Personalmanagement: Was ist dran am Neuro-Hype?

Wer im Personalmanagement mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung argumentiert, hat vermeintlich die Wissenschaft auf seiner Seite.
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Wer im Personalmanagement mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung argumentiert, hat die Wissenschaft auf seiner Seite. Zurecht?

Janin Schwartau erinnert sich noch gut an die Reaktionen, als sie das erste Mal ein Neuro-Seminar für Top-Führungskräfte vorschlug: hochgezogene Augenbrauen, skeptische Blicke, offene Kritik an einem esoterisch anmutendem Ansatz. „Es gab sehr viel Gegenwind“, sagt Schwartau, die beim Industriekonzern ThyssenKrupp den Geschäftsbereich Learning and Transformation verantwortet und die unternehmenseigene Weiterbildungsakademie leitet.

Kein Wunder: In dem neurowissenschaftlichen Führungskräftetraining, das Schwartau vor zehn Jahren gemeinsam mit einer Neurowissenschaftlerin konzipierte, sollte es nicht nur um Themen wie Performancesteigerung und Stressbewältigung gehen. Über einen Zeitraum von einem Jahr waren dreimal drei Tage mit neurowissenschaftlichen Workshops eingeplant und zwischen den Einheiten ein weiteres, persönliches Coaching. „Wir haben dazu eine Fachreferentin eingeladen, die Führungskräfte über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns aufklärt und einen Koch, der leistungssteigerndes Brainfood zubereitet“, sagt Schwartau. Weitere Tagesordnungspunkte: Emotionsregulierung, Stressbewältigung mittels Meditation, Achtsamkeitsübungen und ein gemeinsames Sportprogramm. „Heute gibt es ja einen regelrechten Hype um solche Themen, und gerade Meditation ist als leistungssteigernde Maßnahme absolut akzeptiert. Damals wirkte das aber auf viele Entscheider noch irgendwie esoterisch oder wie unnötiger Luxus“, sagt Schwartau. Sie habe viel Aufklärungsarbeit leisten müssen und dafür mit konkreten, belegbaren Ergebnisse der Hirnforschung argumentiert. Schließlich setzte die Akademieleiterin ihr Experiment durch. Mit Erfolg: „Heute finden sich neurowissenschaftliche Elemente in fast allen unseren Seminaren wieder. Viele Führungskräfte setzen die Erkenntnisse aus dem Neuro-Seminar in ihren Teams um.“

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Von der Esoterik in den Mainstream

Ergebnisse aus der Hirnforschung interessieren längst nicht mehr nur hoch spezialisierte Wissenschaftler. Seit einigen Jahren schon haben Coaches, Weiterbildungsexperten, Führungskräfte und Personalmanager das Thema Neurowissenschaften für sich entdeckt und arbeiten daran, neurobiologische Erkenntnisse auf aktuelle Herausforderungen in Unternehmen zu übertragen. Neuro-Leadership, Neuro-Marketing, Neuro-Recruiting, Neuro-Personalentwicklung: Der Blick auf die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns soll dabei helfen, in einer immer komplexeren und schnelleren Wirtschaftswelt Führungskräfte und ihre Mitarbeiter besser zu steuern, ihre Leistungs- und Anpassungsfähigkeit zu optimieren und nicht zuletzt ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Stressfaktoren des permanenten Wandels zu stärken.

Gestützt durch neurowissenschaftliche Studien haben Themen wie Meditation, Achtsamkeit und die leistungssteigernden Effekte von gesunder Ernährung und Bewegung den Sprung aus der Esoterik- und Selbsthilfe-Ecke in den Business-Mainstream geschafft. Prominente und erfolgreiche Unternehmer und Manager berichten heute stolz von ihren Achtsamkeitsroutinen, von morgendlichen Meditationen und leistungssteigernder Ernährung. Und wer heute Büroräume oder Werkshallen neu gestaltet, wird dabei eher früher als später auf Erkenntnisse aus der Gehirnforschung stoßen, die eine für die psychische Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter optimale Arbeitsumgebung einfordern.

In der Vielzahl der Neuro-Trends wird es allerdings zunehmend schwierig, den Überblick zu behalten: Welche Tipps und Trends sind wirklich wissenschaftlich begründet – und wo dienen pseudowissenschaftliche Theorien womöglich nur Trittbrettfahrern des Neuro-Trends dazu, die jeweils eigene Coaching- oder Beratungsstrategie zu vermarkten und aufzuwerten?

