Pionierin der Vereinbarkeit

Marianne Neuendorff war in den 80er Jahren eine der ersten, die beim Keksfabrikant Bahlsen in Teilzeit arbeitete. Ihrer Karriere tat das keinen Abbruch. Heute leitet sie bei dem hannoverschen Unternehmen den Bereich Human Resources. Ein Porträt.

Der Arbeitstag beginnt für Marianne Neuendorff im Auto. Auf dem Weg ins Büro erledigt sie gern schon ein paar anstehende Telefonate, denn einmal angekommen am Stammsitz von Bahlsen in der Podbielskistraße in Hannover, stehen meist direkt zahlreiche Termine an. Bis vor kurzem gehörte für die 60-Jährige auch das Frühstück – oder zumindest ein kurzes Treffen – mit  ihren Kindern zur morgendlichen Routine, doch seit ein paar Monaten ist auch das
18-jährige Nesthäkchen aus dem Haus.

Drei Kinder hat Marianne Neuendorff, das älteste ist 27. Will man mehr über ihren Karriereweg erfahren, der 1981 bei Bahlsen als Assistentin der Geschäftsführung im Bereich Personal- und Sozialwesen begann, kommt ihnen eine wichtige Rolle zu. Denn auf die Frage nach prägenden Ereignissen in ihrem Berufsleben nennt die Managerin die Entscheidung zwischen Kindern und Karriere. Genau genommen war es aber gar keine Entscheidung für das eine und gegen das andere, sondern eine Prioritätensetzung. Die fiel zugunsten der Kinder aus. „Ich habe mich zwar für die Kinder entschieden. Dadurch war ich nicht weniger ambitioniert und ehrgeizig, was meine Karriere betrifft. Ich bin aber erst mal auf meiner damaligen Position stehengeblieben. Denn beides – Familie und Karriere – hätte ich mir damals nicht zugetraut.“

Ihre Karriere ging allerdings trotzdem weiter. Vielleicht nur etwas langsamer. Nachdem sie zunächst Referentin im Personalwesen war, wurde sie 1986 Leiterin der internationalen Personalentwicklung. Weitere Führungspositionen folgten. Von 1999 bis 2009 hatte Neuendorff unter anderem die Leitung des Personalmanagements für die internationalen Führungskräfte bei Bahlsen Süß inne. Anschließend übernahm sie ihren jetzigen Posten als Leiterin des gesamten HR-Bereichs.

Teilzeitarbeit war es, was der gebürtigen Hannoveranerin, die heute im Umland der niedersächsischen Landeshauptstadt lebt, maßgeblich dabei half, Kinder und Job zu organisieren, auch wenn sie offen zugibt, dass es trotzdem oft „megastressig“ gewesen sei. Teilzeit war damals, rund fünfzehn Jahre vor Inkrafttreten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes, ein Novum bei Bahlsen. „Ich war die Erste, die die Arbeitszeit reduziert hat, und hatte gerade erst den Bereich Personalentwicklung übernommen. Das Ganze war zunächst ein Beschnuppern von beiden Seiten, hat aber insgesamt sehr gut funktioniert.“ Dennoch: „Es war schon manchmal ein Spagat, aber mich hatte auch der Ehrgeiz gepackt und ich wollte den Job genauso gut machen wie mit einer Hundert-Prozent-Stelle.“ Dazu gehöre aber in jedem Fall ein gutes Team, fügt sie noch hinzu.

Teilzeit, das hieß bei ihr, jeweils einige Monate nach der Geburt der Kinder wieder mit fünfzig Prozent anzufangen und dann peu à peu auf achtzig Prozent aufzustocken. Noch heute versuche sie, sich den Freitag freizuhalten, was manchmal gelänge, manchmal eben auch nicht.

Neben diesem HR-Thema gibt es noch viele andere, die Marianne Neuendorff von Beginn an bei Bahlsen begleitet hat. Zum Beispiel das Traineeprogramm. Dessen Einführung beim Süßwarenunternehmen hat sie in den 80er Jahren als Referentin betreut. Und sie selbst ist in den Anfängen ihrer Karriere von einem Mentor unterstützt worden, ohne, dass es damals schon ein institutionalisiertes Mentorenprogramm gegeben hätte. „Manchmal reicht es ja schon, wenn jemand zuhört und die richtigen Fragen stellt“, meint sie mit Blick auf ihren persönlichen Berater. Ausgehend von dieser guten Erfahrung setzte sich Neuendorff dann unternehmensintern für ein Mentorenprogramm ein.

