Die Macht der Neo-Ökos

Lena Papasabbas, Kulturanthopologin
Lena Papasabbas © Zukunftsinstitut

Trends wie Minimalismus, Veganismus und Frugalismus schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie alle eint der Wunsch nach Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Die Kulturanthropologin Lena Papasabbas über den grünen Zeitgeist und warum Unternehmen ohne Nachhaltigkeitsstrategie dem Untergang geweiht sind.

Frau Papasabbas, Veganismus, Minimalismus, Frugalismus: Der Trend zu alternativen Lebensstilen scheint ungebrochen. Dahinter steht meist die Sehnsucht nach einem bewussten, nachhaltigen und auf das Wesentliche reduzierten Leben. Hat sich der nachhaltige Lebensstil also etabliert?
Die Ausdifferenzierung in verschiedene Untertrends ist ein Zeichen dafür, dass der nachhaltige Lebensstil Einzug in unsere Realität gehalten hat. Allerdings stehen hinter jeder Bewegung eine andere Motivation und ein anderer Lebensentwurf. Für die einen geht es um das Wohlbefinden, für die anderen um die Umwelt, für die Dritten steht der Verzicht im Vordergrund. Die genannten Bewegungen lassen sich unter dem Stichwort Neo-Ökologie zusammenfassen. Und dabei handelt es sich sogar um einen Megatrend!

Ist ein Trend denn überhaupt noch ein Trend, wenn er im Alltag der Menschen ankommt?
Das Thema Umweltschutz hat sich manifestiert, so sehr, dass sich sogar Gegenbewegungen entwickelt haben. Und es hat sich noch etwas verändert: Eine junge Aktivistin wie Greta Thunberg stößt länderübergreifend Debatten an und trifft sogar den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Das ist eine völlig neue Erfahrung, die frühere Umweltbewegungen nicht gemacht haben.

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Unternehmen interessiert es hingegen nicht, wenn Schüler an einem Freitag die Schule schwänzen.
Wenn diese Schüler aber in wenigen Jahren eigenes Geld verdienen und andere Konsumentscheidungen treffen, bekommt die Wirtschaft ein Problem.

Große Unternehmen versuchen die junge Generation wieder für sich zu gewinnen. Wäre die feste Anstellung eines Nachhaltigkeitsmanagers ein Zeichen in die richtige Richtung? Oder ist Nachhaltigkeit ein Ehrenamt?
Es ist eben kein Ehrenamt! Jedes Unternehmen muss sich heute nachhaltig nach innen und außen verhalten. Sie brauchen Nachhaltigkeitsmanager, das muss Teil der Agenda, ein selbstverständlicher Aspekt des eigenen Anspruchs werden. Wenn Unternehmen keine sichtbare Nachhaltigkeit schaffen, werden sie nicht mehr lange bestehen.

Früher wurden die sogenannten Ökos belächelt. Sie trugen Anti-Atomkraft-Sticker und Batikgewänder.
Die Bewegungen werden heute ernster genommen. Und es handelt sich bei Ökologie und Naturschutz auch nicht mehr um Nischenthemen. Sie sind voll im Mainstream angekommen. Früher waren es eher Frauen, die sich vegetarisch ernährten oder für den Tierschutz eingesetzt haben, heute sind diese Themen zunehmend unabhängig vom Geschlecht.

Die Fridays-for-Future-Bewegung wird aber maßgeblich von jungen Frauen angeführt.
Die Spitze der Fridays-for-Future-Bewegung mag vorwiegend weiblich sein, aber der Wandel des Bewusstseins ist gesamtgesellschaftlich.

Wie erklären Sie sich die Zunahme der ökologischen Trends?
Es gibt nicht den einen Grund für die Zunahme, vielmehr handelt es sich um komplexe kleine Veränderungen, die mit vielen großen Veränderungen zusammenhängen. Dazu gehören die Globalisierung und mit ihr einhergehend die Vernetzung. Wenn man ein Hemd für drei Euro bei Primark kauft, weiß man mittlerweile, was das für die Näherin in Bangladesch bedeutet.

