Mehr Partizipation ist betriebswirtschaftlich notwendig

Mehr Teilhabe und Selbstbestimmung in Organisationen – das fordern immer mehr. Am 4.März feiert der Film „AUGENHÖHEwege“ Premiere, der die neue Arbeitswelt thematisiert und aufzeigt, wie Unternehmen den Weg zu einem Miteinander auf Augenhöhe gestalten. Das Projekt Augenhöhe wird von der Beratung HRpepper unterstützt. Gründer und Partner Matthias Meifert spricht im Interview über den übergreifenden Wunsch nach mehr Augenhöhe und über die zukünftige Dualität von Hierarchie und Netzwerkorganisation.  

Herr Meifert, im vergangenen Jahr bekam der Dokumentarfilm „Augenhöhe“, der eine „neue“ Arbeitswelt thematisiert, eine sehr große Aufmerksamkeit – auch gerade in der HR-Welt. Der Film zeigt Unternehmen, die Selbstbestimmung, Partizipation und Potenzialentfaltung wirklich leben. Wie erklären Sie sich den Erfolg des Films?
Der erste Film war im letzten Jahr in der Tat sehr erfolgreich und hat eine unglaubliche Energie freigesetzt. Es hat sich gezeigt, dass die Frage „Wie wollen wir in Zukunft zusammenarbeiten?“ viele Menschen in Organisationen beschäftigt. Der Film liefert erste Antworten auf die Frage, wie die neue Arbeitswelt tatsächlich gelebt werden kann und zeigt, wie es funktionieren kann. Letztendlich ist der Film eine Resonanz auf einen größeren gesellschaftlichen Wandel. Er visualisiert den übergreifenden Wunsch nach mehr „Augenhöhe“. Dieses gilt nicht nur für das Verhältnis von Chef und Mitarbeiter,  sondern auch für Mann und Frau, Arzt und Patient, Bank und Kunde, Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler, etc.

Was bedeutet für Sie persönlich „Augenhöhe“ mit Bezug auf die Arbeitswelt?
Für mich persönlich ist das kein neues Thema, denn gegenseitiger Respekt, die Kompetenz des anderen schätzen, Meinung einholen oder Führung als dienende Haltung diskutieren wir ja schon länger. Auch die Konzepte der Transaktionsanalyse oder gewaltfreien Kommunikation betonen: „Du bist okay, ich bin okay.“ Neu ist im Arbeitskontext, dass Verstöße gegen diese Haltung immer weniger von Organisationsmitgliedern akzeptiert werden. Die neuen Generationen in Kombination mit dem demografischen Wandel sind nicht alleine dafür verantwortlich, begünstigen aber diese Unnachsichtigkeit doch erheblich. Zum anderen spricht es sich herum, dass der rasante Wandel der Umwelt auch Folgen für das Innenleben einer Organisation haben muss. Mit anderen Worten: die Forderung nach mehr Partizipation, Selbstbestimmung, Selbstorganisation und  Rückgang der klassischen Hierarchie sind keine esoterische Gesinnungsethik, sondern schlicht auch Ausdruck von betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit.

Wie weit sehen Sie diesbezüglich die Entwicklung allgemein in Deutschland?
In unseren Projekten erleben wir eine große Heterogenität. Aufgrund der Popularität des Themas gibt es viele neugierige Diskussionen. Auch hoffnungsvolle Experimente. Wir stellen aber auch fest: Viele der großen Unternehmen in Deutschland sind noch nicht so weit, es bestehen Ängste vor Machtverlust und Chaos durch Wegfall von Strukturen. Das ist menschlich und auch nicht verwerflich, denn viele Manager und – das dürfen wir nicht vergessen – Betriebsräte sind mit Erfolgskonzepten wie „Macht demonstrieren“, „Mikropolitik“ oder Informationsasymmetrie sozialisiert worden. Ähnlich wie in der Genderfrage haben wir es bei diesen Veränderungen mit mentalen Modellen zu tun. Diese zu drehen, kann dauern, wenn es überhaupt möglich ist. Letztendlich werden die Kräfte des Marktes, die Erwartungen der Mitarbeiter und die Abstimmung mit den Füßen wichtige Impulse geben, um diesen Wandel zu ermöglichen.

