Mythos Generation Y: warum sich viele Studien widersprechen

20.08.2019  |  Anna-Leena Haarkamp
Viele Studien über die Generation Y widersprechen sich: Tickt sie wirklich anders als andere Generationen?
© gettyimages / yacobchuk

Anna-Leena Haarkamp von Asgaro hat sich durch den Dschungel der Studien über die Generation Y gekämpft – und dabei so einige Ungereimtheiten entdeckt.

Ich dachte es wäre ein Leichtes. Eine kurze Recherche, ein paar Studien, die die Pop-Literatur belegen. Am Ende eine klare Übersicht darüber, welche Generation wie angesprochen, geführt und motiviert werden muss. Stattdessen: ein Haufen Studien mit teils gegensätzlichen Ergebnissen. Nicht nur für Deutschland, sondern auch für England oder die USA. Metastudien können keine oder nur sehr geringe Unterschiede zwischen den Generationen erkennen. Der ganze Hype um die Unterschiede zwischen den Generationen: was für ein Kokolores! Aber der Reihe nach.

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Die der Gen Y zugeschriebenen Eigenschaften sind oft widersprüchlich

Ob Pop-Literatur, Auftragsstudien aus der Wirtschaft, Fachzeitschriften oder wissenschaftliche Veröffentlichungen – unermüdlich und voller Enthusiasmus wird über sie geschrieben, die Generation Y.

Im Vergleich zu anderen Generationen:

  • besitze sie eine völlig übertriebene Ich-Bezogenheit
  • habe sie extrem hohe Erwartungen an den Job: sinnstiftende Tätigkeit plus die Selbstverwirklichung stünden im Vordergrund
  • habe sie einen großen Freiheitsdrang, gleichzeitig wird von einem erschütterten Sicherheitsgefühl berichtet
  • suche sie das heimische Idyll
  • sei sie verwöhnt, faul und gleichzeitig karriereorientiert
  • habe sie eine erhöhte wirtschaftliche Sorge und zugleich sei Geld weniger wichtig
  • fordere sie Flexibilität, jedoch sei ihre „… Loyalität geringer, als [die] zur Turnschuhmarke“
  • … und so weiter

Mein absolutes Highlight, ich habe herzhaft gelacht: „Ypsiloner [wünschen sich] subtile Farben und natürliches Licht. Farbnuancen in entspannten Aquamarinblau- und Grüntönen sind beliebter als grelle, bunte Farben.“ (aus: „Die Generation Y“ von Anders Parment).

Wir sehen: Die Zuschreibungen, die diese Generation auszeichnen sollen, sind absolut vielfältig. Oft gegensätzlich. Ich möchte Sinn von Unsinn unterscheiden und will wissen: Was ist nun dran an diesen Zuschreibungen und Vorwürfen? Was hat Substanz und was sollte ich ganz schnell wieder vergessen?

Viele Studien zur Generation Y sind nicht belastbar

Wenn im Rahmen einer Studie eine Befragung durchgeführt wird – sagen wir eine Gruppe 25-Jähriger wird 2019 dazu befragt, wie wichtig ihnen ihre Selbstverwirklichung ist – sind dies in der Regel punktuelle, einmalige Befragungen mit dieser einen Gruppe. Die Ergebnisse dieser Gruppe werden dann mit denen der anderen Gruppen anderen Alters verglichen und daraus werden die Generationenunterschiede abgeleitet. Dieselbe Gruppe wird aber nicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmal befragt, auch gibt es in der Regel keinen Vergleich mit den Aussagen einer anderen Gruppe 25-Jähriger zu einem anderen Zeitpunkt.

Das heißt, was wir nicht erfahren, ist, ob die Antwort gegeben wurde, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt (2019) gestellt wurde (Periodeneffekt), weil die Befragten zum Befragungszeitpunkt ein bestimmtes Alter hatten (25 Jahre) (Alterseffekt) oder weil sie 1994 geboren wurden und damit einer bestimmten Kohorte angehören (Kohorteneffekt).

Jeder Generationeneffekt ergibt sich aus einer Kombination von Perioden- und Alterseffekt.
Quelle: Asgaro

 

Die Kohorte und damit die Generation hängt also linear mit dem Jahr der Messung/ Periode und dem Alter zum Messzeitpunkt zusammen. Jeder Generationeneffekt ergibt sich somit aus einer Kombination von Perioden- und Alterseffekt. Bisher gibt es keine statistische Methode, die diese Effekte sauber trennen kann. Damit sind Studien, die mit Dummyvariablen arbeiten, statistisch gesehen nicht belastbar.

Und es ist daher auch nicht verwunderlich, dass wir mit so vielen verschiedenen, teils gegensätzlichen Aussagen zur Generation Y konfrontiert werden und letztlich keine Metastudie zu signifikanten Ergebnissen kommt.

