Gewinne nicht um der Gewinne willen

Gründe, die Arbeitgeber für die Einführung einer Mitarbeiterkapitalbeteiligung nennen, sind eine höhere Motivation und Bindung der Mitarbeiter.
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Der Wirtschaftswissenschaftler Wenzel Matiaske über finanzielle Mitarbeiterbeteiligung und den eigentlichen Zweck von Unternehmen.

Herr Professor Matiaske, Juso-Chef Kevin Kühnert hat Anfang des Jahres erklärt, er fände Kollektivierungen von Unternehmen nicht abwegig und hat damit bei einigen Parteien Entsetzen ausgelöst. Verstaatlichung ist die eine Möglichkeit, die Gesellschaft am Erfolg von Unternehmen teilhaben zu lassen. Es gibt aber auch weniger radikale Wege, zum Beispiel indem  Arbeitgeber an die Beschäftigten Kapitalbeteiligungen ausgeben. Welches Potenzial sehen Sie hier?
Wenzel Matiaske:
Ich sehe ein großes Potenzial. Und die Gesetzgebung hat dieses schon vor zehn Jahren gesehen, als das Mitarbeiterkapitalbeteiligungsgesetz reformiert wurde.  Kapitalbeteiligungen sind vielversprechend, weil Arbeitnehmer so Vermögen bilden können. Beschäftigte werden de facto zu Mitunternehmern, ihnen gehört ein Teil der Firma.

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Auf welchem Stand ist Deutschland?
Es gibt hierzulande bereits eine Reihe von Unternehmen, die ihren Beschäftigten Kapitalbeteiligungen anbieten. Im europäischen Vergleich sind wir aber keine Vorreiter. Großbritannien und Frankreich liegen da klar vorn.

Woran liegt das?
Die Gewerkschaften waren lange dagegen. Aus dem folgenden Grund: Kapitalbeteiligungen können dazu führen, dass Beschäftigte weniger Lohn erhalten und es besteht die Gefahr, dass man schutzbedürftige Arbeitnehmer unternehmerischen Risiken aussetzt. Das ist aber unbegründet.

Sie haben über drei Jahre hinweg, Geschäftsleitungen und Betriebsräte in Unternehmen zu ihren finanziellen Mitarbeiterbeteiligungssystemen befragt. Wer will so etwas in der Regel einführen? Die Beschäftigten oder die Geschäftsführung?
Im Normalfall beschließt das die Geschäftsführung. Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung ist oft nur ein Teil eines Vergütungspakets. Teilweise bringen Unternehmen, die ihren Sitz etwa in Großbritannien oder den USA haben, ein Kapitalbeteiligungssystem auch mit. Unternehmen mit ausländischer Mutter weisen das Modell häufiger auf.

Warum geht die Initiative nicht von den Mitarbeitern aus?
In der Regel wissen Beschäftigte nicht im Detail, wie ein Unternehmen finanziell dasteht. Wenn aber die Geschäftsführung ein Kapitalbeteiligungsmodell einführen will, müssen sie Zahlen transparent machen. Unsere Studie zeigt, dass in Unternehmen, die sich dafür entschieden haben, auch mehr miteinander gesprochen wird: 
Man findet dort häufiger Qualitätszirkel, Zielvereinbarungen, Beteiligungsgespräche oder Mitarbeiterbefragungen. In Firmen mit Betriebsrat planen Geschäftsführung und Betriebsrat dann gemeinsam, wie sie das Modell umsetzen. Und hier vertritt der Betriebsrat dann natürlich auch die Arbeitnehmerinteressen.

Derzeit profitieren vor allem Führungskräfte von solchen Entlohnungsmodellen.
Ja, es profitieren vor allem Führungskräfte, aber auch viele qualifizierte Fachkräfte. In dem einen oder anderen Fall entbrennt sich eine Gerechtigkeitsdebatte, wenn diese dann feststellen, dass Erfolgsbeteiligungen, Prämien oder Boni im selben Unternehmen unterschiedlich ausgestaltet sind. Allerdings muss man sagen: Die Unternehmen, die ihre Beteiligungsmodelle wieder abgeschafft haben, geben als Grund dafür nicht ein Gerechtigkeitsproblem an. Ihnen ist vor allem der verwaltungstechnische Aufwand zu hoch.  

Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung wird von vielen Unternehmen als Incentive verstanden. Ist Geld nicht ein motivationaler Fehlanreiz?
Klar, Geld motiviert. Aber es fokussiert auch die Aufmerksamkeit. Und wirtschaftsethisch betrachtet müsste diese im Idealfall auf dem liegen, was sich im Gemeinwohl niederschlägt. Unternehmen sollten nicht nur Gewinne um der Gewinne willen machen, sondern weil sich diese aus dem Zweck des Unternehmens – quasi nebenbei – ergeben. In Unternehmen, die sich zum Beispiel in Form einer Produktivgenossenschaft gemeinschaftlich auf den Weg machen, geht es auch um ganz andere Fragen als die des Geldes. Da geht es dann darum, wer ist drinnen und wer ist draußen.

Ein Blick in die Zukunft: Wohin geht der Trend?
Auf europäischer Ebene gibt es einen starken Trend – auch des Gesetzgebers – hin zu Mitarbeiterkapitalbeteiligungen. Das sieht man derzeit vor allem in Großbritannien und Frankreich. Osteuropa hat historisch bedingt bereits eine Tradition für solche Modelle. In Transformationsökonomien musste man ja Formen finden , das Volkseigentum in ein marktwirtschaftliches System zu überführen. Bei uns ist bislang kein deutlicher Trend zu verzeichnen. Noch nicht. Ob Unternehmen solche Instrumente nutzen, hängt eben immer auch vom politischen Willen ab. Zum Beispiel, indem die Politik steuerliche Anreize bietet.

(c) privat
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Wenzel Matiaske ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg.