Ohne Chef arbeitet man zu viel

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Franz Kafka schrieb nur nachts, Thomas Mann hielt sich sklavisch an den Vormittag – Qual und Zweifel immer im Nacken. Geistige Arbeit ist alles andere als einfach. Doch wie misst man die Leistung eines kreativen Kopfs und welche Rituale helfen durch den Schreiballtag? Ein Besuch bei der Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers.

Ihr persischer Teppich rettete Tanja Dückers einst das Leben. Vor einigen Jahren vergaßen Bauarbeiter einen Zementsack auf dem Balkonabfluss ihrer 150 Quadratmeter großen Altbauwohnung im Berliner Prenzlauer Berg. Ein Sommergewitter, undichte Balkontüren – und das Wasser bahnte sich seinen Weg in das große Arbeitszimmer der Schriftstellerin. Tanja Dückers trat am morgen barfuß in das zentimeterhohe Wasser, das wenige Millimeter unter der Steckdose endete. Der Teppich hatte so viel Wasser aufgesogen, dass es die Stromstecker nicht erreichte. „An dem Tag konnte ich nicht garantieren, dass meine Texte pünktlich fertig werden“, sagt die 46-jährige Autorin und lächelt. Es könne eben immer etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommen.

Die E-Mail, um dieses Gespräch zu vereinbaren, erreicht sie im April in den USA. Dort war sie zwei Monate „Writer in Residence“ an der Universität in Ohio und erklärte amerikanischen Studenten die literarische Adaption Berlins in deutschen Romanen. „Lassen Sie uns am besten nachmittags treffen, sodass ich am Vormittag ohne Unterbrechung arbeiten kann“, antwortet sie. Sie wolle ihre Arbeitstage nicht zerstückeln. Als wir um die Mittagszeit an einem kleinen Holztisch unweit ihres „Chefpostens“ – einem Sekretär – Platz nehmen, ist sie gerade einmal 24 Stunden zurück in Deutschland. An diesem schwülen Maitag quält sie der Jetlag.

Das Arbeitszimmer der Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers (c) Julia Nimke

Der fragmentierte Schriftstelleralltag

An einem normalen Arbeitstag sitzt Tanja Dückers meist um sechs Uhr am Tisch, genießt zwei Stunden völliger Ruhe, bis ihr Mann und ihr Sohn aufstehen. Das ist häufig die Zeit, in der sie schreibt. Danach erledigt sie Telefonate, beantwortet Mails, quält sich mit „langweilig Bürokratischem“, oder telefoniert mit Übersetzern, die Begriffe aus ihren Texten nicht richtig verstanden haben.

Viele kleine Dinge füllen ihren Arbeitsraum mit Leben. „Die Ecke hier ist etwas rumpelig.“ Dückers geht zu ihrem Sekretär, auf dem weiße Rosen und drei Globen stehen. Auf einem zweiten kleinen Schreibtisch liegt ein Buch über kartografische Kuriositäten. „Das lese ich gerade“, sagt sie und widmet sich wieder ihrem Hauptarbeitsplatz. Sie habe viel ausprobiert, bis sie den besten Ort für ihren Schreibtisch fand. „Wenn das Licht von hinten fällt, ist es einfach am schönsten.“ An der Wand hängt ein Bild vom Planeten Saturn. „Er steht für Arbeit und Selbstdisziplin.“ Dückers betrachtet ihn wenige Sekunden. Sie schaue ihn gerne an. „Dann habe ich ein besseres Verhältnis zur Steuererklärung.“

Sitzt man an ihrem Schreibtisch, fällt der Blick auf eine Wand voll Akten, jeder Ordnerrücken ist liebevoll gestaltet. „Man verbringt die meiste Zeit mit Bürokratie. Ich habe mir die Ordner etwas aufgehübscht“, sagt Dückers, geht zu ihnen hinüber und schiebt ein paar herausragende Blätter zurück. „Das stört mich, dass das da oben so weiß rausguckt, das darf nicht sein“, spricht sie leise vor sich hin. „Die Käfer, die sind für die Lyrik.“ Sie zeigt auf die unteren Ordnerreihen, die in ihrer Gesamtheit eine Wand aus Insekten ergeben. Tanja Dückers kümmert sich hingebungsvoll um solche Details. Ebenso feinsinnig geht sie auch mit der Sprache und Figurenentwicklung in ihren Romanen um.

