New Work – gibt’s das auch woanders?

29.05.2019  |  HRM Online-Redaktion
Die beiden Unternehmer Anna Stania und Nils Schnell reisten auf der Suche nach Konzepten von New Work ein Jahr durch die Welt.
(c) gettyimages / mowomind

1 Jahr, 3 Kontinente, 26 Länder: Auf ihrer New-Work-Tour haben Anna Stania und Nils Schnell untersucht, wie modernes Arbeiten in anderen Ländern aussieht.

Ihr beiden seid vor Kurzem von einer einjährigen New Work-Tour zurückgekehrt, die Euch durch Osteuropa, Asien und Australien geführt hat. Was hat Euch dazu motiviert, diese Reise zu unternehmen?
Nils: Wir sind beide neugierige Menschen, lieben es zu reisen und unsere Arbeit. Dadurch sind wir auf die Idee einer #modernworktour gekommen. Unsere Motivation war, sowohl unser Wissen weltweit zu teilen als auch neue Impulse, Ideen und Anregungen für unsere Arbeit hier in Deutschland zu finden. Das hat beides erfreulicherweise sehr gut geklappt.

Was versteht ihr unter New Work?
Anna: New Work bedeutet, dass jeder Mensch eine für sich sinnstiftende Arbeit findet. Dafür müssen bestimmte Rahmenbedingungen geschaffen werden, man muss Arbeitsprozesse und historisch gewachsene Strukturen in Unternehmen grundlegend hinterfragen. Wir sind in unserem Verständnis von New Work noch sehr nah am ursprünglichen Grundgedanken, der ja bereits in den 70er Jahren formuliert wurde. Im Kern geht es vor allem darum, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

Bei New Work denken viele mittlerweile vor allem an Kickertische.
Nils:
Ja, da ist der ursprüngliche Gedanke leider deutlich auf Abwege geraten. Es geht bei New Work nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um das große Ganze. Ein Kickertisch kann natürlich ein Teil davon sein und sich positiv auswirken, weil sich Leute dort treffen, Spaß haben und in Austausch treten. Aber es gibt insgesamt natürlich eine deutlich größere Bandbreite an Möglichkeiten, Kommunikation sinnvoll zu beleben, beispielsweise durch digitale Tools oder innerhalb unterschiedlicher Gesprächsformate.

Ihr selbst coacht Unternehmen und Startups, die das Konzept implementieren wollen. Ihr bietet auch Trainings, Seminare und Beratungen an. Wie kann man sich das vorstellen?
Anna:
Unser Ziel ist, Menschen innerhalb unterschiedlicher Formate dazu zu befähigen, zufriedener und besser miteinander zu kommunizieren. Dann zeigt sich nämlich sehr schnell, was die Mitarbeiter im jeweiligen Unternehmen eigentlich brauchen, um eine gute Arbeit zu leisten. In Coachings agieren wir beispielsweise als Sparring Partner und stellen auch mal unangenehme Fragen, die man intern so vielleicht nicht auf den Tisch bringen würde. Uns geht es darum, Menschen in einen Prozess der Selbstreflektion zu führen – das reicht vom Gründer bis zur jungen Führungskraft.

Wie habt ihr auf Eurer Tour die Kontakte zu Unternehmen geknüpft?
Nils:
In einigen Ländern gab es bereits Kontakte oder wir wurden weiterempfohlen, teilweise haben wir Unternehmen aber auch über soziale Medien angeschrieben – das hat in einigen Ländern gut geklappt, in anderen weniger gut. In China haben wir die Unternehmen deshalb auch oft einfach persönlich besucht und gefragt, ob es Bedarf gibt.

