Revolution statt nur Reformen

Nichts weniger als ein komplett neues Bildungssystem fordert der Philosoph Richard David Precht. Ein Gespräch über die Definition von Bildung, die Grenzen von Effizienz und das Flickwerk im Schulsystem.

Herr Precht, brauchen wir Informatik als verpflichtendes Schulfach?
Nein, das brauchen wir nicht. Ich würde sowieso die Summe dessen, was verpflichtend ist, reduzieren, damit jedes Kind gemäß seinen eigenen Neigungen und Begabungen gefördert werden kann.

Demnach braucht es ebenso wenig ein eigenständiges Fach Ökonomie, wie es von vielen Wirtschaftsvertretern gefordert wird?
Generell kommt Ökonomie in der Schule viel zu wenig vor. Aber ich würde daraus kein Fach machen. Ich möchte die Fächer nach dem sechsten Schuljahr abschaffen. Ab dann sollen Kinder vor allem in Projekten lernen, denn die Dinge hängen ja komplex miteinander zusammen – wirtschaftliche Fragen mit politischen ebenso wie mit sozialen oder geografischen. In diesen Projekten würde deutlich mehr Wirtschaft vorkommen, als es bisher in der Schule der Fall ist. Denn gemessen an der Bedeutung, die die Wirtschaft – und im Übrigen auch das Recht – für das Leben der Menschen hat, sind diese Themen an unseren Schulen völlig unterrepräsentiert.

In Ihrem aktuellen Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ rechnen Sie ziemlich radikal mit dem deutschen Schulsystem ab. Ist es wirklich so schlimm?
Ja, es ist so schlimm. Denn verglichen mit dem, was man in zehn- bis fünfzehntausend Stunden lernen könnte – so lange sind Kinder im Schnitt in der Schule – wissen sie am Ende fast gar nichts. Da gibt es eine erschreckende Unbildung. Wenn ich spontan den Stoff der Mittelstufe bei verschiedenen Leuten prüfen würde – was glauben Sie, was dabei herauskäme? Höhensatz oder Ohmsches Gesetz – das hat man schon mal gehört, sicher. Aber Bildung ist eben nicht, etwas schon mal gehört zu haben.

Richard David PrechtSondern was ist Bildung für Sie?
Bildung ist das Wissen, das man frei und möglichst kreativ miteinander verbinden kann. Es ist nicht die Summe von Wissen. Gebildet ist man, wenn man in der Lage ist, das, was man gelernt hat, auf sich und sein Leben zu beziehen und Bereiche, die normalerweise getrennt sind, miteinander zu verbinden. Also: zu kombinieren, neue Gedanken zu entwickeln, neue Perspektiven zu finden.

Wie sollte das in den Schulen vermittelt werden?
Über Sinn. Wir lernen am besten, wenn wir eine Bedeutung im Gelernten sehen und uns der Sinn einleuchtet. So lernen wir auch als Erwachsene. Wenn Sie sich für irgendetwas interessieren, was Sie aufgeschnappt haben, dann setzen Sie sich vor den Computer und wollen es genauer wissen. Das machen Sie aus eigenem Antrieb, aus Neugier. Diese Art von Lernen müssen wir auch in der Schule fördern und nicht die künstliche, indem wir sagen, du musst bis morgen das und das können. Das ist kein Lernen.

Zielt Ihre Kritik an den Schulen mehr auf die Inhalte ab, die auf dem Lehrplan stehen, oder vor allem auf deren Vermittlung?
Das hängt alles miteinander zusammen, das können Sie gar nicht trennen. In der Bildungsdiskussion machen wir oft Fehler, wenn wir Dinge isoliert betrachten. Man kann nicht einfach mal an einer Schraube drehen und denken, dann wird die Schule gut. Sondern Sie müssen das ganze System fein aufeinander abstimmen. Und das ist das, was wir in Deutschland nicht machen. Wenn Sie ein guter Manager sind, dann stellen Sie sich die Frage: Wo soll die Firma in zehn Jahren stehen? Ich kenne allerdings keinen einzigen Kultusminister, Schulexperten oder Hochschulprofessor, der sagt, wie Schulen in zehn Jahren aussehen sollen. Ein Gesamtentwurf für gute Schulen, der fehlt bei dem ganzen Reformeifer hierzulande völlig.