Der Klimawandel ist uns eigentlich nicht neu …
… aber jetzt erst spüren wir seine Auswirkungen. Unsere Winter werden so mild, dass der Frühling immer früher beginnt. Heute sind hier in Frankfurt 11 Grad. Und das im Januar. Wir hatten lange Zeit nur das theoretische Wissen, das sich im Alltag gut verdrängen ließ. Das geht nun nicht mehr. Der Klimawandel betrifft auch uns mittlerweile persönlich.

Menschen hinterfragen zunehmend das Wirtschaftssystem, auch weil es ihnen psychisch immer schlechter geht.
Es handelt sich um eine Systemkritik, die aus der eigenen Missempfindung resultiert. Seelische Erkrankungen wie Depressionen und Burn-out nehmen zu. Die Menschen ziehen jetzt die Verbindung zum System, in dem sie leben, zum Konsum, der nicht dauerhaft glücklich macht, auch wenn uns Werbung und Marketing das glauben lassen möchten. Es gibt so viele Menschen, die sich völlig überarbeiten, aber kaum noch Lebensqualität haben. Und das in dem Glauben, sie müssten so arbeiten, um sich etwas leisten zu können.

Glauben Sie, dass sich dieses neu erwachte Umweltbewusstsein wirklich dauerhaft etabliert?
Ja, ich würde es sogar einen Wandel im Zeitgeist nennen! Nicht jeder will umweltbewusst leben, aber fast jeder muss dazu Stellung nehmen. Selbst wenn ich mich zu Fridays for Hubraum bekenne, einer Gegenbewegung zu Fridays for Future, positioniere ich mich. Niemand kann sich noch vor dem Thema drücken.


Über die Studie „Neo-Ökologie“

Die Experten des Zukunftsinstituts, einem internationalen Thinktanks für Trend- und Zukunftsforschung, beschreiben in ihrer neuen Studie die Neo-Ökologie als derzeitigen Megatrend. Demnach sei das Thema Nachhaltigkeit ein Wirtschaftsfaktor, der immer wichtiger werde.

Durch das veränderte Konsumverhalten der Verbraucher rückten Umwelt- und Naturschutz, aber auch die eigene Gesundheit noch stärker in den Fokus als bisher. Die einstige individuelle Entscheidung zum nachhaltigen Lebensstil habe sich in eine kollektive Bewegung gewandelt. Aus dem Nischenthema sei ein Gesellschaftsthema geworden. „Klimaschutz ist nicht mehr nur Thema für Umweltaktivisten. Die Zukunft aller Gesellschaften und aller Wirtschaftssysteme des Planeten hängt davon ab“, sagt Studienleiterin Lena Papasabbas. Umwelt werde zum Mainstreamthema, zum neuen Kriterium für gut und schlecht, richtig und falsch. Auch Unternehmenslenkern würde zunehmend bewusst, dass die Welt unter den derzeitigen Vorzeichen auf eine ökologische Katastrophe zusteuere, die zwangsläufig auch negative Folgen für die Wirtschaft habe.


Welche Trends sind derzeit am stärksten?
Der Minimalismus nimmt stark Fahrt auf, also die Überzeugung, dass man wesentlich weniger braucht. Die Ausprägungen innerhalb dieser Bewegung sind sehr unterschiedlich: Die einen entscheiden, dass sie nur noch eine bestimmte Anzahl an Gegenständen besitzen wollen. Anderen geht es darum, Müll, so gut es geht, zu vermeiden. Die Dritten, die Frugalisten, sagen: Ich brauche ohnehin nicht viel zum Leben, also spare ich so viel, dass ich in Zukunft nicht mehr arbeiten muss. Alle verbindet die Einstellung: Weniger ist mehr.

Wenn immer mehr Menschen immer weniger konsumieren, wie steht es dann um den Kapitalismus?
Das lässt sich noch nicht sagen. Systeme verändern sich sehr langsam. Ich glaube, dass es immer mehr Formen der Vergemeinschaftung geben wird. Nachbarschaftsinitiativen, Haus- und Wohngemeinschaften, Sharing- und Tausch-Netzwerke. Das gab es bereits in anderer Form in der vorindustriellen Zeit.

