Dem Ego auf der Spur

Ulrich G. Strunz, Sohn von Fitnesspapst Ulrich Strunz
Ulrich G. Strunz © Kai Blaschke

Ulrich G. Strunz, Sohn eines bekannten Fitnesspapstes, war antriebslos und übergewichtig. Ein Satz seines Vaters rüttelte ihn wach. Er änderte sein Leben radikal und begann nicht nur seinen Körper, sondern auch sein Gehirn zu trainieren. Ein Erfahrungsbericht.

Vor sechs Jahren war ich der klassische Millennial: verantwortungsscheu, konfrontationsängstlich, ohne inneren Antrieb, aber irgendwie zufrieden mit dem Leben. Jedoch definitiv nicht glücklich! Ich bin der Sohn des Fitnesspapstes Ulrich Strunz und brachte 2012 kurz vor Weihnachten 94,5 kg auf die Waage, bei 180 cm Körpergröße. Obwohl ich unter Asthma litt, rauchte ich Zigaretten und trank regelmäßig zuckerhaltige Alkoholcocktails. Ich war Single, hatte ein kleines IT-Unternehmen gegründet und studierte vor mich hin.

HRM Neuro

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Am 2. Januar 2013 änderte ich mein Leben radikal. Ich joggte durchschnittlich sechsmal die Woche mindestens dreißig Minuten. Ich machte Körpereigengewichtstraining und ernährte mich ohne Kohlenhydrate, kein Low-Carb, sondern hartes No-Carb. Zwei Monate später hatte ich 16 Kilo abgenommen, mein Körperfett lag bei zwölf Prozent. Das sind die harten Fakten, doch sie erklären nicht, warum ich mich änderte und wie ich das geschafft habe.

Mein rigoroser Wandel nahm seinen Anfang Weihnachten 2012. Mein Vater sagte etwas, das meine größte innere Angst berührte: „Nichts, was du bislang erreicht hast, hast du selbstständig erreicht.“ Dieser Satz traf mich direkt ins Herz. Das nächste, was ich fühlte, war jedoch das Vertrauen, dass mein Vater mich nicht verletzen, sondern einen negativen inneren Glaubenssatz berühren wollte.

Ich begann wieder Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Ich erinnerte mich an Meditationstechniken, die ich als Kind gelernt hatte. Ich stellte mir vor, wie es sich anfühlen würde, so zu sein, wie ich sein will. Ich kreierte meine Vision nicht als Bild, sondern als Gefühl, mit jeder kleinsten dazugehörigen Facette. Ich stellte mir vor, wie sich mein Körper, in dem ich mich wohlfühle, während des Alltags anfühlt. Ich versuchte das Gefühl ausfindig zu machen, welches im normalen Alltag in mir schlummert, wenn ich zufrieden mit mir und meiner Umgebung bin. Ich habe damit mein Ich programmiert, meine somatische Intelligenz angekurbelt. Denn was Ernährungsformen angeht, bin ich sehr adaptiv.

Wir können also unsere eigenen Gefühle beobachten und erkennen. Doch Achtung – Gefühle sind nicht Emotionen: Emotionen können wir betiteln, uns also ungefähr vorstellen, wie sich Freude, Angst und Verwirrung anfühlen. Gefühle hingegen sind magisch. Sie liegen in jedem Menschen unantastbar verborgen. Sie zu erkennen, ist wichtig, denn Gefühle sind für unser Ego verantwortlich.

Indem wir meditieren, können wir uns von diesem Ego freimachen, das von unbewussten Glaubenssätzen geleitet wird. Das wache Ego hilft uns, in der materialistischen Welt zurechtzukommen und produziert Gedanken wie „Ich will diese Situation meistern, damit ich besser dastehe als alle anderen“ oder „Ich darf hier nicht versagen, damit ich nicht tollpatschig wirke“. Das wache Ego sorgt dafür, dass wir unseren Fokus auf das Erbringen von Leistung setzen. Ein waches Ego kann vorteilhaft sein. Volition, also die bewusste Umsetzung von Zielen, Durchsetzungskraft und Verhandlungsgeschick, baut auf positiven Glaubenssätzen auf. Nur was ist mit den vielen negativen Glaubenssätzen, die uns ebenfalls kontrollieren? Diesen Glaubenssätzen können wir mittels Meditation und dem Beobachten unserer Gefühle auf die Spur kommen. Und so unser verstecktes Ego besser verstehen, das sich aus unserem Unterbewusstsein formt.

Meditation erfordert Training

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Meditation das Gehirn verändert. Sie erhöht die Aktivität im präfrontalen Kortex. Das ist der Teil des Gehirns, der für die Planung und Kontrolle von Handlungen und das Abschätzen von Konsequenzen verantwortlich ist. Auch das Gedächtniszentrum, der Hippocampus, sowie die Amygdala, unsere Angstverarbeitung, profitieren messbar von der Meditation. Wir werden durch Meditieren entspannter und souveräner.

