Ciao Motivationsschreiben, mach’s gut

29.01.2019  |  Jörg Buckmann
(c) gettyimages/fizkes
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Nützlich oder Relikt aus vergangenen Tagen? Jörg Buckmann hat 100 Motivationsschreiben unter die Lupe genommen. Er plädiert für einen würdigen Abschied.

Das sorgte für gehörig Wirbel: Die Deutsche Bahn verzichtete letzten Sommer medienwirksam auf die Anschreiben bei Bewerbungen angehender Azubis. Die Absicht dahinter: Das Bewerben so einfach wie möglich zu machen. Die Reaktionen in der Personalwelt waren geteilt. Dabei ist die Überlegung der Bahn kundenorientiert, ein echter Differenzierungsfaktor und… nachvollziehbar.

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Einfacher und schneller

Erstaunlicherweise wird erst zaghaft erkannt, dass komplizierte Bewerbungsprozesse zu einem No-go für die Talente geworden sind. Statt den roten Bewerbungsteppich auszurollen, wird ihnen noch immer hartnäckig der ausgetretene Türvorleger in Form des Bewerbungsdreigestirns Anschreiben – Lebenslauf – Zeugnisse vor den Latz geknallt.

Dabei müsste man es eigentlich besser wissen. Die Umworbenen wünschen sich einen unkomplizierten Bewerbungsprozess. Und sie strafen komplizierte Arbeitgeber immer öfter mit dem Entzug ihrer Sympathien und mit Nichtbeachtung ab: Jede/r Dritte hat sich schon einmal gegen eine Bewerbung entschieden, weil er dafür ein Online-Bewerbungsformular beziehungsweise das Karriereportal des Arbeitgebers hätte nutzen müssen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie von Stepstone in 2018.

Anschreiben: Schikane

Die Problematik der Anschreiben (auch: Motivationsschreiben, Begleitschreiben) modert seit Jahren vor sich hin. Von allen Bewerbungsdokumenten ist nämlich das Anschreiben bei Jobsuchenden am unbeliebtesten, zeigte die Candidate Journey Studie 2017 von Peter M. Wald und Christoph Athanas. Jede/r Zweite unter 30 würde gerne auf dieses Instrument pfeifen.

Das Anschreiben ist nur noch ein Abklatsch aus einer Zeit, als Stellensuchende Bittsteller waren und ihre guten Absichten gefälligst unter Beweis zu stellen hatten. Dabei wäre so ein Motivationsschreiben an und für sich ja eine feine Sache: Interessierte legen ihre Beweggründe (Motive) für die Bewerbung auf exakt diese Stelle in exakt diesem Unternehmen dar. Durchaus nützliche Informationen für die Arbeitgeber, um die Motivation und den langfristigen Erfolg der Bewerberin oder des Bewerbers schon vor dem ersten Kennenlernen abschätzen zu können. Soviel zur Theorie.

Höchstens Spurenelemente von Motivation erkennbar

In 2018 hatte ich 100 zufällig ausgewählte und anonymisierte Motivationsschreiben auf sechs verschiedene Stellen von vier Arbeitgebern in drei Branchen in der Schweiz ausgewertet. Zugegeben, repräsentativ ist das nicht, „aber definitiv ein Pulsnehmer, der zeigt, in welche Richtung es geht“. Und die scheint klar:

  • 75 Prozent der Bewerbungen enthielten überhaupt keine (in Zahlen: 0) Informationen zur Motivation der Absenderinnen und Absender.
  • Weitere 20 Prozent der Bewerbungen beinhalteten Informationen zu Motiven wie dem Arbeitsweg, einer drohenden Arbeitslosigkeit durch Stellenabbau oder dem Wunsch nach einem Job in der Schweiz. Legitime Wechselmotive, jedoch kaum dazu angetan, die Eignung für die Stelle abzuschätzen.
  • Nur 5 Prozent der Bewerbungen enthielten eine nachvollziehbare Motivation und einen klaren Bezug auf die ausgeschriebene Stelle beim werbenden Unternehmen und dadurch einen echten Mehrwert für die Recruiter.

Nur gerade jede zwanzigste (!) Bewerbung enthielt also nützliche Informationen zur Motivation. Dazu kommt ein hohes Mass an Beliebigkeit. Sage und schreibe 85 Prozent der Bewerbungen nahmen nicht mit einer einzigen Silbe Bezug zum Unternehmen – Copy-Paste vom Feinsten.

Auswege

Das Motivationsschreiben hat ausgedient. Es bietet nicht das, was es verspricht und ist zur lästigen Pflicht verkommen. Das Festhalten an ihm gereicht den ausschreibenden Unternehmen zu einem veritablen Wettbewerbsnachteil.

Das wären mögliche Alternativen:

Konkrete Fragen stellen: Wenige, aber gezielte Fragen im Rahmen des Bewerbungsprozesses (zum Beispiel eingebettet in das Online-Bewerbungstool) mit einem konkreten Bezug zur ausgeschriebenen Stelle. Also zum Beispiel Fragen zu erfolgreichen Projekten mit Relevanz für die angepeilte Funktion, zur Führungserfahrung oder zur Haltung in einem bestimmten Fachthema. Das „konkrete Fragen stellen“ ist vor allem auch bei Stellen für Quereinsteigende wichtig.

Telefoninterview: Zehn gut investierte Minuten: Die Kontaktaufnahme per Telefon und das Besprechen erster erfolgsrelevanter Themen und der Wechselmotivation. Einfach und unspektakulär. Und richtig gut!

Freitext: Ein Freitextfeld gibt die Möglichkeit, freiwillig mehr über sich und seine Motive preiszugeben und sich von den Mitbewerbern zu differenzieren. So werden Personen, denen es wirklich wichtig ist, etwas zu ihrer Motivation zu sagen, nicht daran gehindert. Doch sollte klar zum Ausdruck kommen, dass das Ausfüllen wirklich freiwillig ist und ein leer gelassenes Feld nicht zu einer Benachteiligung führt.

Die goldene Regel: Generell empfiehlt sich im Umgang mit Bewerberinnen und Bewerbern die goldene Regel: „Tue anderen nicht an, was dich ärgern würde, wenn andere es dir täten.“ (Sokrates)

(c) Jörg Buckmann