Proud to be here?

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Franziska Giffey, Foto: Quadriga / Jana Legler
Franziska Giffey, Foto: Quadriga / Jana Legler

Die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ist nicht nur eine Frau, sie kommt auch noch aus dem Osten. Zwei Merkmale, die für eine Führungskraft eher selten sind in der bundesdeutschen Politikerlandschaft. Giffeys Rede auf dem Personalmanagementkongress 2018 offenbart zweierlei: Erstens, Politiker können unterhaltsam sein. Zweitens, Geschichten erzählen ist immer noch das beste aller rhetorischen Mittel.

 Franziska Giffey ist eine Heldin. Das sagt zumindest der Moderator des Personalmanagementkongresses 2018. Er präsentiert, oder vielmehr lobpreist, die einstige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln, die jetzt zur Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend aufgestiegen ist: „Sie hat Fraktionssitzungen überstanden, sie hat SPD-Parteitage erlebt. Sie hat einen Wahlkampf mit einem Kandidaten ausgehalten, der sich unterwegs praktisch aufgelöst hat. Die Frau wird eines Tages Bundeskanzlerin, das verspreche ich euch.“

Wer Giffey noch nie zuvor live erlebt hat, ahnt nach wenigen Sekunden, was der Moderator meinen könnte: Sie ist auf sympathische Weise energiegeladen, bodenständig ohne langweilig zu sein und besitzt ein ausgeprägtes komödiantisches Talent, das sie mit Hilfe ihres berlinischen Dialekts gekonnt in Szene zu setzen weiß. Wer diese Frau nicht auf Anhieb mag, dem ist nicht mehr zu helfen.

„Da könnte ja jeder kommen.“

„Ja, juten Morgen allaseits.“ Giffey lacht fast schon spitzbübisch ins Publikum.

„Ich bin jetzt seit gut hundert Tagen Ministerin. Man gewöhnt sich dran.“ Man ahnt, was die Familienministerin mit ihrem lakonischen Nachsatz meinen könnte.

„Manche Regeln der Verwaltung gelten ja wirklich überall: Dit haben wa doch schon immer so jemacht. Und: Da könnt ja jeder kommen.“ Giffey ist von null auf hundert im freundlichen Angriffsmodus. Wobei: Sie ist vermutlich auch nie auf null.

Franziska Giffey auf dem PMK 2018, Foto: Quadriga / Jana Legler
Franziska Giffey auf dem PMK 2018, Foto: Quadriga / Jana Legler

 

Giffey ist eine Person, die man einfach auf eine Bühne stellen kann und sie startet ihr Programm: „Wir haben ja heute das Motto: Proud to be…“ Die Ministerin stockt und blickt ins Publikum: „Ich habe erst gedacht: Proud to be here? Nee. Da habe ich wieder gelernt: Der normale Mensch auf der Straße versteht das nicht, was sie hier als Motto haben.“ Giffey trifft nebenbei einen, wenn nicht den wunden Punkt der Personaler-PR: Was Personaler machen, ist den meisten fachfremden Angestellten, Chefs, Eltern oder Kindern nicht ganz klar. Die Abkürzung, englisch ausgesprochen, „HR“ klingt irgendwie professionell und ein bisschen nach Technik und Digitalität. Aber bis jemand, der eben nicht vom Fach ist, verstanden hat, was HR, also Human Resources, sein soll, ist das Gespräch schon wieder eingeschlafen. Die Szene steht immer noch vor einem Rechtfertigungsdilemma: Sie ist zum Teil hoch professionalisiert, ambitioniert, kreativ und leidenschaftlich, aber wird außerhalb ihres eigenen Spektrums kaum wahrgenommen: Das sind doch die, denen ich meine Krankschreibung ins Fach lege?

