Mehr Muße wagen

Höher, schneller, weiter: In Führungsetagen wird zu oft in Prozess- und Effizienzdimensionen gedacht. Dabei ist die Freiheit verlorengegangen, auch mal nichts zu tun – und damit der Raum und die Zeit zur Reflexion, Kreativität und Entspannung.

Ein Lieblingsbegriff von Managern ist „Prozesse“. Wenn etwas schief geht, müssen sie verbessert werden, und wenn alles einwandfrei läuft, dann sowieso. Kaum ein Unternehmen, ob gut oder schlecht geführt, verzichtet heute auf Exzellenzprogramme. Die produzieren Hunderte Folien und kosten tausende Stunden Arbeitszeit – sei es direkt durch die vielen Meetings, sei es indirekt durch die Verunsicherung, die sie erzeugen. Denn jeder weiß, was meistens ihr Ziel ist: mehr Effizienz, weniger Kosten, mehr Druck.

Wenn Manager Prozesse optimieren, denken sie sich Unternehmen als eine Maschine, die geölt werden muss, deren Zahnräder auszutauschen sind und deren Betriebsspannung zu erhöhen ist, um den Output zu verbessern. Zum Problem wird diese Sichtweise, wenn Unternehmen immer mehr vom Engagement, vom Wissen und von der Kreativität ihrer Mitarbeiter abhängen. Von Menschen also, die ihren Job begeistert oder frustriert machen können. Die morgens mit Freude und Ideen ins Büro gehen – oder gleichgültig und innerlich gekündigt. Die Energie ins Unternehmen bringen – oder deren Job ihnen Energie und Gesundheit raubt.

Wenn Menschen ihre Arbeit als ein ständiges Beschleunigen und Verdichten erfahren, oft genug ohne Sinn und Verstand, fördert andauernde Prozessoptimierung genau das Gegenteil des ursprünglich Angestrebten. Denn wir sind keine Zahnräder, keine Prozessoren und keine Software. Wir benötigen einen für uns passenden Rahmen, der nicht nur aus Leistung bestehen darf. Dass zur An- immer auch Entspannung gehören muss, darauf hat schon der Heilige Benedikt in seiner Mönchsregel großen Wert gelegt und den Tagesablauf eingeteilt in ora und labora. Heute spricht man zwar viel von Work-Life-Balance, aber bei vielen Freizeitaktivitäten habe ich meine Zweifel, ob es sich dabei nicht doch eher um eine weitere Form von labora handelt: Wer wagt denn zuzugeben, dass er faulenzt, rumhängt und einfach nichts tut?

Einfach an nichts denken

Der heute etwas antiquiert klingende Begriff der Muße meint die Freiheit von äußeren Anforderungen für eine gewisse Zeit und damit Freiraum für Kreativität, für Spiritualität, für neue Impulse. Solche Momente der Muße wieder neu zu entdecken und einzuüben ist in einer beruflich wie privat so extrem beschleunigten Zeit unabdingbar für ein gesundes und sinnvolles Leben. Für viele Berufstätige ist das alles andere als Müßiggang, sondern oft genug harte Übung. Versuchen Sie doch mal, nur zehn Minuten still und mit geschlossenen Augen zu sitzen und an nichts zu denken. Tragen Sie sich in Outlook für eine halbe Stunde statt eines Meetings ein: „Nichts.“ Und tun Sie das dann auch. Seien Sie mutig und wagen Sie Muße! Sie werden sehen, wie gut sie Ihnen tut.

Wir tun ja heute so, als sei es ein Naturgesetz, dass alles immer schneller, dichter, zeit- und geldoptimierter wird. Dabei hat Muße die abendländische Kultur genauso geprägt wie das hohe Arbeitsethos, dem sich der moderne Mensch verpflichtet fühlt. In der Antike war das anders. Wer sich damals mit Erwerbsarbeit sein Leben verdienen musste, gehörte zur Unterschicht. Heute hingegen beziehen viele ihren Selbstwert daraus, wie wahnsinnig beschäftigt sie sind. Wenn ich aber in mir zu ruhen lerne, wenn ich meinen Wert darin sehe, was in mir ist, in meinen Gedanken, Ideen, Emotionen, wenn ich also nicht nur das sehe, was ich (geleistet) habe, sondern, was ich bin und auch, wie ich mit anderen Menschen umgehe, dann ist das gesünder. Hierfür wieder die Achtsamkeit zu schulen und aus verschiedenen spirituellen und philosophischen Traditionen Ansatzpunkte dafür aufzuzeigen, ist das Ziel unserer Akademie, um neue Zugangswege dafür zu eröffnen, was wirklich wichtig ist.

Muße als entscheidendes Medium

Das gilt ganz besonders für Führungskräfte. Denn wirksames Führen setzt vor allen sogenannten „Führungs-Tools“ eine bestimmte innere Haltung voraus, die die Bereitschaft zur eigenen Veränderung, die Eigenschaft der Neugier, die Fähigkeit zur Einnahme unterschiedlicher Blickwinkel, den Verzicht auf fertige Vorannahmen, Offenheit für andere Wirklichkeiten und vor allem Achtsamkeit und Achtung vor dem Anderen mit einschließt. Daher beschäftigen sich unsere Führungsseminare mit diesen Eigenschaften aus der Sicht der 1500 Jahre alten Ordensregel des Benedikt von Nursia und aus der Sicht der modernen Erkenntnis- und Systemtheorie. Die Teilnehmer bekommen dadurch einen neuen Blickwinkel auf ihre Organisation und ihre Mitarbeiter, vor allem aber auch auf sich selbst. Neben Vortragsimpulsen gibt es zeitliche Räume der Stille und Kurzmeditationen. Muße ist dabei das entscheidende Medium für mehr Achtsamkeit: sich selbst genauso wie anderen Menschen gegenüber.

Meine Erfahrung als Prior und Geschäftsführer der Klosterbetriebe von Andechs sagt mir, dass solche achtsamen Menschen kreativer und leistungsstärker im Job sind. Hier sind sie als Vorbilder gefragt, die in das Unternehmen hinein wirken können und die Balance von An- und Entspannung überzeugend praktizieren. Übersetzt in eine dieser beliebten Formeln heißt das „Management-by-Loslassen“ – abschalten, sich zurücknehmen, Dinge auch mal gut sein lassen. Genau hier könnte eine kluge Führungskultur ansetzen und neben allen Anforderungen auch Freiräume zulassen oder sogar bewusst schaffen. Wieso stellen Unternehmen heute zwar hochwertige Espressoautomaten und Flipperkästen auf, während Ruheräume mit Liegen, Decken und gedämpftem Licht die ganz große Ausnahme bleiben? Wieso gehen Teams häufig in Hochseilgärten, aber nicht in die Pinakothek, die Philharmonie – oder einfach nur spazieren? Ist das naive Utopie? Oder effizienzorientiertes Personalmanagement? Wenn es das wäre, könnte es meinetwegen auch so heißen auf den Folien von HR-Workshops.