenerierung. Die Analysten müssen in der Lage sein, mit den Daten zu arbeiten und aus diesen die richtigen Schlüsse ziehen. Die Digitalisierung hat also auch bei uns dazu geführt, dass manche Arbeiten automatisiert wurden und so mehr Freiraum für analytische, konzeptionelle und strategische Tätigkeiten entstanden ist. Wir können noch stärker den Fokus auf Risiken und Potenziale richten und müssen uns nicht mehr aufwändig mit dem Zusammentragen von Zahlen und Daten beschäftigen. Die Digitalisierung entlastet uns vom stupiden Abarbeiten.

Waren Sie schon mal im Silicon Valley?
(lacht) Nein, noch nicht direkt. Aber wir haben hier ebenfalls einige Valleys in der Nähe. Und da war ich schon.