Muss man als Startup-Gründer eigentlich aggressiv sein?

Oliver Samwer, Jeff Bezos, Travis Kalanick – sie alle scheinen nicht viel von den Tugenden des ehrbaren Kaufmanns zu halten. Wenn man schnell sein will, kann man sich kein Zaudern leisten. Doch ist Aggressivität die Lösung?

Auf der Unternehmens-Homepage steht die Mission von Rocket Internet in riesigen Buchstaben: Die weltweit größte Internetplattform außerhalb der USA und China will man werden. Wenn in Deutschland von Startups die Rede ist, dann fällt in der Regel sehr bald der Name der Betreiber des Internetinkubators: Samwer. Für ihre Bescheidenheit ist das Brüder-Trio nicht unbedingt bekannt. Sie gelten als aggressiv. Tugenden des ehrbaren Kaufmanns sind ihnen fremd. Scheinbar kompromisslos versuchen sie mit ihren neu gegründeten Firmen so schnell zu wachsen wie möglich. Oliver Samwer, der CEO von Rocket Internet, soll einmal an Mitarbeiter in einer E-Mail den Satz geschrieben haben: „Ich bin der aggressivste Mann im Internet – ich würde sterben, um zu gewinnen und von euch erwarte ich das Gleiche.“ Ja, sympathisch ist das vielleicht nicht, und dennoch gibt es nicht wenige, die ihn für seine Disziplin, seine Durchsetzungsfähigkeit, seinen Willen zum Erfolg bewundern.

„Wir sind im Krieg“

Auffällig ist, dass einigen Gründern im digitalen Bereich eine gewisse Aggressivität nachgesagt wird. Über Amazon-Chef Jeff Bezos heißt es beispielsweise, seine Methoden seien nicht immer sauber. Manche hassen ihn gar, sein Expansionsdrang ist dennoch ungebrochen. Bezos wird abwechselnd als Rüpel, aber auch als „bester Manager der Welt“ bezeichnet. Als besonders uncharmant gilt ebenfalls der Gründer des Fahrdienstleisters Uber, Travis Kalanick. Häufig wird ihm vorgeworfen, unlautere Mittel und Dumping-Preise im Wettbewerb mit den Konkurrenten einzusetzen und die Geschäftsrisiken auf die Fahrer abzuwälzen. Von ihm fallen Sätze wie: „Wir sind im Krieg“. Auf der anderen Seite ist Uber mittlerweile eines der wertvollsten Tech-Unternehmen, das nicht nur in den USA den Taxi-Markt in seiner Existenz bedroht. Diese Beispiele sind sicherlich besonders. Doch klar ist, dass es im digitalen Business nicht nur um gute Ideen und deren Marktreife geht, sondern noch mehr als in der analogen Welt um Schnelligkeit.

Mutig und unkonventionell

Ein Zaudern kann man sich nicht leisten, wenn man Erfolge erzielen will. Und das kann man im Internet sehr schnell, auch weil Kunden kostengünstig erreichbar sind. Und dann ist in der richtigen Nische eine große Marktmacht möglich: Es gibt kein zweites Amazon oder Google. Was nicht heißt, dass sie immer an der Spitze bleiben müssen. Man muss sich von Tech-Startups und Gründern wie den Samwer-Brüdern sicherlich nicht abschauen, aggressiv zu sein, doch man kann von ihnen durchaus lernen – in Sachen Mut, Geschwindigkeit und einer Trial-and-Error-Mentalität. Sie gehen Risiken ein, sind sorglos, die Etikette ist ihnen egal. Etablierte Konzerne in Deutschland schauen momentan sehr genau auf die Startup-Szene, nicht nur wegen ihrer Innovationsfähigkeit, sondern sicherlich auch wegen der Arbeitsweise, für die sie stehen: viel Freiraum für die Mitarbeiter, hierarchiearm, unkonventionell.

Unternehmen im Silicon Valley wie Google und Facebook, zu denen deutsche Vorstände zuletzt gerne pilgerten um zu lernen, haben sich solche Startup-Attribute zum Teil bewahrt. Nun bemühen sich mehr und mehr Konzerne in Deutschland ebenfalls um eine neue Kultur und mehr Freiraum für die Beschäftigten. Kein leichtes Unterfangen, wenn jahrelang vor allem Prozesse und eine Absicherungsmentalität ein Unternehmen geprägt haben.