Wird es immer Unternehmen geben, die stark hierarchisch sind und großen Wert auf Kontrolle in der Führung legen?
Ja und nein: Nehmen wir extreme Beispiele, wie die militärischen Führung oder auch Zusammenarbeit bei Feuerwehren, die wahrscheinlich nicht im Verdacht stehen, besonders gut zum Konzept Augenhöhe zu passen. Selbstverständlich muss in Gefahrensituationen klar, eindeutig und hierarchisch geführt werden. Der Co-Creation-Workshop einer Feuerwehr vor einem lichterloh brennenden Haus würde wahrscheinlich nicht nur die Bewohner irritieren. Jedoch spricht doch gar nichts dagegen, dass diese Teams sich ihren Leiter wählen. Oder weite Teile der täglichen Arbeit in selbstorganisierten Gruppen strukturiert wird. Wir werden in Zukunft eine ausgeprägte Dualität von Hierarchie und Netzwerkorganisation in vielen Organisationen erleben. Also kein „Entweder oder“, sondern „und“.

Nun kommt am 4.März der zweite Film des Projektes Augenhöhe in die Kinos. Der Film wird zeitgleich an acht europäischen Standorten gezeigt. HRpepper unterstützt die Berliner Uraufführung. Warum?
Wir wollen das Projekt Augenhöhe als Initiative unterstützen und gleichzeitig den Dialog über die neue Arbeitswelt fördern. Als Beratungsunternehmen sehen wir uns als Brückenbauer zwischen den „beiden Welten“: die neue Arbeitswelt mit der vorherrschenden in Verbindung zu bringen sowie einen Raum für die Diskussion über Anwendung, Chancen und  Herausforderungen zu schaffen. Uns gefällt, dass der Film keine Lösungen vorgibt, sondern nur Wege aufzeigt, die andere genommen haben und beweist: Es geht, aber es muss auch Sinn machen und Nutzen stiften. Denn nach meiner festen Auffassung ist das keine Glaubensfrage.

Inwiefern ist der zweite Film anders? Was werden die Zuschauer zu sehen bekommen?
Nach dem Erfolg des ersten Films ist die Idee zu einer Fortsetzung entstanden. Zum einen, um die Energie aus dem ersten Film aufzugreifen und weiterzuführen, zum anderen, weil in den Dialogveranstaltungen und Diskussionen viele Fragen aufkamen: Wie geht das? Wie sind diese Unternehmen denn gestartet? AUGENHÖHEwege zeigt nun genau diese Wege, nämlich wie Unternehmen den Weg zur Augenhöhe gestalten und beispielsweise welche Hindernisse sie dabei überwunden haben. Dabei gibt es alte Bekannte und auch ganz neue Firmen zu sehen, und jede der acht Premieren ist exklusiv – lassen Sie sich überraschen. Nach dem Film freuen wir uns auf den intenisven Dialog mit den Teilnehmenden und die Diskussion über das Gesehene.

Der Film wird am Potsdamer Platz gezeigt – mit Prominenz und rotem Teppich. Braucht es das?
Ganz klar. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, dem Projekt Augenhöhe eine solche Bühne zu bieten. Damit wollen wir es aus der potenziellen Ecke der langhaarigen, träumenden Weltverbesserer heurausholen. Wir wollen die Aufmerksamkeit für die Thematik erzeugen, die es verdient hat und auch besonders bei denjenigen, die vielleicht von einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe noch ziemlich weit entfernt sind. Außerdem wollen wir feiern, dass ein selbstorganisiertes Projekt so viel Spaß machen kann und soweit gekommen ist.

AUGENHÖHEwege
Wann: 4.März 2016
Wo: Cinestar Original, Potsdamer Platz, Berlin
Beginn: 18 Uhr

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