Neue Formen des Online-Lernens revolutionieren die Weiterbildung

Mehrmonatige, videobasierte Online-Kurse verändern die Art, wie wir lernen. Sie sollen die universitäre Ausbildung nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen.

Eines der wesentlichen Ziele des Bologna-Prozesses war und ist die stärkere Ausrichtung der Studiengänge auf Employability, also auf die am Arbeitsmarkt orientierte Ausbildung. Während hierzulande über den damit verbundenen drohenden Verlust der akademischen Freiheit diskutiert wird, geht es auf der anderen Seite des Atlantiks pragmatischer zu. Und revolutionärer. Ziel der Revolution ist die althergebrachte Universität – die sei zu teuer, zu wenig effektiv, zu undemokratisch, so das Verdikt des Udacity-Gründers Sebastian Thrun. Seine Antwort sind Nano-Degrees: Abschlüsse, die durch ein mehrmonatiges, videobasiertes und durch Coaches begleitetes Onlinestudium erworben werden können. Damit qualifizieren sich die Absolventen direkt für Jobs in High-Tech-Unternehmen.

Die „Lehrpläne“, die den Nano-Degrees zugrunde liegen, werden in Zusammenarbeit mit den beteiligten Unternehmen entwickelt. Udacity sorgt lediglich für die mediendidaktische Umsetzung der von den Unternehmen benötigten Inhalte. Das hat natürlich nichts mehr mit kritischer Wissenschaft zu tun und die Kritiker bemängeln zurecht die Eindimensionalität der Nano-Degrees. Allerdings sind diese Gefechte rein rhetorischer Natur. Nano-Degrees werden die universitäre Ausbildung nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Der Markt scheint Sebastian Thrun auf jeden Fall Recht zu geben. Die gemeinsam von der Industrie und Udacity entwickelten Nano-Degrees kommen Thrun zufolge bei Unternehmen und Absolventen gleichermaßen gut an. Gleichzeitig und diesen Trend verstärkend zieht auf Seiten der Studenten das Thema „Education-Hacking“ immer weitere Kreise. Es wird von jungen Leuten befeuert, die den klassischen Universitäten den Rücken kehren und sich aus dem Netz das Wissen zusammensuchen, das sie vorwärts bringt. Sie greifen dabei genauso auf MOOCs zurück wie auf spezialisierte Blogs und andere Online-Formate. Das ist selbstorganisiertes Lernen in Reinform. Statt eines Universitätsabschlusses werden Badges gesammelt, die postwendend und karrierefördernd auf dem Linked-In-Profil gleich neben dem Lebenslauf platziert werden.

Eduhacker: Selbstlernkompetenz stärken statt Uni-Bänke drücken

Nun könnte man diese Entwicklung mit den zum Teil horrenden Studiengebühren an US-amerikanischen Universitäten begründen und – in leichter Abwandlung des Bonmots des Soziologen Niklas Luhmann – damit, dass die Eduhacker freiwillig auf das verzichten, was sie ohnehin nicht bekommen. Diese Erklärung greift aber zu kurz. Denn in dem Maße, in dem die Halbwertszeit des Wissens sinkt, steigt auch der Bedarf nach schnellem und gezieltem Wissensaufbau. Eine der großen Aufgaben des Bildungssystems wird es deshalb sein, den Studenten und auch den Schülern Selbstlernkompetenz zu vermitteln. Aufgabe der Unternehmen wird es sein, das notwendige Fachwissen on demand bereit zu stellen.

Aus diesem Blickwinkel ist das Modell der Nano-Degrees auch ein Modell für Deutschland. Gut möglich, dass Nano-Degrees künftig bald genauso karriereförderlich wirken wie ein MBA-Abschluss – und den Unternehmen im Kampf um qualifizierten Nachwuchs wiederum klare Recruiting-Vorteile bringen.

Der Unterschied zu den derzeitigen firmeninternen Weiterbildungsprogrammen ist grundsätzlicher Natur. Denn Nano-Degrees können auch außerhalb der Unternehmen erworben werden. Die Teilnahme ist nicht abhängig vom Wohlwollen der jeweiligen Führungskraft oder von einem wie auch immer gestalteten Qualifizierungsprogramm. Und idealerweise decken Nano-Degrees eine größere inhaltliche Spanne ab als die eines Zwei-Tages-Seminars. Der akademischen Freiheit tut das übrigens keinen Abbruch – sondern entlastet die Universitäten von der Unmöglichkeit, beides zu bieten: Lehre und Forschung auf der einen und Berufsausbildung auf der anderen Seite.