Psychische Erkrankung: Schluss mit dem Stigma

Wie können Arbeitgeber für eine Unternehmenskultur sorgen, in der psychische Belastung und Erkrankung kein Stigma sind?
© unsplash / Ümit Bulut

BGM-Maßnahmen wie Kurse zur Stressreduktion reichen nicht: Das Thema Psyche sollte auch im Arbeitskontext kein Tabu sein.

In deutschen Unternehmen ist das mit der Psyche so eine Sache. Auf der einen Seite sorgen steigende Krankschreibungen und Kosten für wachsenden Alarmismus bei Personalverantwortlichen und Führung.

Auf der anderen Seite wird das „Problem Psyche“ von Entscheider:innen noch immer allzu gern verdrängt oder als Kollateralschaden einer zunehmend beschleunigten und verdichteten Arbeitswelt hingenommen.

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Während Expert:innen der Gesundheitsförderung gebetsmühlenartig ihr „Prävention ist alles!“-Mantra wiederholen, kochen sich solch hehre Ziele im real existierenden betrieblichen Gesundheitsmanagement der meisten deutschen Konzerne wenn überhaupt auf ein paar pflichtbewusste Kriseninterventionen und zähneknirschende Google-Suchanfragen („Psychische Gefährdungsbeurteilung Hilfe!!1!!1!!“) zusammen.

Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen: In der Frage nach der psychischen Gesundheit ihrer Beschäftigten kranken deutsche Unternehmen selbst an einer ausgewachsenen Angststörung. An die Psyche traut sich niemand so recht ran – zu Recht?

It’s complicated

Zugegeben, so einfach ist das alles nicht. Psychische Belastungen und Erkrankungen sind komplexe Phänomene, die multikausal bedingt sind und sich damit einfachen Input-Output-Modellen entziehen. Gesundheit, auch die unserer Psyche, entsteht im Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren, wobei letztere auch unsere Arbeitsbedingungen einschließen. Die Art, wie wir arbeiten, hat Einfluss auf unsere psychische Gesundheit und kann sie gefährden – oder stärken. Dabei kommt der Kultur, die wir auf der Arbeit pflegen, eine besondere Rolle zu, denn unsere geteilten Werte und Grundannahmen legen den Grundstein für die Arbeitsbedingungen, die wiederum Einfluss darauf nehmen, wie es um die Gesundheit unserer Köpfe bestellt ist.

Kultur fressen Seele auf

Besonders toxisch wirken sich Grundannahmen aus, die psychischen Belastungen und Erkrankungen in der Arbeitswelt ihre Daseinsberechtigung absprechen – und im selben Zug Überlastung normalisieren. „Psychische Erkrankungen? Gibt es bei uns nicht.” und „Wer den Stress bei uns nicht abkann, muss sich halt einen anderen Job suchen.” sind Beispiele für solche impliziten Treiber einer psychisch ungesunden Unternehmenskultur. Wer mit derartigen Grundannahmen arbeitet, klammert aus, dass mehr als jede:r vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung erfüllt – und dass es sich dabei eben nicht um persönliches Versagen, sondern um eine normale Reaktion auf die Aufs und Abs des Lebens handelt. Auch gängig ist es, Menschen, die Erfahrungen mit psychischen Belastungen haben, ihre Leistungsfähigkeit abzusprechen. Dass psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen keineswegs auf die Leistungsfähigkeit- oder -bereitschaft eines Menschen schließen lassen, gerät dabei vollkommen aus dem Blick.

Auf dem Weg zur psychisch gesunden Unternehmenskultur

Betrachtet man diese Zusammenhänge, wird deutlich: Der Weg zu mehr Mental Health muss weit mehr als das klassische BGM-Vorteilsprogramm umfassen – ein Kulturwandel muss her. Kulturwandel? Das klingt nach teuren Change-Prozessen und kaum messbaren Ergebnissen. Und doch: Viele Stellschrauben, die es für die Entwicklung einer psychisch gesunden Kultur zu drehen gilt, sind in Unternehmen ohnehin bereits bekannt und im Ansatz vielleicht sogar schon verankert: Partizipative und feedbackorientierte Führungskonzepte sowie psychologisch sichere Teams sind nicht nur wichtig für Produktivität und Leistungsfähigkeit – sie stellen auch zentrale Bausteine beim Aufbau einer psychisch gesunden Unternehmenskultur dar. Und noch ein Beispiel: Diversity-Programme suchen die Vielfalt der Mitarbeiter:innen zum Vorteil für das Unternehmen zu nutzen. Diese auch auf Menschen mit psychischen Belastungen auszuweiten, macht nicht nur für die Betroffenen Sinn, sondern wird von einigen Unternehmen bereits als klarer Vorteil bei der Suche nach Talenten und im Employer Branding identifiziert.

Schluss mit Stigma

Schließlich geht es bei der Gestaltung psychisch gesunder Unternehmenskulturen nicht nur um den Erhalt psychischer Gesundheit, sondern auch um den Umgang mit psychischer Belastung. Die Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen hält sich gerade im Arbeitskontext hartnäckig und formt eine Kultur, in der Prävention, Zusammenarbeit und Vertrauen erschwert werden. Muss ich Nachteile fürchten, wenn ich meiner Vorgesetzten von meinen Überlastungssymptomen, von meiner Schlaflosigkeit und den Bauchschmerzen berichte? Wie reagieren meine Kolleg:innen, wenn ich wegen einer frisch aufflammenden depressiven Episode aus dem Projekt ausscheide? Eine psychisch gesunde Unternehmenskultur lässt sich nicht zuletzt daran messen, ob wir psychische Krisen haben dürfen. Und wie gut wir uns unterstützt fühlen, wenn es mal nicht so geschmeidig läuft.

Probleme verwalten? Kultur gestalten!

Psychische Gesundheit zu fördern heißt, weiter zu denken als bis zum nächsten Stressreduktionskurs. Das Thema aus der BGM-Nische zu befreien und zu einem Kulturthema zu machen, birgt Chancen für Unternehmen, Probleme wie Burnout, Präsentismus und innere Kündigung bei der Wurzel zu packen, Kosten zu sparen und sich – ganz nebenbei – neu zu erfinden. Hört sich doch gut an, oder?

Quellenverzeichnis: