Ohne Wir kein Ich

Der Mensch braucht die Gemeinschaft, sagt der Soziologe Matthias Grundmann. Denn nur durch die anderen kann Identität entstehen. Ein Interview.

Anfang 2013 wurde am Institut für Soziologie der Universität Münster ein Arbeitskreis zur Gemeinschafts- und Nachhaltigkeitsforschung gegründet, zu dem auch Matthias Grundmann gehört. Das Ziel ist, unterschiedliche Forschungsbereiche zusammenzubringen. Es wird aber auch die Vernetzung mit den Communitys unterschiedlicher sozialer Bewegungen angestrebt. Soziologie kann also auch eine praktische Wissenschaft sein. 

Herr Professor Grundmann, im Wirtschaftsbereich ist der Begriff Community gang und gäbe. Beispielsweise wenn man eine Gruppe meint, die gemeinsame Merkmale aufweist. Es gibt Social Media Communitys, HR-Communitys, Themen-Communitys. Benutzen Sie den Begriff als Wissenschaftler selbst auch?
Der Begriff der Community ist in der Soziologie viel konkreter gefasst, als Sie ihn, denke ich, verwenden. Er zielt auf Aspekte der sozialen Verbundenheit, die nicht nur über gemeinsame Interessen, sondern auch über gemeinsames Handeln entstehen. Der Begriff kommt eigentlich aus der Gemeindeforschung. Es geht also um Gemeinden und Gemeinschaften im weiteren Sinne. Die können auch eine gemeinsame Lebensführung bedeuten. Es ist ein zielgerichtetes, aufeinander eingestelltes Handeln erforderlich.

Was wäre ein Beispiel für so eine Gemeinschaft?
Eine religiöse Gruppe, eine Partei oder ein Verein können Beispiele für eine Gemeinschaft sein.

Kann ein Unternehmen eine Gemeinschaft sein?
Ein Unternehmen ist für mich zunächst einmal eine Organisationsform. Es kann gemeinschaftlich organisiert sein, ist es allerdings in der Regel nicht. Einfach deswegen, weil es in den allermeisten Fällen klare Hierarchien gibt. Das ist für Gemeinschaften nicht üblich.


Matthias Grundmann, Universität Münster

Interessanterweise bemühen sich mehr und mehr Unternehmen eine Kultur der Gemeinschaft zu fördern.
Ja und das macht auch Sinn. Denn in der gemeinschaftlichen Orientierung steckt ein Mehrwert, nämlich dass die Menschen aufeinander bezogen handeln, sich austauschen, wie es zum Beispiel gemeinsam besser gehen könnte. Das heißt, sie bedienen nicht einfach nur ihre Teil- oder Funktionsbereiche. Deshalb ist eine Kultur der Gemeinschaft für ein Unternehmen natürlich auch aus ökonomischen Gründen interessant.

Warum braucht der Einzelne die Gemeinschaft?
Wir Menschen sind ohne Gemeinschaft gar nicht denkbar. Wir werden geboren in einen sozialen Zusammenhalt, in der Regel die Familie. Die Gemeinschaft ist ein Grundbedürfnis  des Einzelnen. Und wir brauchen die anderen Menschen, um uns selbst als Individuum zu erkennen und zu erfahren. Nur durch die Anderen kann Identität entstehen und zwar durch den Austausch. In der Beziehung mit ihnen erlebe ich mich selbst – sinnlich, körperlich, geistig. Das Wir ist also ohne das Ich möglich, aber das Ich gibt es nicht ohne das Wir. Man kann sagen: Die Gemeinschaft ist dem Individuum vorgelagert.

Was ist der Unterschied zwischen einer Gemeinschaft und einer Gruppe?
Wenn ich Teil einer Gemeinschaft bin, muss ich mich ihr zuwenden und einbringen – als ganze Person. Das muss ich bei einer Gruppe nicht, die erst einmal nur einen Zusammenschluss von Menschen meint. Der Begriff ist inhaltsleer. Ich kann Mitglied einer Versicherung sein, ohne dass von mir mehr verlangt wird,  als regelmäßig einen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Ich kann auch Mitglied in mehreren Vereinen sein, ohne aktiv zu werden. Dann bin ich lediglich Teil einer Gruppe. Was in einer Gruppe gelebt wird oder um welche Elemente herum sie sich gegründet hat, kann sehr unterschiedlich sein.

Wie hat sich in den vergangenen Jahren das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft verändert? Es ist des Öfteren von einer Atomisierung der Gesellschaft die Rede. Sehen sie das auch so?
Man kann von einer zunehmenden Atomisierung der Gesellschaft reden. Es gibt aber gleichzeitig auch eine andere Entwicklung dahingehend, dass sich Menschen wieder miteinander verbinden wollen. Es gibt das Bedürfnis, sich sozial zu verpflichten und die Lebenswelt um sich herum zu gestalten – und zwar mit anderen zusammen. Ich denke beispielsweise an nachbarschaftliche Initiativen oder bestimmte kreativ-kulturelle Bewegungen. Da gibt es zahlreiche Pflänzchen, die momentan das Licht der Welt erblicken. Es ist eine Art Gegenbewegung zu einer individualisierten Welt, die uns einfach nicht guttut.

Viele suchen Gemeinschaft in den sozialen Netzwerken. Kann es die virtuell geben?
In den sozialen Medien bauen die Menschen in der Tat Beziehungen auf, die das eigene Leben bereichern sollen – und auch können. Doch diese medial vermittelte Vergemeinschaftung ist eher flüchtiger Art.

Warum?
Weil sie in der Regel lediglich punktuell entsteht. Natürlich gibt es das Potenzial, dass über Facebook oder ein anderes soziales Netzwerk Freundschaften entstehen. Dafür braucht es aber mehr als den Austausch über die Medien. Die Beziehung muss ins reale – wenn Sie so wollen – analoge Leben gehen. Denn Gemeinschaft setzt das gelebte Miteinander voraus.