Ihnen fehlt also seitens derjenigen, die sich mit dem Thema befassen, eine Vision, wie Schule in Zukunft aussehen sollte?
Ja. Das ist in Deutschland natürlich auch schwierig. Die Bundesbildungsministerin hat ja keine Kompetenzen, was Schulen anbelangt. Und in jedem Bundesland wird gemacht, was man will. Das führt am Ende zu einem völlig heterogenen, nicht abgestimmten Gebilde. Dazu kommt: Wenn Sie vier Jahre etwas ausprobieren, dann bringen Sie viele Leute gegen sich auf, werden nicht wiedergewählt, und die nächste Regierung dreht das Ganze wieder in die andere Richtung. Die Leidtragenden sind die Schulen, die Schüler und die Lehrer.

Was erwarten Sie überhaupt noch von der Politik?
Eigentlich gar nichts. Es gibt nur eine einzige Forderung, die ich habe: Die Kultusminister sollen den Schulen mehr Freiräume dafür geben, ihre Sache selbst zu gestalten. Der Bund bräuchte nur Kompetenzen, um das Ganze zu koordinieren und um die Schultypen zu vereinheitlichen. Das können Sie nicht auf Länderebene. Denn es nützt ja nichts, eine neue Schulform zu kreieren und dann wechseln die Eltern das Bundesland und wissen nicht, in welche Schule ihr Kind soll. Wie Schulen zukünftig aussehen sollen, ob man ein zweigliedriges oder eingliedriges Schulsystem haben will – das dreigliedrige wird sowieso aussterben – sollte Aufgabe des Bundes sein.

Welche Rolle soll die Wirtschaft bei der Frage, wie Schule gestaltet wird, spielen?
Die Wirtschaft hat erst mal wahnsinnig viel und schnell gelernt von den Reformfehlern der vergangenen Jahre. Immerhin waren mal breite Teile der Wirtschaft Freunde von G 8, der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre. Mittlerweile ist die Unzufriedenheit über die heutige Abiturienten- und Studentengeneration sehr hoch. Denn die Zeit, die die Kinder heute für die Schule aufwenden müssen, können sie nicht nutzen, um persönliche und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Das bleibt einfach auf der Strecke, wenn ganz viel Stoff in ganz kurzer Zeit verarbeitet werden muss. Die Schüler heute haben gelernt, sich irgendwie durchzumogeln. Das ist aber nicht das, was die Wirtschaft braucht. Sie braucht Leute, die neue Wege finden, die in der Lage sind, komplexe Sachverhalte zu begreifen in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt. Deswegen ist die Wirtschaft inzwischen mehrheitlich der Überzeugung, dass dieses System reformiert werden müsste. Hin zu mehr Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und zur Kreativitätsförderung.

Das heißt also, dass Schulbildung nicht, entsprechend dem Humboldtschen Ideal, Selbstzweck und Individualrecht sein sollte, sondern dass sie auf die Anforderungen der Wirtschaft ausgerichtet sein muss?
Ich habe immer Probleme mit einer Trennung dazwischen. Falsch wäre es, zu sagen, dass das ganze Bildungssystem nach den gegenwärtigen Bedürfnissen der Wirtschaft auszurichten sei. Damit fallen alle, einschließlich der Wirtschaft, auf die Nase. Es gibt eine Studie, die besagt, dass zwei Drittel der Kinder, die jetzt in die Schule kommen, in Berufen arbeiten werden, die es jetzt noch gar nicht gibt. Das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben.
Aber ich würde etwas anderes sagen: Ausgebildet, sprich gebildet, soll man fürs Leben werden. Und der Beruf ist ein ganz wichtiger Teil unseres Lebens, daher sollten wir das nicht trennen. Ich glaube auch, dass die Herausforderungen, denen wir und unsere Kinder im Privat- und Berufsleben begegnen, ähnlich sein werden. Es wird auf starke Persönlichkeiten ankommen, auf soziale Kompetenzen und darauf, flexibel zu sein. Viel flexibler als frühere Generationen.

Sie haben vorhin gesagt, die Wirtschaft habe viel gelernt, dennoch sprechen Sie in Ihrem Buch vom „Primat der Wirtschaft“. Was meinen Sie damit?
Ich meine, dass die Wirtschaft in Bezug auf diese übereilten Reformen wie G 8 und Bologna ihre eigenen Interessen falsch verstanden hat, indem sie alles auf Effizienz trimmen wollte. Dabei ist es doch so: Wenn Sie alles auf Effizienz trimmen, dann ist es nicht effizient. Die ganze Kreativität des Silicon Valley beruht ja beispielsweise darauf, dass die Leute dort Freiheiten haben. Ich meine, dass die Wirtschaft lernen muss, ihre eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen. Weg vom kurzfristigen Effizienzdenken, hin zu einer langfristigen nachhaltigen Entwicklung, die Freiräume lässt für Kreativität. Ich fand es daher nicht richtig, dass man jeden Bildungsprozess ökonomisiert hat. Weil ich eben glaube, dass die Schüler der Wirtschaft dann am meisten nützen, wenn sie die besten Möglichkeiten gehabt haben, ihre Potenziale zu entfalten. Und nicht, wenn sie nach effizienzformierten Zielvorgaben ausgebildet worden sind.

Sie fordern eine Revolution im Bildungssystem und machen eine Menge Änderungsvorschläge. Vieles davon ist nicht neu und wird auch bereits teilweise umgesetzt, wie beispielsweise die Ganztagsschule oder die Projektarbeit. Das heißt doch, es ist schon etwas in Bewegung geraten.
Ja, aber es ist Stückwerk. Das ist das, was mich so nervt. Klar gibt es in Deutschland einige richtig gute Schulen, die meisten übrigens Privatschulen. Es gibt auch einige tolle öffentliche Schulen, die von dem, was ich vorschlage, schon mindestens die Hälfte machen. Das sind leider aber ganz wenige. Und es nützt nichts, Projektarbeit in AGs anzubieten, aber insgesamt sind die dann an einem System angedockt, das als Ganzes nicht mehr funktioniert. Wir flicken nur an dem System herum. Ich will auch nicht in Abrede stellen, dass es alles das, was ich vorschlage, nicht schon irgendwie gibt, aber das meiste ist Schminke. Weil ganz viele Fehler des Systems nicht angetastet werden.

Welche zum Beispiel?
Nehmen wir das Beispiel Noten. Ich würde niemals in der bestehenden Schule die Noten abschaffen. Es geht mir auch gar nicht so sehr um die Noten an sich. Sie passen nur einfach nicht mehr in das System mit den Projekten und dem individualisierten Lernen, das ich mir vorstelle. Man braucht sie nicht mehr. Es würde dann so laufen, dass man Standards definiert, was ein jeder beispielsweise in Mathematik können muss. Das erarbeitet man sich individuell, und wenn man das geschafft hat, dann ist man damit eben schon durch. Und kann unter Umständen schon ein Hochschulstudium in dem Fach anfangen. Was meinen Sie, wie die Wirtschaft sich darüber freut? Das ist die absolute Begabtenförderung und es ist die Förderung der Schwachen. Weil zwar jeder bis zu einem bestimmten Punkt kommen muss, aber wie lange er dafür braucht, ist nicht so wichtig. Und in so einem System wüsste ich auch gar nicht, wie man da Noten vergeben sollte.

Dann ist aber auch die Vergleichbarkeit mit den anderen Schülern nicht mehr gegeben.
Richtig. Denn der Sinn von Noten ist eben nicht Motivation. Dafür sind die nicht eingeführt worden. Sie können zwar motivieren, aber auch stark demotivieren. Der Sinn ist Vergleichbarkeit. Anstelle der Noten bekommen die Schüler dann eine Art Gutachten, in der die Leistungen in der Schule dokumentiert werden. Und das ist für die Wirtschaft und die Universitäten viel interessanter als Noten.

Also eine Art Arbeitszeugnis für Schüler.
Ja. Viele Topmanager sagen mir, mit Noten können sie nichts anfangen. So eine Art ausführlicheres Arbeitszeugnis ist da interessanter.

Ihr Buch konzentriert sich sehr auf den Schulbereich. Sehen Sie denn im Bildungssektor insgesamt ähnlichen Revolutions-Bedarf?
Es wird in der Zukunft immer mehr darauf ankommen, dass man ein Leben lang lernt. Das heißt, wir müssen die Kunst, das Lernen zu lernen, an die alleroberste Stelle setzen. Und dazu gehört auch, lernen zu wollen. Man darf den Leuten die Lust daran nicht austreiben. Daher ist es wichtig, dass aus der Schule Leute rauskommen, die dies noch wollen und nicht sagen: „Lass mich damit in Ruhe.“

Wird sich auch der Hochschulbereich zukünftig ändern müssen?
Der gesamte Hochschulbereich wird sich eh dramatisch ändern. Der allergrößte Teil der Universitäten ist aufgrund der Möglichkeiten, die das E-Learning bietet, nicht mehr nötig. Man kann heute gut von zu Hause aus studieren. Und nur um am Ende die Prüfungen abzulegen, geht man noch in die Uni. Die brauchen Sie darüber hinaus nur noch, um einen gewissen Spirit in die Leute zu kriegen. Es braucht einen Campusgeist, so wie die englischen Unis das haben. Da kommt man auf dem Campus zusammen, diskutiert miteinander, entwickelt etwas Neues oder gründet Unternehmen. Aber für die reine Stoffvermittlung brauchen Sie keine Uni mehr.