Die Ordner für Ihre Lyrik hat Tanja Dückers etwas umgestaltet (c) Julia Nimke

Die Rolle des Schriftstellers

Abgabetermine für ihre Texte setzen Tanja Dückers unter Druck. „In dieser durchkapitalisierten Welt wird man andauernd gefragt, wie lange man für etwas braucht“, sagt sie. „Das finde ich lästig. Eine Kurzgeschichte könnte beispielsweise erst in zwei Wochen oder bereits heute Nacht fertig werden, das weiß ich doch vorher nicht.“ Jede Führungskraft würde sich über diese Ansage eines Mitarbeiters ärgern, wie soll man so planen und kontrollieren? Doch Tanja Dückers darf das, sie ist Schriftstellerin. Schöpferische Energie und poetische Kräfte lassen sich nicht durch zeitliche Koordinaten bezwingen. Kreativität kann wankelmütig sein – und scheu. Und am Ende zählt das Ergebnis.

Die Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers in ihrem Arbeitszimmer (c) Julia Nimke

Deadlines schiebt sie immer gern ganz weit nach hinten, reizt die Grenzen aus, treibt den Redakteuren und Lektoren sicherlich den Schweiß auf die Stirn – und gibt dann doch früher ab. Gescheitert ist sie bisher noch nie an einem Text. Fragen nach Schreibblockaden, kreativen Sackgassen, Schwierigkeiten im Allgemeinen klingen still im Raum nach, so verwundert sieht Tanja Dückers aus, wenn man sie darauf anspricht – als hätte sie darüber bisher noch nicht nachgedacht.

Die Schreibblockade als Seismograph

„Mich belasten Blockaden nicht, davor habe ich keine Angst“, sagt sie und man glaubt es ihr. Kommt sie bei einem Roman nicht weiter, arbeitet sie einfach an einem Lyrikzyklus oder Essay. Dückers wechselt die Genres. Außerdem zeige einem eine Schreibblockade auch, dass man sich womöglich mit einem Text vergaloppiert habe. Heutzutage schreibt sie viel weniger Wörter pro Text, die dafür häufiger veröffentlicht werden. Als junge Autorin hat sie mehr produziert und hinterher verworfen. Mit dem Alter sei sie jedoch effizienter geworden, sagt sie. Ihr Problem ist eher, dass sie viele Aufträge nicht annehmen kann, ihr fehlt die Zeit.

Im Vordergrund hängt das Plakat einer Lesung (c) Julia Nimke

Tanja Dückers hätte nicht gedacht, dass dieser Beruf so unruhig sei. Ist ein neuer Roman erschienen, hat sie pro Jahr bis zu 100 Lesereisen, die sie selbst organisiert „Ich bin Reisebüro Dückers.“ Sie lacht kurz auf. Im Herbst war sie in Indien, danach in der Schweiz, zur Recherche auf den kanarischen Inseln, dann ging es nach Prag, schließlich eine Lesereise durch Deutschland. „Nächste Woche habe ich ja wieder eine Lesung, oh Graus.“ Die Unruhe, das Herausreißen aus dem Schreibprozess, haben jedoch auch etwas Heilsames. Man könne als Schriftsteller schon etwas verrückt werden, so ganz allein mit seinem Text.

Der Text und die Schriftstellerin

Nach der Publikation fällt der Blick auf das eigene Werk dann oft kritisch aus. „Ich denke oft, oh, dieses Füllwort, hätte ich das weggelassen.“ Ist ein Text erst einmal  gedruckt, habe das etwas bedrohlich Endgültiges, sagt Dückers. Bei Lesungen liest sie  deshalb häufig einfach eine überarbeitete Fassung ihrer Texte. „Ich erlaube mir schon, in meine eigenen Bücher reinzukritzeln,“ sagt sie und schaut gelassen. „Das darf ich.“ Das sehen ihre Leser, zu denen sie viel Kontakt hat, mitunter anders. Sie machen sie geflissentlich aufmerksam auf jede Änderung, während sie liest.