Was können wir tun? Wir betrachten ausschließlich Längsschnittstudien. Studien, die mehrere Kohorten gleichen Alters zu mehreren Zeitpunkten zu denselben Themen befragen.

Langzeitstudien können keine Generationenunterschiede nachweisen

Ich möchte nun beispielhaft zwei recht neue Studien vorstellen, die sich genau mit dem Thema beschäftigen und uns daher sehr gut weiterhelfen.

Schröder, Der Generationenmythos, 2018

  • Die Studie basiert auf dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), das rund 580.000 Beobachtung und 80.000 Individuen enthält
  • Untersucht wurden 18-25-jährige Jugendliche aus den Geburtskohorten von 1966 – 1991
  • Die Jugendlichen wurden jeweils befragt, wie wichtig ihnen unterschiedliche Variablen sind – unter anderem Selbstverwirklichung, Erfolg im Beruf oder Ehe und Partnerschaft
  • These: Wenn es unterscheidbare Generationen gibt, müssten unterschiedlichen Kohorten unterscheidbare Einstellungen im Jugendalter aufweisen
  • Ergebnis: Dem ist nicht so. Es sind kaum Unterschiede in der Einstellung oder Lebenszielen erkennbar.

 

Generationenmythos: Eine Studie von Schröder aus 2018
Quelle: Schröder, 2018.
Lesehilfe: Von denen im Jahr 1966 geborenen 18-25 jährigen Befragten haben 37% angegeben, dass ihnen Selbstverwirklichung sehr wichtig ist. Bei denen im Jahr 1991 geborenen waren es 36%.
(Achtung! Das abgebildete Jahr ist nicht das Befragungs- sondern das Geburtsjahr)

 

Kalleberg, Marsden, Work Values in the United States: Age, Period and Generational Differences, 2019

  • Studie aus den USA, basiert auf dem General Social Survey + International Social Survey Program
  • Seit 1972 jährliche oder zweijährliche Untersuchung von >18 Jährigen auf bestimmte soziale Indikatoren
  • Fragestellung: Untersucht wurde, inwiefern das Alter (Alterseffekt), der Zeitpunkt der Untersuchung (Periodeneffekt) und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation (Kohorteneffekt) Einstellungen in Bezug auf die Arbeit erklären können
  • Ergebnis: Für keine der untersuchten Variablen ist ein Kohorteneffekt statistisch erkennbar. Wenn Unterschiede vorliegen, sind diese durch Alters- oder Periodeneffekte entstanden.

 

Kalleberg, Marsden, Work Values in the United States: Age, Period and Generational Differences, 2019
Quelle: Kalleberg, 2019.
Lesehilfe: Alterseffekt dominant. Während 80 % der jungen Arbeitnehmer im Alter von 18-25 Jahren weiterarbeiten würden, sollten sie so reich sein, dass sie es nicht mehr müssten, sind es im Alter von 60-65 Jahren nur rund 55 %. Periodeneffekt erkennbar, aber deutlich geringer. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kohorte/ Generation hat so gut wie keinen Einfluss auf die Bedeutung von Arbeit – die Wahrscheinlichkeit weiterzuarbeiten liegt bei allen Kohorten bei rund 70 %.

 

Fazit:

Es ist nicht allein die Generation Y, die auf einmal völlig andere Vor- und Einstellungen hat und absurde Forderungen stellt. Änderungen, die sichtbar sind, basieren auf einem Einstellungswandel, der alle Generationen umfasst.  Es handelt sich um Wünsche, die jeder hat.

Es sind aber die Jungen, die sie einfordern und leben. Die nach 4-Tage-Woche, Sabbatical und flexiblen Arbeitszeiten fragen. Und das eben nicht erst mit Mitte 50 nach gemachter Karriere, sondern direkt von Anbeginn an. Im Zweifel auch im ersten Vorstellungsgespräch.

Das ist ungewohnt und mag sich für manch Baby-Boomer auch nicht richtig anfühlen. Schließlich musste man selbst auch die ein oder andere Kröte schlucken und vieles hart erarbeiten. Da liegt es nahe, von frechen, überzogenen Erwartungen zu sprechen. Aus meiner Sicht liegt darin jedoch eine großartige Chance.

Lasst uns die Forderungen für einen Moment als treibende Kraft und Impulsgeber zur Veränderung unserer Arbeitswelt sehen. Eine, die dazu führt, dass sich auf Dauer für alle etwas ändert. Mehr Selbstbestimmung, größere Flexibilität, größere Produktivität, wenn sich jeder mit seinen Kompetenzen voll einbringen kann. Dann fühlt sich das Ganze direkt schon ganz anders an, oder?

Dieser Text ist zuerst im Unternehmensblog von Asgaro erschienen. Wir freuen uns, dass Anna-Leena Haarkamp ihn auch bei uns veröffentlicht hat.