Witz und Wertschätzung

Dann sagt Giffey recht unvermittelt: „Ich habe jetzt hier in der Rede einen Witz stehen. Ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob ich den witzig finde.“ Sie erzählt ihn dennoch mit einer gewissen Drolligkeit: „Treffen sich ein Personaler, eine Büroangestellte und ein Techniker mit einer Fee. Die Fee sagt: Ihr habt drei Wünsche frei. Jeder einen. Die Büroangestellte sagt: Ich will an meinem Traumstrand in der Karibik liegen mit meinem Freund und einem Cocktail in der Hand. Schwups, ist sie weg. Dann sagt der Techniker: Ich will ein Häuschen im Grünen, nie mehr arbeiten und keine Sorgen mehr haben. Schwups, ist er auch weg. Die Fee schaut den Personaler an und fragt: Und du? Da sagt der Personaler: Ich will, dass die beiden nach der Mittagspause wieder im Büro sind.“

Die Familienministerin hat die Lacher auf ihrer Seite. Dass sie weiß, wie man das Publikum für sich gewinnt, zeigt sich spätestens daran, dass sie ihre Arbeitsweise ungewöhnlich transparent macht: „Ich sage meinem Redenschreiber immer: Schätzen Sie ein, wer da sitzt. Was wollen die Leute hören? Da sagt er zu mir: Ach, das sind so ganz nette Leute. Da können Sie ruhig mal einen Witz machen.“ Giffey erzählt das so sympathisch, dass man sofort seinen Job kündigen will, um bei ihr anzuheuern.

Franziska Giffey und Elke Eller auf dem PMK 2018, Foto: Quadriga / Jana Legler
Franziska Giffey und Elke Eller auf dem PMK 2018, Foto: Quadriga / Jana Legler

 

Die Wertschätzung, die sie vermutlich ihrem Team gibt, ist spürbar. Giffey scheint sich darüber im Klaren zu sein, dass jeder Mensch, egal an welchem Platz, wichtig ist für das große Ganze. Ohne Reinigungskräfte, Pförtner oder Assistenten bricht ein Unternehmen zusammen. „Ich sage ja immer: Die Häuptlinge können nur so gut sein, wie die Leute, die hinter ihnen stehen“, sagt Giffey. Sie habe nie gewollt, dass jemand für sie arbeitet aus Angst, Respekt oder aus der Einstellung heraus, dass es eben so sein müsse. „Natürlich müssen sie auch. Aber ich habe mir immer gewünscht, dass wir es schaffen, Personal so zu führen, dass Leute aus Überzeugung arbeiten und auch wissen, warum sie was machen.“

Steineklopfer oder Baumeister?

Aber genau das sei eben manchmal gar nicht so leicht zu erklären. Giffey versucht es erneut anhand einer Geschichte, ganz Storytelling-Profi: In der Erzählung geht es um drei Männer, die Steine klopfen. Der erste wird gefragt: „Sag mal, was machst du denn da?“ Und der Mann antwortet: „Ich klopfe Steine. Das ist so anstrengend.“ Dann wird der nächste gefragt, was er tut: „Ich klopfe Steine. Ich baue daraus ein Rundfenster.“ Und auch der Dritte klopft Steine, aber er sagt: „Ich baue an einer großen Kathedrale.“ Letztlich ist die Arbeit der drei exakt die gleiche, nur weiß der Dritte, wofür er sie macht. „Und das ist ziemlich wichtig“, schließt Giffey. „Man muss wissen, wofür man etwas macht, wozu und warum. Menschen werden nur stark und gut, in dem was sie machen, wenn sie den Sinn darin sehen. Das zu erklären ist die große Aufgabe.“

Die Ministerin mag vielleicht Allgemeinplätze bedienen, wenn sie betont, wie wichtig Lob und Dank seien (genauso wichtig wie eine gute Bezahlung) oder dass die Arbeit zum Leben passen muss (Stichwort: Vereinbarkeit). Aber sie tut das mit einer Chuzpe und Nahbarkeit, dass man plötzlich große Lust bekommt, sich wieder ins Büro zu setzen, den Computer hochzufahren und über „gute Arbeit“ zu schreiben.

Die deutsche SPD-Politikerin Franziska Giffey ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Giffey wurde in Frankfurt/Oder geboren und war zwischen 2015 und 2018 Bezirksbürgermeisterin des Berliner Bezirks Neukölln.

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