Doch nicht nur die Leser bewerten sie, natürlich auch die Literaturkritik. „Als ich Ende zwanzig war, kam das Phänomen des Fräuleinwunders auf. Das hat sich einfach nur auf junge Frauen bezogen, die schreiben. Warum gibt es eigentlich kein Männleinwunder?“, fragt sie und zuckt mit den Achseln. Einige Kritiker etikettierten sie mit diesem Modebegriff, ohne sich groß mit ihren Romanen zu beschäftigen. „Nur weil mich die Kritiker unter Fräuleinwunder einsortiert hatten, dachten andere, ich sei automatisch eine dumme Diskomaus“, sagt sie und ihre ganze Erscheinung widerlegt diese Herabsetzung. Am liebsten habe sie mit ihrer Großmutter heiße Schokolade getrunken und sich unterhalten. Sie blickt liebevoll zu dem antiken Sofa, das diese ihr vererbt hat.

Solche Rezensionen liest Tanja Dückers nicht zu Ende. Sie würde sich nur ärgern. „Mittlerweile lasse ich meinen Mann vorkosten.“ Er sucht ihr die lesenswerten Kritiken heraus, sortiert die beleidigenden aus. Für jeden, dem es an Vorstellungskraft dafür fehlt: Ein Kritiker schrieb einst, ein Buch von ihr wäre „wie ein schlechter Blowjob“. „Das wurde so gedruckt. Das war krass“, sagt Dückers. Heute würde sie sich öffentlich wehren, das an die großen Medien posten. Damals war sie zu unsicher und beließ es bei einer Beschwerde beim Verlag.

Literaturkritik im digitalen Nirwana

Früher hatte sie das Gefühl, die Menge an Kritiken überblicken zu können. Heute sehe sie mitunter erst viel später, in welchen Foren und Blogs über ihre Texte gesprochen werde. Was das Bild, das sich Journalisten über sie machen, betrifft, ist Dückers erfrischend differenziert. „Ich habe bei Porträts nicht den Anspruch, komplett erfasst zu werden. Es ist doch auch schön, wenn es Geheimnisse gibt.“ Ist das auch so mit einigen Geschichten, die sie vielleicht nicht aufschreibt? Sie steht plötzlich auf und greift nach einem Poster ihrer USA-Lesung. Sie möchte es aufhängen. „Das war eine tolle Lesung, daran habe ich gute Erinnerungen“, sagt sie, setzt sich und drückt Klebeband an die Ecken des Posters. „Es gibt Geschichten, die ich mir nur für mich ausdenke.“ Sie hält kurz inne. „Wenn man etwas veröffentlicht, dann lesen das ja so viele, dann wird es kritisiert. Ich denke mir immer neue Geschichten mit meinen Lieblingsfiguren aus. Ich möchte keiner Version Vorrang geben.“

Sie messe eher in Büchern, wenn sie an Leistung denke, sagt Tanja Dückers, die eine ganze Regalwand mit Texten gefüllt hat, bei der Radio-Eins-Literatursendung auftritt und regelmäßig Kolumnen schreibt – sie wolle sich gesellschaftspolitisch einmischen. Dieses Jahr hat sie ein Kinderbuch veröffentlicht. Der Verlag mache ihr nie direkt Druck, aber die Erwartung nach einer neuen Veröffentlichung schüren natürlich vor allem Medien und Leser. „Ohne Chef arbeitet man definitiv zu viel“, sagt sie. Eine Autorität würde sie jedoch nur schwer akzeptieren können. „Mir ist fremd, dass die Wertschätzung eines Menschen an eine Position gekoppelt ist.“

Tanja Dückers‘ Hauptwerke. Das Regal mit allen veröffentlichten Texten füllt die gesamte Wand ihres Arbeitszimmers (c) Julia Nimke

Tanja Dückers hat niemanden, der ihr Vorgaben macht – dafür aber auch keinen Feierabend. „Ich hätte ja eigentlich die Freiheit, weniger zu arbeiten“, räumt sie ein. „Aber wenn man Dinge zugesagt hat und länger braucht, dann gibt es eben kein Zurück.“ Manchmal fällt ihr nachts etwas ein. Dann geht sie sofort an den Rechner. „Oft quält mich auch ein einzelnes Wort. Ich rufe auch schon mal aus den USA bei Zeit Online an und bitte darum, das Wörtchen ‚auch‘ aus dem Text zu streichen.“ Der Chef im eigenen Kopf ist eben immer der strengste.