Ist New Work in anderen Ländern denn ein Thema?
Anna:
Nicht immer, es hängt stark vom jeweiligen Land ab. In einigen Ländern wie zum Beispiel den sogenannten Stan-Ländern* ist die Idee zwar nicht neu, aber sie wird nicht gelebt. Dort gibt es eine ganze Reihe von Alltagskonflikten und Problemen, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Thematik wie New Work gar nicht erst aufkommen lassen.
Nils: Arbeit ist dort auch noch immer sehr hierarchisch organisiert. Führungskräfte haben uns erzählt, dass sie ihrer Belegschaft zwar gerne mehr Eigenverantwortlichkeit eingestehen würden, die Angestellten das aber schlicht nicht wollen und noch in sehr klassischen Kategorien denken.
Anna: Andere Länder wiederum sind da schon weiter. In Australien ist New Work fester Bestandteil vieler Unternehmenskulturen. Die Mentalität dort ist uns insgesamt sehr positiv aufgefallen. Es wird mit einer ungeheuren Entspanntheit gearbeitet – und übrigens im Ergebnis genauso erfolgreich.

Gab es ein Highlight auf Eurer Tour?
Nils:
Viele! Aber besonders beeindruckt hat uns die Mongolei. Einerseits ist die Landschaft dort unglaublich vielseitig, andererseits hatten wir tolle menschliche Begegnungen. Und wir haben ein Training für einen Fernsehsender gegeben und sind dann letztlich in einer mongolischen Fernsehshow gelandet.

Ihr wart auch in China. Welche Rolle spielt New Work dort?
Anna:
China hat uns auf der einen Seite sehr inspiriert. Dort wird in einer ungeheuren Geschwindigkeit gearbeitet und die Menschen gehen mutig und sehr diszipliniert an neue Projekte. Davon können wir uns hier einiges abschauen, besonders vom Mut. Aber natürlich gibt es dort auch Einiges, was man kritisch sehen muss. Die Mitarbeiter werden häufig überwacht, die Arbeitszeiten sind enorm lang, der Datenschutz spielt kaum eine Rolle. Der Mensch als Individuum kommt in Unternehmen insgesamt zu kurz – von daher: Nein, das, was wir unter New Work verstehen, ist dort eher selten vorzufinden.

Gab es eine Arbeitsumgebung, die Euch auf Eurer Reise besonders überrascht hat?
Nils:
In Shanghai gab es ein Unternehmen, das Start-ups bei ihrer Entwicklung unterstützt hat. Dort war alles unheimlich clean und minimalistisch eingerichtet. Das hat aber extrem gut funktioniert. Es sollte einen nichts ablenken, ein klarer Fokus auf das Projekt selbst gelegt werden. Es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten, wie man New Work ausgestalten kann. Was aber grundsätzlich nicht funktioniert, ist, einfach Konzepte standardisiert zu übernehmen. Man muss immer im Detail schauen, was im jeweiligen Unternehmen möglich ist und was nicht.
Anna: Tatsächlich hat uns aber auch überrascht, wie wir selbst gearbeitet haben. Es konnte schon mal passieren, dass wir mitten in der mongolischen Wüste im Auto sitzen und berufliche Emails schreiben. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Modernes Arbeiten bedeutet, dass man eigentlich von überall aus arbeiten kann – wenn man diszipliniert ist.

Wie geht’s jetzt weiter?
Nils:
Erst einmal sind wir hier und teilen unsere Erfahrungen in unseren Sessions. Aber wir haben auch schon die nächste Tour geplant: nach Afrika, Südamerika, Nordamerika und die Karibik, damit wir tatsächlich einen groben Überblick über alle Kontinente erhalten.

*Anmerkung der Redaktion: Bei den Stan-Ländern handelt es sich um die Länder Osteuropas, die auf der Silbe -stan enden.

 

Anna Stania und Nils Schnell
(c) mowomind

Anna Stania ist Geschäftsführerin bei MOWOMIND – enabling purpose-driven work. Die Expertin für Change und New Work ist zertifizierter Coach, Moderatorin und Trainerin sowie Autorin diverser Sach- und Wissenschaftsbeiträge.

Nils Schnell ist Geschäftsführer bei MOWOMIND – enabling purpose-driven work, Experte für New Work und Leadership und zertifizierter Coach und Moderator.