Jedoch muss das Gehirn erst einmal trainiert werden, genauso wie ein Muskel. Gerade Meditationsanfänger sind an dieser Stelle besonders gefordert. Denn Meditation gelingt nur dann, wenn sie auch in den Alltag integriert wird. Heißt das, wir müssen den Tag noch mehr durchplanen, um Zeit für Mantras freizuräumen? Die gute Nachricht ist: Beides, früheres Aufstehen oder die Optimierung der Prioritäten, würde gerade für Anfänger sowieso nicht funktionieren. Wollen wir etwas Neues in unser Leben integrieren, sollte sich das Neue erst einmal an unseren Alltag anpassen. Und nicht andersherum. Meditation ist zu Beginn eine Konzentrationsübung, wir können auch im Alltag kurz meditieren. Es geht nur darum, etwas zu fokussieren, zum Beispiel unseren Atem.

Übung eins: Wenn Sie einatmen, denken Sie: „Ich atme ein“. Wenn Sie ausatmen: „Ich atme aus“. Das machen Sie vielleicht 20 Sekunden lang. Dann denken Sie womöglich: „Ist das blöd. Das funktioniert nicht. Ich muss etwas Sinnvolleres tun.“ Phantastisch. Ihr erster Erfolg. Gleich weiter mit Übung zwei: Beobachten Sie diesen Gedanken. Was denken Sie als nächstes? Und am wichtigsten: Wie fühlt sich der Gedanke an? Nehmen wir das vorherige Beispiel. Fragen Sie sich, welche Emotion Ihre Gedanken in Ihnen ausgelöst haben. Und: Fühlt sich das gerade gut an? Es fühlt sich nicht gut an, nicht wahr?

Wenn wir uns bei einer solchen Konzentrationsübung dabei ertappen, dass sich unsere innere Stimme eher anfühlt wie eine Ohrfeige, liegt das oftmals an negativen inneren Glaubenssätzen, die unpassende Emotionen in uns produzieren. Es entsteht eine Dissonanz. Mögliche negative Glaubenssätze, die unsere Beispiel-Dissonanz erklärten, wären: „Ich habe viel Lebenszeit mit Nutzlosem vergeudet“ oder „Ich setze meine Prioritäten grundsätzlich falsch“ oder „Die Welt ist voller realitätsferner Scharlatane, die mir schaden wollen.“

Die dritte Übung besteht nun darin, auf das eigene Leben zu schauen und ein Erlebnis zu finden, das den negativen Glaubenssatz eindeutig widerlegt. Ein Erlebnis, das Sie persönlich erfahren haben. Diese Erinnerung verdichten Sie zu einem knappen Satz und beginnen täglich, diesen Satz schweigend und mit geöffneten Augen zu wiederholen. Auch gern als Reim, Melodie oder abstraktes Bild.

Das mentale Immunsystem

Diese inneren Glaubenssätze aufzudecken und den Gegenbeweis als neues Programm einzupflanzen, generiert mehr Handlungsspielräume, mehr Kontrolle über das eigene Ich. Ist Meditation damit ein effektiver und kostenloser Stress- und Depressionskiller? Der Heilige Gral für Mitarbeiterführung, der uns nachhaltig handlungsfähiger und resistenter gegen die Ungewissheiten der komplexen Welt macht? Ja! Meditation ist Kapital für den Kopf. Unser mentales Immunsystem.

Die Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett hat unlängst aufgedeckt, dass Emotionen das Resultat von Handlungen sind, nicht andersherum. Das bedeutet, dass das tradierte Modell von Stimulus -> Gehirn -> Handlung überholt ist und der Mensch in jeder Sekunde in einen neuen Zustand wechselt. Unser Gehirn teilt uns mittels Emotionen mit, was das für ein Zustand ist.

Der Mensch ist also ständig in einem leicht oder stark andersartigen emotionalen Zustand, als er es drei Sekunden zuvor war. Streng rationale Entscheidungen gibt es somit nicht. Folglich ist die gesamte ökonomische Realität ein Meer aus Emotionen. Das gilt auch für jeden Konzern, jede Abteilung, jede Projektarbeit, jede vertragliche Einigung. John David Sterman, Professor für Management und Direktor der MIT System Dynamics Group, geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn ist jeder Markt ein Netz aus sich gegenseitig beeinflussenden menschlichen Glaubenssätzen.

Was sind also meine konkreten Handlungsoptionen für Führungskräfte? Seien Sie sich im Klaren darüber, dass unser Handeln unsere Emotionen bestimmt – und nicht andersrum: Es lohnt sich, innere Glaubenssätze aufzudecken und sie zu überschreiben, weil sie uns bis zu 95 Prozent unbewusst durch unseren Alltag steuern. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Die beste Motivation ist die Vorbildfunktion: Der US-amerikanische Unternehmer Tim Ferriss hat für sein Buch „Tools der Titanen“ 200 Weltklasse-Performer interviewt. 80 Prozent von ihnen meditieren.