Micromanagement: Was ist das und warum ist es schädlich?

11.09.2019  |  Marcus K. Reif
Micromanagement killt die Motivation der Mitarbeiter. Was kann man dagegen tun?
© gettyimages / BernardaSv

Micromanagement killt die Motivation der Mitarbeiter. Marcus Reif erklärt, wie es dazu kommt, wie man es entlarvt und was gute Führung wirklich ausmacht.

Die Konflikte zwischen Mitarbeitern untereinander sowie deren Führungskräfte sind oft in einer bestimmten Führungsmethode verankert: das Micromanagement. Solche Manager agieren durch Command & Control, durch aufwändige Fehlersuche, durch fehlendes Vertrauen, durch engmaschiges Kontrollieren und durch Aufstellen von allerlei Regeln und killen dadurch sämtliche Motivation und Leidenschaft der Mitarbeiter.

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Was ist Micromanagement?

Stimmen Mitarbeiter jegliche E-Mails, Dokumente oder Schreiben mit ihrer Führungskraft ab? Hat die Führungskraft Arbeitsanweisungen, Regeln und Guidelines entwickelt? Nutzt sie Mitzeichnungen und Freizeichnungen? Müssen sich Mitarbeiter für Pausen abmelden und bei Rückkehr wieder zurückmelden? Müssen Urlaub und Homeoffice im Vorfeld genehmigt werden? Gibt es eine Angst vor Fehlern oder Fehlverhalten? Schiebt die Führungskraft viele Überstunden? All das sind deutliche Zeichen für Micromanagement.

Mitzeichnungen bei einer Versicherung wurden erhöht

Eine große Versicherung in Deutschland hatte eine zu hohe Schadensregulierungsquote. Der Vorstand ordnete an, dass die Anzahl der Mitzeichnungen von drei auf acht erhöht werden sollte. Das gewachsene Maß an Kontrolle durch mehrere handelnden Personen sollte die Schadenregulierungsquote wieder verbessern. Das Gegenteil geschah. Die Quote stieg, mehr Schäden wurden reguliert. Unternehmensberater analysierten die Situation. Sie stellen fest, dass sich alle acht Personen auf die anderen sieben verließen. Das Prinzip Micromanagement zeigte seine Grenzen. Die Unternehmensberater empfahlen, die Anzahl der Mitzeichnungen auf eine einzige zu reduzieren. Die Verantwortung sollte bei der zuständigen Sachbearbeitung liegen, eine weitere Mitzeichnung als Kontrollinstanz im vier-Augen-Prinzip. Die Schadenregulierungsquote pendelte sich deutlich unterhalb der Benchmarks ein. Das Fazit ist, was Personaler schon seit Jahren predigen: Delegieren Sie die Verantwortung auf die Ebene der Prozessverantwortlichkeit!

Was richtet Micromanagement an?

Micromanagement führt dazu, dass die besten Mitarbeiter kündigen. Und dabei ist die faktische Kündigung noch der bessere Weg. Schlechter ist es, wenn die Mitarbeiter nur innerlich kündigen, nur noch Dienst nach Vorschrift erledigen und ihr Potenzial und Talent nicht mehr zeigen. Das ist der größte Treiber für eine toxische Unternehmenskultur. Autokraten vernichten die Motivation und Arbeitsmoral so schnell, wie Glyphosat Unkraut. Micromanager haben eine erhöhte Aufmerksamkeit: Hypervigilanz genannt. Diese äußert sich in dem Drang, in allen Themen und Details beteiligt zu sein. Natürlich geht das einher mit einer hohen Erwartungshaltung an Qualität. Doch daraus wird in der Realität oft Enttäuschung, weil die Erwartungen nicht bedient werden, und ein perfektionistischer Zwang.

Die Mitarbeiter leiden unter dem Druck aus Kontrolle, Weisung, Überwachung und ausgewachsenes Misstrauen. Die Produktivität sinkt. Das Unternehmen bezahlt Leute über ihrer Produktivität und braucht mehr Leute, die wiederum mehr Geld kosten. Kosten steigen und die Arbeitsmoral sinkt. Mitarbeiter machen Dienst nach Vorschrift und sind für die Extrameile nicht mehr zu gewinnen. Eine Söldnerkultur entsteht, in der extrinsische Motivation vorherrscht. Die Führungskultur ist outdated, Depressionen entstehen, Ihre Mitarbeiter verbrennen ihr Talent, ihr Potenzial, die Leidenschaft und den Ehrgeiz. Manager können nichts mehr delegieren – denn ihren Mitarbeiter haben sie die Fähigkeit zur Eigenständigkeit abtrainiert. Das Resultat ist eine Gruppe von Menschen, die nur durch ihre Führungskraft arbeitsfähig sind. Innovationsfähigkeit erodiert – in solchen Kulturen, in denen das Eingehen von Risiken bestraft wird, trauen sich die Mitarbeiter nicht, die Initiative zu ergreifen. Fluktuation und Fehlzeiten steigen stark an – Sie verlieren Ihre Leute durch innere Kündigung, faktische Kündigung, steigender Fehlzeiten und Krankheitstage.

