Warum ich die New Work Charta unterschrieben habe

14.06.2019  |  Senta Gekeler
Hand mit Füller unterschreibt die New Work Charta
(c) gettyimages / Duncan Andison

Humanfy hat eine New Work Charta aufgesetzt – unsere Redakteurin hat unterschrieben. Das sind ihre Gründe.

New Work ist mehr als Lohnarbeit „aufzuhübschen“. Das sagt Markus Väth, Buchautor und Co-Founder von Humanfy. Vielen Unternehmen, die glauben, New Work umgesetzt zu haben, fehle eine eindeutige Definition des Begriffs. Das wollen die Humanfy-Gründer Markus Väth und Arthur Soballa sowie die selbstständige Beraterin Anja Gstöttner ändern. Zusammen haben sie die „New Work Charta“ initiiert – eine Orientierungshilfe, die sich nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch und vor allem an Unternehmen und Praktiker richtet.

Auch ich habe sie inzwischen unterschrieben. Aus diesen Gründen:

Weil sie dem Buzzword „Sinn“ wieder Sinn gibt

Die New Work Charta besinnt sich zurück auf den Philosophen Frithjof Bergmann. Mit einer Theorie aus den 1970er-Jahren legte er den Grundstein für New Work. Seine Idee war nicht, Lohnarbeit erträglich zu machen, wie es heute viele Unternehmen mit Obstkorb und Kickertisch versuchen. Er stellte Lohnarbeit als solche in Frage und plädierte dafür, die Erwerbsarbeit durch Automatisierung radikal zu verringern.

In der eingesparten Zeit sollen die Menschen zum einen das, was sie zum Leben brauchen, selbst produzieren und sich zum anderen der „Neuen Arbeit“ widmen: Arbeit, auf die sie wirklich Lust haben, die mit ihren Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Begabungen übereinstimmt. Genau das bedeutet New Work tatsächlich – Arbeit, die man wirklich will, weil man ihren Nutzen kennt.

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Die Aufgabe von Unternehmen sei es, ihren Mitarbeitern diese Art der Arbeit zu ermöglichen. Das fordert auch die New Work Charta. Eines ihrer Grundprinzipien ist Sinn, und das nicht nur als Buzzword-Blabla, sondern auch mit einer Erklärung, was Sinn eigentlich bedeutet. New-Work-Organisationen und ihre Mitarbeiter sollen ihren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Wert klar benennen können. Diese Wertschöpfung geht bewusst über rein finanzielle Größen wie Umsatz oder Rendite hinaus. Denn für mich ist die finanzielle Dimension nur ein Mittel zum Zweck und kein eigener Daseinszweck. Ich stelle eher die Frage: Was kann das Unternehmen mit dem erwirtschafteten Geld in der Welt bewegen?

Weil sie historisch gewachsene Strukturen eliminiert

Transparenz über den Sinn betrifft laut der New Work Charta nicht nur den Nutzen des Unternehmens selbst, sondern jegliche Prozesse und Regeln innerhalb der Organisation. Auch sie müssen einen klar definierten Sinn haben, über die sich jede und jeder, die oder den es betrifft, im Klaren ist. Dadurch verschwinden sinnlose Strukturen oder Prozesse – etwa solche, die historisch gewachsen sind und nie hinterfragt wurden – automatisch aus dem Unternehmen.

Das betrifft auch Hierarchien: Laut New Work Charta entscheidet derjenige, der am meisten Ahnung hat, und nicht derjenige, der in der Hackordnung ganz oben steht. Denn auch bei der Frage nach Verantwortung steht die Frage nach dem Sinn stets im Vordergrund. Zurück bleibt eine Organisation, die sich auf das Wesentliche konzentriert, nämlich auf ihren individuellen Nutzen für Mitarbeiter und Gesellschaft.

Weil sie die soziale Verantwortung von Unternehmen und Wirtschaft betont

New Work besagt laut Bergmann und der Charta, dass Unternehmen den Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt. Das heißt, dass ein Unternehmen einen Mehrwert für die Menschen haben und diesen klar definieren, kommunizieren und befolgen muss. Die logische Schlussfolgerung daraus ist: Ein Unternehmen darf den Menschen und der Welt nicht schaden. Dazu gehören Umweltschutz und ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, eine faire Steuerpraxis und Transparenz gegenüber Partnern, Lieferanten und Kunden – und natürlich ein guter Umgang mit den Mitarbeitern. So leistet richtig umgesetzte New Work einen erheblichen Beitrag zu einer besseren Welt.

Weil sie eine Brücke zwischen Utopie und Realität schlägt

Frithjof Bergmann wollte mit seiner Sozialutopie von New Work ein Gegenkonzept zum Kapitalismus finden, nachdem Kommunismus für ihn diese Lösung nicht lieferte. Wie bereits erwähnt, sollen für ihn Unternehmen den Menschen und der Gesellschaft dienen, ihnen Nutzen und Sinn stiften. Auch ich träume gerne von einer Welt, in der Geld egal ist und das Wohl der Lebewesen im Vordergrund steht. Doch mir ist bewusst, dass die meisten Unternehmen auch ihre legitimen wirtschaftlichen Interessen dabei nicht ausblenden.

Die New Work Charta schlägt genau die Verbindung zwischen Utopie und Realität, die uns Idealisten oft schwerfällt. Sie zeigt, dass wirtschaftlicher Profit und sozialer Nutzen kein Gegensatz sein müssen. Sie versöhnt die theoretische Sozialutopie eines Philosophen mit den wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen. Sie zeigt, dass die Frage nach Sinn und sozialer Verantwortung für Unternehmen auch finanzielle Vorteile bringt – und gibt klare Handlungsanweisungen, mit denen Unternehmen New Work integrieren und die Praxis umsetzen können.

Weil Unternehmen und Menschen nur mit „richtiger“ New Work zukunftsfähig bleiben

Die New Work Charta nennt unter ihren Grundprinzipien auch Freiheit und Selbstverantwortung. Unternehmen sollen für Mitarbeiter Experimentierräume schaffen, in denen sie ohne Angst vor Fehlern Neues ausprobieren, lernen und sich weiterentwickeln können. Nur dadurch entsteht die Anpassungs- und Lernfähigkeit, die der technische Fortschritt notwendig macht.

Ob und wie die New Work Charta in Zukunft umgesetzt werden wird, ist noch offen. Aber meiner Meinung nach ist sie angesichts der vielen falschen Interpretationen von Bergmanns Ideen definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

Die vollständige New Work Charta finden Sie hier. Beim Personalmanagementkongress am 25. Juni in Berlin hält Markus Väth zu seinem Verständnis von New Work einen Vortrag mit dem Titel „New Work: Revolution oder Rohrkrepierer?“