Öffentlicher Dienst: Mit Sinn gegen den Fachkräftemangel

06.05.2019  |  Andreas Herde
Geschäftsmänner schütteln die Hand vor der Justitia.
(c) gettyimages / undefined undefined

Der öffentliche Dienst hat einen Trumpf gegen den drohenden Personalmangel: sinnhafte Tätigkeiten im Dienste der Menschen. Ein Beispiel.

Wird der öffentliche Dienst wegen Personalmangels handlungsunfähig?

Die Unternehmensberatung McKinsey prognostiziert für den öffentlichen Dienst im Jahr 2030 bis zu 730.000 unbesetzte Stellen, was den öffentlichen Sektor zumindest teilweise handlungsunfähig machen würde. Dieses Schreckensszenario ist möglich, aber nicht zwangsläufig. Auch der öffentliche Sektor befindet sich natürlich im allgegenwärtigen Wettbewerb um Mitarbeiter und Nachwuchskräfte. Dabei kann er allerdings mit einem Pfund wuchern, das laut vieler aktueller Studien stark an Bedeutung bei der Berufs- und Arbeitgeberwahl gewinnt: sinnstiftende berufliche Tätigkeit.

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Strukturelle Nachteile des öffentlichen Diensts im Wettbewerb um Personal

An den Anfang der Entwicklung einer jeden Strategie – auch zur Schärfung einer Arbeitgebermarke und zur Personalgewinnung – steht immer eine ehrliche und schonungslose Analyse der eigenen Position. Und da muss der öffentliche Dienst zur Kenntnis nehmen, dass er gegenüber privatwirtschaftlichen Arbeitgebern eine Reihe von strukturellen Nachteilen hat. Bei der Höhe der Vergütung können Bund, Länder und Kommunen in weiten Teilen nicht auf Augenhöhe mit der Privatwirtschaft agieren, ohne ihre Haushalte hoffnungslos zu überlasten. Auch bei den Rahmenbedingungen der Beschäftigungsverhältnisse muss der öffentliche Sektor einige Defizite kompensieren. So sind zum Beispiel der Tätigkeit im heute so beliebten Homeoffice bei der Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben schon aus Sicherheitsgründen Grenzen gesetzt. Und ein Justizvollzugsbeamter kann seinen Beruf eben auch nicht zu Hause ausüben.

Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit für Menschen und Gesellschaft in den Fokus stellen

Vor diesem Hintergrund ist es für die öffentlichen Arbeitgeber umso wichtiger, die Trümpfe, die der Staat als Employer ohne Zweifel hat, in den Vordergrund zu stellen und gekonnt auszuspielen. Eine hohe Arbeitsplatzsicherheit gehört sicher dazu. Noch wichtiger ist aber eine Entwicklung der jüngeren Zeit, nach der Arbeitnehmern die Sinnhaftigkeit ihrer beruflichen Tätigkeit immer wichtiger wird und ein Stück weit sogar eine etwas geringere Bezahlung aufwiegt. Das zeigen zahlreiche aktuelle empirische Studien eindeutig. Diese Erkenntnis ist das gedankliche Fundament einer großen Kampagne zur Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung, die wir bei YeaHR! Anfang 2019 mit dem Justizministerium von Nordrhein-Westfalen gestartet haben.

Arbeiten bei der Justiz.NRW. Den Menschen im Sinn

„Die Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit ist heute die stärkste Motivation für die Wahl des Berufes und den Arbeitgeber“, sagt Dr. Michael Bräuer, im Ministerium der Justiz des Landes NRW als Referatsleiter unter anderem zuständig für das Thema Personalgewinnung. „Da hat die Justiz.NRW wirklich viel zu bieten. Wir stellen bewusst die bereits heute und in Zukunft bei uns arbeitenden Menschen und deren tägliches sinnvolles Handeln im Beruf für die Menschen in Nordrhein-Westfalen in den Mittelpunkt unserer Kommunikation. Daher lautet der übergeordnete Claim auch: ‚Arbeiten bei der Justiz NRW. Den Menschen im Sinn’.“

Das Land NRW wird über zwei Millionen Euro in das auf drei Jahre angelegte Projekt investieren mit dem Ziel, sowohl Nachwuchs als auch erfahrene Fachkräfte für die insgesamt 27 Berufsbilder im Bereich der Justiz NRW zu gewinnen. Die Justiz in NRW ist mit rund 40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in etwa 300 Behörden ein großer und attraktiver Arbeitgeber. Die bei der Justiz NRW beschäftigten Menschen bringen sich täglich als Hüter des Rechtsstaates für die Bürgerinnen und Bürger im Land ein.

Elemente der Kommunikationsoffensive von Justiz NRW

Die Kommunikationsoffensive der Justiz NRW ist im Januar 2019 mit den Elementen einer Kampagnenseite im Netz, einer neuen Karriere-Webseite, Stellen- und Imageanzeigen in On- und Offline-Medien, intensiven Social Media-Aktivitäten sowie Broschüren zu den diversen Berufsbildern bei der Justiz gestartet. Gezielte interne Kommunikation soll auch die heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motivieren, als Botschafter für ihren Arbeitgeber zu agieren. Die Kampagnenmotive sind landesweit auf 1.000 Großflächen sowie online im Netz zu sehen. Ein weiterer zielgerichteter Ausbau der Kommunikationselemente erfolgt im laufenden Jahr 2019 sowie in 2020.

Die Kampagne stellt bewusst die heute und in Zukunft bei Justiz NRW arbeitenden Menschen und deren tägliches sinnvolles Handeln im Beruf für die Menschen in Nordrhein-Westfalen in den Mittelpunkt der Kommunikation.

Erste positive Ergebnisse der Kampagne

Drei Monate nach Kampagnenlaunch ist es viel zu früh für abschließende Ergebnisse. Dennoch gibt es bereits sehr ermutigende und erfreuliche Indizien. So wurde auf einer Tagung aller Leiter der Justizvollzugsanstalten in NRW bekannt, dass die Anfragen nach einer Karriere im Justizvollzug im ersten Quartal 2019 bereits die Anzahl entsprechender Anfragen im Gesamtjahr 2018 überstiegen hat. Auch hat sich der Traffic auf der Karriereseite der Justizvollzugsanstalten sprunghaft um mehr als 50 Prozent erhöht.

„Eckpfeiler einer starken, funktionsfähigen Justiz sind gut ausgebildete, motivierte und leistungsstarke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Dr. Michael Bräuer. „Ich bin davon überzeugt, dass unsere Kampagne ihr Momentum behalten wird und wir unsere Aufgaben für die Menschen in NRW und für unsere Gesellschaft auch in Zukunft exzellent erfüllen werden – sowohl quantitativ als auch qualitativ.“

Das Beispiel der Justiz in NRW zeigt, dass es der öffentliche Dienst selber in der Hand hat, seine Leistungsfähigkeit in personeller Hinsicht zu erhalten. Das ist kein Selbstläufer, aber absolut machbar.