Micromanagement erschafft einen Angst-Mikrokosmos

Die intrinsische Motivation kommt nahezu zum Erliegen. Überall lauern Stolperfallen, die es zu umschiffen gilt, denn sonst scheitert man und die Karriere kommt zum Erliegen. Wenn Ideen nicht mehr die richtige Wertschätzung erleben, die geleistete Arbeit nie ausreichend ist, lebt man in der ständigen Angst vor Kritik.

Wenn Mitarbeiter fühlen, dass ihr Chef ihnen nicht vertraut, vertrauen sie auch nicht dem Chef. Und noch mehr, das ganze System wird als verdächtig betrachtet. Micromanagende Führungskräfte fügen ihrer Organisation schweren Schaden zu. Mitarbeiter fühlen sich unsicher, verwenden viel Energie auf das Vermeiden von Fehlern und investieren noch mehr Energie fürs Überleben. Der Fokus auf Performance, auf die Extrameile, auf die eigentliche Aufgabe entfällt nahezu vollständig.

Die Unternehmenswelt ist mit solchen Mikromanagern übersät. Leider bevorzugen viele Unternehmen noch diese Manager, weil sie alles im Griff zu haben scheinen. Kurzfristig können sie Ergebnisse erzielen, aber auf lange Sicht hinterlassen sie eine Spur der Zerstörung auf ihrem Weg.

Fuck-up-Kreislauf

Micromanagement ist ein Kreislauf mit zerstörerischem Verkauf. Das vorhandene Misstrauen der Führungskraft führt zu gesteigertem Bedürfnis nach Kontrolle, Details und Reportings. Die Arbeitszeit wird für unproduktive Dinge eingesetzt. Darauf folgt zurückgehende Effektivität der Führung. Die Führungskraft ist selbst unzufrieden, enttäuscht von ihren Mitarbeitern. Sie vertiefen die Kontrolle und Reportings. Durch zu enge und engmaschige Führung durch Kontrolle, Weisung und autokratisches Management sinkt die Arbeitsmoral nun auf null. Menschen kündigen mit Sicherheit innerlich! Das Vertrauen in die Führung der Organisation insgesamt erodiert. Zum Ende hin geht das Vertrauen in die ganze Führung verloren. Der Flurfunk wird intensiver, Menschen werden zynisch und sarkastisch, versuchen die Touchpoints mit den Micromanagern zu reduzieren. Fehlzeiten steigen!

Was Micromanagement anrichten kann
© Marcus Reif

 

Was modernes Leadership ausmacht

In einem Team mit hoher psychologischer Sicherheit fühlen sich Teamkollegen sicher, Risiken mit ihren Teammitgliedern einzugehen. Großartige Teams leben von Vertrauen – und großartige Leader helfen dabei, dieses Vertrauen aufzubauen. Good news: Micromanagement kann man ablegen. Führungskräfte sollten mit der Delegation von wichtigen Themen beginnen, die sie vorher immer selbst erledigen wollten. War ja Chefsache, klar! Sie sollten sich für ihre Leute Zeit nehmen. Mitarbeiterorientierung ist unerlässlich, ebenso zuhören können. Statt den Leuten zu sagen, wie sie was zu erledigen haben, sollte man lieber eine Deadline setzen und auf das Ergebnis warten. Und es ist ok, anderes Layout, Schriften oder einen anderen roten Faden zuzulassen. Die Führungskraft ist nicht das Maß der Dinge! Sie sollte lieber als Coach mit Rat und Tat zur Seite stehen!

Für Google sind die folgenden 10 Verhaltensweisen bei den Top-Leadern zu beobachten.

  • sie agieren als Coach und stehen ihrem Team als Sparringspartner und Ratgeber zur Seite
  • sie empowern ihr Team, die Aufgaben selbst zu erreichen und geben keine kleinteiligen Meilensteine vor
  • sie kreieren ein integratives Teamumfeld, in dem Erfolg und Wohlbefinden im Vordergrund stehen
  • sie fördern Produktivität und bleiben ergebnisorientiert
  • sie sind ein guter Kommunikator, hören zu und teilen alle Informationen
  • sie fördern die Karriereentwicklung und diskutieren Performance; dadurch ermutigen sie ihre Mitarbeiter – mit aufrichtigem und spezifischem Lob, aber auch durch kritisches Feedback
  • sie haben eine klare Vision und eine klare Strategie für ihr Team
  • sie eignen sich wichtige technische Fähigkeiten an, um damit ihr Team zu beraten. Denn gute Leader verstehen die Aufgaben ihrer Mitarbeiter, einschließlich ihrer alltäglichen Aufgaben und Herausforderungen
  • sie arbeiten effektiv zusammen. Schlechte Manager sehen ihr Team als ein Silo, das gegen andere Teams innerhalb desselben Unternehmens arbeitet oder diese sogar sabotiert
  • sie treffen Entscheidungen! Nachdem sie die Fakten kennen gelernt und die Gedanken und Perspektiven ihrer Teams berücksichtigt haben, bewegen sie die Dinge vorwärts.

Quelle: Google Says the Best Bosses in the World Do These 10 Things

Seien Sie die Führungskraft, die Sie früher gerne selbst gehabt hätten!