Zwischen Marketing-Gag und Pseudowissenschaft

Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie weit darf der Gehirnmanagement-Trend gehen, ohne in ein dystopisches Big-Brother-Szenario zu kippen? In China werden bei neurowissenschaftlichen Experimenten bereits die Gehirnwellen von Schülern im Klassenraum gemessen, um deren Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und ihr Verhalten während des Unterrichts zu überwachen. Werden auch Mitarbeiter in Unternehmen dank neurowissenschaftlicher Monitoring-Methoden irgendwann lückenlos überwacht? Können und sollten Schwächen und Fehler Einzelner durch neurowissenschaftliche Methoden offengelegt und „therapiert“ werden?

Friederike Fabritius warnt davor, neurowissenschaftliche Erkenntnisse vor allem als Mittel und Weg zur individuellen Leistungsoptimierung einzusetzen. Die Neurowissenschaftlerin hat nach ihrem Neuropsychologie-Studium lange als Unternehmensberaterin bei McKinsey gearbeitet. Heute schlägt sie als Autorin, Beraterin und Speakerin eine Brücke zwischen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Unternehmens- und Führungsalltag. „Es gibt zurzeit einen Hype um das Thema Neurowissenschaft, bei dem die eigentlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse oft in den Hintergrund rücken, nur als Marketing-Gag vorgeschoben oder aber nach Belieben pseudowissenschaftlich ausgelegt werden“, sagt Fabritius.

Wer Angebote von vermeintlichen Neuro-Beratern bekomme, sollte immer sehr genau hinschauen, ob die Anbieter wirklich wissenschaftlich fundiert ausgebildet sind und mit Erkenntnissen aus Originalquellen auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft arbeiten, rät Fabritius. „Vor allem aber sollte man die Finger von Ansätzen lassen, bei denen es nur darum geht, an den vermeintlichen Fehlern Einzelner herumzudoktern.“

Systemimmanente statt individuelle Probleme

Wirklich sinnvoll sei der Einsatz von Neurowissenschaft erst dann, wenn die Forschungserkenntnisse dafür genutzt würden, Arbeitsumgebungen gehirngerecht zu gestalten. Nicht zielführend sei es dagegen, mittels Neurowissenschaft das Gehirn Einzelner so manipulieren zu wollen, dass Menschen an für sie eigentlich ungeeigneten Arbeitsplätzen besser funktionieren.

Fabritius nennt Beispiele: „Ich bekomme oft Anrufe, in denen jemand sagt: ‚Ich bin wahnsinnig gestresst, können Sie mir Meditationstechniken beibringen, damit ich keinen Burn-out bekomme?‘, oder auch: ‚Wir haben hier eine Führungskraft, die nicht mit ihren Mitarbeitern umgehen kann und regelmäßig ausrastet. Können Sie mit Methoden zur Emotionsregulierung helfen?‘“ Das aber sei der falsche Ansatz: „Wenn ich regelmäßig völlig gestresst bin, weil ich zu viele Stunden arbeite, weil es im Büro ständig Konflikte gibt oder weil ich mich als introvertierter Mensch in einem lauten Großraumbüro ohne Rückzugsmöglichkeit konzentrieren muss, dann ändert Meditation nichts an dem eigentlichen Grundproblem“, sagt Fabritius. Und: „Wenn eine Führungskraft von ihrer Gehirnstruktur nicht dafür geeignet ist, mit Menschen umzugehen und empathisch zu sein, dann ist sie vielleicht in der falschen Position und sollte anderswo eingesetzt werden.“ Solche Argumente sind für Unternehmen deutlich unbequemer, als die Fehler bei einzelnen Mitarbeitern zu suchen und die Verantwortung bei ihnen abzuladen. Denn wer Neurowissenschaft in diesem Sinne ernst nimmt, muss an Grundstrukturen und -Prozessen im Unternehmen etwas ändern. „Statt an einzelnen Leuten herumzucoachen, sollten Personalmanager neurowissenschaftliche Erkenntnisse vor allem dafür einsetzen, eine optimale Arbeitsumgebung zu schaffen, in der alle ihre beste Leistung bringen können“, stellt Fabritius klar. In einem ersten Schritt könne es sinnvoll sein, Führungskräfte über grundlegende Erkenntnisse der Neurowissenschaft aufzuklären: „Das fängt bei der Bürogestaltung an, geht weiter über die Frage, wie viele Arbeitsstunden und welche Stresslevel dazu beitragen, dass Menschen sich konzentrieren und leistungsfähig sein können“, fasst Fabritius zusammen. Wie lang sollten Meetings dauern? Wie können Führungskräfte dafür sorgen, dass sich ihre Mitarbeiter gesund ernähren und viel bewegen, was nachweislich die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigert? Wie lassen sich Konflikte reduzieren und die Motivation erhöhen? „Zu all diesen Fragen hat die Neurowissenschaft interessante Erkenntnisse beizutragen.“