Mehr Frechmut bitte – nein, gefälligst!

Viele HR-Manager agieren mutlos und jammern lieber über ihren mangelnden Stand im Unternehmen, als anzupacken und aktiv zu werden. Doch Einfluss muss man sich erarbeiten. Ein Plädoyer für eine Einstellungsänderung.

Die Trendstudie des geva-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Personalmanager (BPM) zeigt:  Der Fachkräftemangel ist das Thema Nummer eins für Deutschlands Personalmanager. Dieses Resultat ist ebenso wenig überraschend wie die Erkenntnis aus anderen Studien, dass es bei jeder vierten Stellenbesetzung zu Schwierigkeiten durch fehlende Bewerbungen kommt. Erstaunlich, wie mutlos wir Personaler dieser Herausforderung begegnen. Dabei gibt es eine einfache Lösung: Anpacken. Die Voraussetzung dazu ist auch eine Einstellungssache – mehr Frechmut!

HR im Rollendilemma

HR fährt mit angezogener Handbremse, agiert reaktiv, ja ängstlich. Es träumt davon, Business Partner auf Augenhöhe zu sein. Und beklagt sich mit der Regelmäßigkeit von Orgelpfeifen über mangelnde Wertschätzung, knappe Budgets und fehlenden Einfluss. Ursachenforschung:

  1. HR ist Sittenwächter der gesetzlichen und innerbetrieblichen Spielregeln und wird in die Rolle der innerbetrieblichen Mahn- und Verhinderungsinstanz gedrängt.
  2. Administrative Aufgaben wie die Lohnbuchhaltung sind noch immer essenziell. Das erfordert „bewahrende“ Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Genauigkeit oder Verschwiegenheit.
  3. Management-Know-how fehlt, weil ins HR wechselte, wer etwas mit Menschen machen wollte. Voraussetzung dafür, so die gängige Meinung: Empathie statt Master.

Im Spannungsfeld zwischen der Rolle als Verteidiger in einem eng abgesteckten Spielfeld und dem Auslösen kreativer Spielzüge als Spielmacher auf der grünen Wiese beißen wir uns die Zähne aus. Auch die Talente zeigen uns in ihrer Laufbahnplanung die kalte Schulter, weil Lohn, Prestige und Entwicklungsmöglichkeiten anderswo vielversprechender sind. Dabei bietet die Personalwelt großartige Chancen, sich an der Unternehmensentwicklung jenseits von Sozialromantik und Helfergroove zu beteiligen.

Den Bremsklotz lösen

Wir müssen etwas tun, festgefahrene Bremsklötze lösen. Einer davon: Das Jammern. Die Probleme lösen wir nicht einfach mit einem Fingerschnipp. „Es ist halt nicht einfach“, sagen viele. Genau. Nur, wer hat gesagt, es sei einfach? Es wird gejammert und lamentiert. Die HR-Trendstudie: „Die größten Sorgenkinder sind die mangelnde Einflussnahme auf die Unternehmensstrategie, gefolgt von der Kommunikation und der Innovationskultur“. Ach so? Ist es nicht überall so, dass man sich Einfluss erarbeiten muss? Indem man mit seinem Tun einen Mehrwert liefert? Und wie innovativ und kommunikationsstark sind wir denn selber? Genug, um mehr Einfluss einfordern können?

Wir müssen die Kopfbremsen lösen, mit Leidenschaft Personalarbeit machen und unsere HR-Wohlfühloasen verlassen. Das braucht Mut, besser noch, eine gute Portion Frechmut.

Frechmut – eine Einstellungssache

Ich bin mir sicher: Die richtige Einstellung zählt. Ich nenne diese mentale Haltung ganz einfach Frechmut. Dieser ist in doppeltem Sinne eine Einstellungssache: So hilft Frechmut bei der Bewältigung des Fachkräftemangels, indem er im „war for eyeballs“ für die nötige Aufmerksamkeit und letztlich für ausreichend Bewerbungen sorgt. Frechmut ist aber auch eine Einstellungssache, die zwischen den Ohren abläuft. Begleiten Sie mich in eine kurze Gedankenreise durch zwei der fünf Essenzen meines Frechmuts:

Frech

Abertausende von Werbeinseraten fristen seit Jahrzehnten ein trauriges Dasein: Wenig Informationsgehalt, wahre Floskelorgien ohne Emotionen. Der wichtigste Kanal der Personalwerbung versprüht den Charme einer Sowjet-Kolchose. Der „war for talents“ wird mit den Waffen unserer Großväter geschlagen. Es geht auch anders. Unternehmen wie die Schweizer Swisscom, Stihl oder auch die Techniker Krankenkasse achten darauf, dass Unternehmens- und Personalkommunikation aus einem Guss kommen und Arbeitsplätze mit derselben Professionalität und Leidenschaft wie neue Produkte beworben werden. Voraussetzungen dafür sind Fähigkeiten, die im HR bisher nicht im Vordergrund standen: Medienkompetenzen zum Beispiel. Oder Marketingwissen.

Personal- und Unternehmenskommunikation rücken näher zusammen. Bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) zeichnet dieselbe Agentur – eine der besten des Landes – für die Kampagnen von Unternehmenskommunikation und Personalmarketing verantwortlich. „Ein langweiliges Unternehmen zieht kaum spannende Leute an“, sagt der Zürcher Werber Markus Ruf. So bewerben die VBZ schon auch mal Dessous-Verkäuferinnen für die freien Tramcockpits oder lassen den bekannten Stilexperten Clifford Lilley von den Berufskleidern in der Trendfarbe Blau schwärmen.

In der Personalwerbung geht es verstärkt darum, Grenzen auszuloten und lustvoll zu verschieben. Eine Prise Provokation wird, abgeschmeckt mit einem sympathischen Augenzwinkern, zum Salz im faden Einheitsbrei der Personalwerbung.

Mut

Mut beginnt im (vermeintlich) Kleinen. Zum Beispiel bei Absagen auf Bewerbungen. Banal, denken Sie? Von wegen, das ist Employer Branding pur. Portale wie Kununu zerren Verstöße gegen Anstand und Ehrlichkeit gnadenlos in das Licht der Öffentlichkeit. Im digitalen Kommunikationszeitalter agieren Unternehmen und Bewerber auf Augenhöhe. Vorbei sind die „HR-Geberkonferenzen“, als wir Personaler-Fürsten großzügigerweise ein paar Stellen an die Bittsteller, sprich Bewerber, zu vergeben hatten. Der Wind hat gedreht und ruft nach einer ehrlichen, direkten Kommunikation.

Die Generation Y verlangt das von uns, und nicht nur sie. Bei Absagen wird eine rasche, verbindliche und transparente Kommunikation auf den Prüfstand gestellt. Viele versagen dabei. Es wird gesündigt – aus Bequemlichkeit, aus Angst, gegen Gleichstellungsgesetze zu verstoßen, vielleicht einfach aus Gewohnheit. Und sicher auch deshalb, weil es an Mut fehlt. Fatal, denn jede Bewerbung ist ein starker Vertrauensbeweis in die Arbeitgebermarke. Diesen Vorschuss gilt es, mit Ehrlichkeit, Transparenz und authentischer Kommunikation zurückzuzahlen. Employer Branding ist so einfach.

Mehr Frechmut! Weil es nötig ist und darüber hinaus Spaß macht. „Die Personalarbeit bietet ein faszinierendes Universum denkbarer Möglichkeiten“, bringt es Professor Armin Trost auf den Punkt. Legen wir also los!