Seit Studienende beim selben Arbeitgeber

Im August machte sie ihr 32. Jahr bei Bahlsen voll. Direkt nach ihrem VWL-Studium, das sie in Berlin („Ich wollte einfach mal in eine Großstadt“) und Göttingen absolvierte, fing sie bei dem Backwarenhersteller an. Sie schätzt den „besonderen Charme des Familienunternehmens“, wie sie sagt. Andere Schlagworte, die sie nennt, sind die kurzen Wege, die flache Hierarchieabhängigkeit, die Zuwendung zum Mitarbeiter und vor allem den Freiheitsgrad und den Gestaltungsraum, den sie bei Bahlsen genießt. Dabei war sie noch während des Studiums nicht sicher, wohin es anschließend gehen sollte: „Ich hatte eigentlich damit gerechnet, zu einem Verband zu gehen oder in die Öffentlichkeitsarbeit. Auch eine Tätigkeit in einer Bank konnte ich mir vorstellen.“ Doch so nach und nach, vor allem durch Praktika und den Austausch mit Kommilitonen, kristallisierte sich bei Neuendorff der Wunsch heraus, in einem Unternehmen anfangen zu wollen. Die vielseitige Stelle als Assistentin der Geschäftsführung passte da gut. Und diente als Einstieg in den Bereich HR.

Wenn Marianne Neuendorff darüber spricht, was sie daran gereizt hat, warum sie dem Thema treu geblieben ist, merkt man ihre Begeisterung. „Bei HR dreht sich alles um den Menschen“, sagt sie, „da geht es darum welche Fähigkeiten und Potenziale der Einzelne hat und welchen Karriereeinstieg und welche Weiterentwicklung wir ihm ermöglichen können.“ Sich mit Menschen zu befassen, sei für sie grundsätzlich äußerst spannend.

Neuendorff begegnet einem offen und kommunikativ. Das scheint sie auch in ihrem Arbeitsalltag und im Umgang mit ihren Mitarbeitern zu leben. Den regelmäßigen Austausch mit dem sechsköpfigen Team, das direkt an sie berichtet, fördert sie, sei es beim gemeinsamen Mittagessen, beim Kaffee im Großraumbüro der Mitarbeiter oder ab und an auch bei einer Pizza nach Feierabend. Daneben trifft sie sich regelmäßig auch mit anderen Kollegen aus dem Haus, sie findet es wichtig, dass man Beziehungsmanagement nicht nur im eigenen Bereich betreibt, sondern auch darüber hinaus.

Ausland ausgeschlossen

Den Blick über den Tellerrand des HR-Bereichs, den würde sie rückblickend noch entschlossener suchen und auch mal in einem ganz anderen Bereich tätig sein wollen, sagt sie, die sich generell gegen Schornsteinkarrieren ausspricht. Man solle zwar auch nicht sprunghaft sein, aber sich ergebende Entwicklungsperspektiven mitnehmen.

Auch auf den Punkt Auslandsaufenthalt wirft Neuendorff einen Blick zurück. Im Grunde fehle ihr dieser in ihrem Lebenslauf, aber mit Blick auf ihre damalige Situation reflektiert sie pragmatisch: „Was sollte ich denn mit meiner Familie machen? Da fehlte mir damals ein bisschen der Mut, zu sagen, jetzt bin ich nur noch am Wochenende zu Hause. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie es hätte gehen sollen.“ Und durch die Arztpraxis ihres Mannes war es für die Familie auch nicht realistisch, gemeinsam ins Ausland aufzubrechen. Die Priorität für die Familie, die zeigt sich hier wieder deutlich.

So ist es auch kein Wunder, dass Neuendorff das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch in ihrer künftigen Arbeit noch mehr in den Fokus rücken möchte. „Ich habe sehr stark den Eindruck, dass die jungen Familien – vor allem noch die Frauen – doch ziemlich unter Stress stehen, was den Einklang von Beruf und Familie angeht.“ Ein anderes Thema, das sie umtreibt, ist die Bindung der jungen Generationen ans Unternehmen beziehungsweise wie Unternehmen attraktiv werden für die heutigen Berufseinsteiger. Es gibt also einiges, was Marianne Neuendorff in ihrem Berufsleben noch anpacken möchte. Und man traut ihr zu, noch viel bewegen zu können. Auch wenn sie, die sich in ihrer Freizeit in ihrer Kirchengemeinde und bei Rotary engagiert, sagt, dass sie sich „mittelfristig darum kümmern werde, wo ich mich einbringen und wer meine Kompetenzen gebrauchen kann.“ Denn irgendwann müsse sie ja auch das Leben nach Bahlsen organisieren. Das hat aber noch ein bisschen Zeit.