Ein Gegenentwurf zum ungebremsten Wachstum.
Der aber natürlich nicht im Interesse der Wirtschaft ist. Die Fast-Fashion-Industrie versucht uns dazu zu motivieren, immer mehr zu kaufen, indem sie die neuesten Designs als Massenware auf den Markt bringt. Die Produkte selbst haben eine extrem kurze Haltbarkeitsdauer. Wer aber diese Logik erst einmal hinterfragt, konsumiert auch weniger.

Verschiebt sich der Konsum nicht einfach nur hin zu nachhaltigen Produkten?
Natürlich gibt es einen Markt für fair und nachhaltig hergestellte Waren. Das ermöglicht es den Verbrauchern, in Einklang mit ihren Werten zu leben und dennoch weiterhin zu konsumieren.

Das gute Gewissen wird käuflich.
Richtig. Aber es ist ja auch nachhaltiger, wenn ich zum Bio-Wein oder Demeter-Fleisch greife. Denn das kann etwas an den Produktionsbedingungen ändern.

Was ist denn das Neue am Megatrend Neo-Ökologie?
Der Trend ist deswegen „Neo“, weil das Umweltbewusstsein und der Wunsch nach Umweltschutz eigentlich nicht neu sind. Das Neue daran ist, dass es sich um einen wirklichen Shift, eine grundlegende Veränderung und Verschiebung der Gewohnheiten und Werte handelt: Es ist kein Nischenthema mehr, sondern ein gesamtgesellschaftlich relevantes Thema. Diese Veränderung hin zum ökologischen Bewusstsein ist unaufhaltsam. Menschen wollen gute Konsumenten sein. Wer den Müll nicht trennt, muss sich Nachfragen gefallen lassen.

Das Private wird politisch?
Das würde ich so sagen, ja.

Länder wie China oder die USA, die sich weigern, an Klimazielen festzuhalten, scheinen den Gegentrend zu bilden. Welche Entwicklung wird am Ende stärker sein?
Diese Frage lässt sich noch nicht beantworten. Die alten Systeme sind mächtig, die Mechanismen, Menschen weiter als gute Käufer zu halten, stark. Konzerne geben sich viel Mühe, auch die jungen Menschen wieder einzufangen. Es passiert aber immer mehr von unten: Konsumenten beginnen anders zu kaufen, die Ansprüche verändern sich. Einen Umweltskandal kann sich kein Unternehmen mehr leisten.

Aber ist immer nur das Individuum mit seinen einzelnen Kaufentscheidungen gefragt?
Unsere Politik ist sehr, sehr langsam und alt. Die Bürokratie macht es nicht einfacher, auch wenn sie Vorteile hat. Allmählich werden sich Konsumenten ihrer Macht bewusster und handeln immer mehr nach moralischen Maßstäben. Aber der gute Wille des Individuums reicht nicht aus. Unternehmen müssen sich ebenfalls als politische Akteure wahrnehmen und ihr Handeln jenseits von Profitmaximierung ausrichten.

Wie weit ist es her mit dem Thema Umweltbewusstsein, wenn Wohlstand und Wirtschaftswachstum plötzlich nachlassen?
Wir leben in einem krassen Überfluss. Und von dort hin zu einer Knappheit ist es ein sehr weiter Weg. Allein in Deutschland werden jährlich 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – das ist kein Wohlstand, das ist Irrsinn.

Es mehren sich Rufe nach einem grünen Kapitalismus. Ist er überhaupt möglich? Nachhaltigkeitsexperten bezweifeln das.
Wachstum bedeutet bisher: Wir brauchen immer mehr und müssen dafür immer mehr verbrauchen. Es gibt aber nur begrenzte Ressourcen. Also kann Wachstum nicht grün sein. Es sei denn, wir definieren Wachstum um: weg von der Konzentration auf Profit und dem Fokus auf das Bruttosozialprodukt, hin zu einem Wachstumsbegriff, der Wohlbefinden, Zufriedenheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit miteinschließt.

Zur Gesprächspartnerin:

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin, Redakteurin und Speakerin beim Zukunftsinstitut, einem 1998 gegründeten Thinktank zur Erforschung von europäischen Trends und Entwicklungen. Papasabbas befasst sich beim Zukunftsinstitut mit dem Wandel der Wissensgesellschaft, ihren Menschen, Werten und Technologien.