Die Lust am Dissens

Erst im Dialog beginnt die Wahrheit, schreiben Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun in ihrem neuen Buch.
© unsplash / Mika Baumeister

Erst im Dialog beginnt die Wahrheit. Das zumindest ist die Überzeugung von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun. Ihr neues Buch ist deshalb kein Sachtext, sondern ein Gespräch – das Destillat eines jahrelangen Austauschs und ein Lob an die hohe Kunst der Verständigung in unserer polarisierenden Zeit.

Sind wir anderer Meinung, sagen wir schnell zu unserem Gegenüber: „Das siehst du falsch!“ Friedemann Schulz von Thun täte das womöglich nicht. Der Kommunikationspsychologe würde eher erwidern: „Interessant, so siehst du das also. Was führt dich zu dieser Erkenntnis?“ Der 75-jährige Verfechter des empathischen Gesprächs ist berühmt geworden durch sein Kommunikationsquadrat. Er sagt: Sender und Empfänger einer Äußerung sprechen mit vier Schnäbeln und hören mit vier Ohren. Sich dessen bewusst zu sein, kann so manchem Konflikt die Spannung nehmen.

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Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen besuchte Schulz von Thun in den vergangenen sieben Jahren regelmäßig, um mit ihm über das Wesen der Kommunikation zu philosophieren. Beide gelten als Koryphäen ihres Fachs: Pörksen ist Experte für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Schulz von Thun ist Meister der Kommunikation von Mensch zu Mensch. Ihren Austausch zeichnete Pörksen auf. Am Ende entsteht ein über 1.500 Seiten langes Manuskript.

Nuancenbewusstsein

Im Jahr 2014 veröffentlichten die beiden Autoren ihr erstes gemeinsames Sachbuch: „Kommunikation als Lebenskunst“. Darin diskutieren sie das Kommunikationsquadrat und zeigen, wie wir empfänglicher für die Nuancen eines Gesprächs werden. Dieses Jahr erscheint der zweite Teil ihrer, wie sie es nennen, Suchbewegungen: Denn ein Rezept für alle Fälle formulieren sie nicht. Sie bewegen sich vielmehr behutsam durch den Raum, den die Dilemmata unserer digitalen Informationswelt aufspannen: Alarmismus versus Achtsamkeit, Hass versus Hypersensibilität.

Eine Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten nennt Pörksen das in der Einleitung. Das Miteinander-Reden werde darin zur anspruchsvollen Kunst. Deshalb suchte der 51-jährige Medienforscher auch das Gespräch mit dem Kommunikationspapst. Aber lässt sich durch die Kombination der beiden Disziplinen eine Ethik der öffentlichen Kommunikation ersinnen?

Pörksen bittet Schulz von Thun anhand aktueller Beispiele um eine Einschätzung: Wie hätte er anstelle von Ex-Minister Guttenberg auf die Plagiatsvorwürfe reagiert? War das „Wir schaffen das“ von Angela Merkel angesichts der Flüchtlingsdebatte richtig? Weshalb sind Donald Trumps Lügen von einer seltsamen Folgenlosigkeit?

Sie sprechen über die Verstörungseffekte der Vernetzung wie Fake News oder die massive Reizüberflutung; sie erforschen die Filterblasentheorie und widersprechen ihr – Pörksen würde nämlich eher von einem Filterclash sprechen und meint damit das Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten. Sie analysieren die Dynamik der Polarisierung und denken über den Wandel von Autorität nach, die durch die Indiskretion des Netzes einen doppelten Anspruch erfüllen muss: Chefs sollen heute gleichermaßen Kumpel und Kaiser sein.

Das Körnchen Wahrheit

Schulz von Thuns Sprache ist sanft und einfühlsam, Pörksen übernimmt die Rolle des kritischen Gelehrten, er konturiert das Gesagte. Spricht von Thun beispielsweise von seiner deeskalierenden Rede, die er vor protestierenden Studenten hielt, schließt Pörksen: „Sie haben hier etwas betrieben, was man die Hermeneutik der Wut nennen könnte. Sie haben sich gefragt: Wo findet sich in der Attacke der legitime Anteil?“

Das ist ein zentraler Rat des Buchs: Finde das Körnchen Wahrheit, das im Angriff des Konfliktpartners steckt, und würdige es. Die ideale Auseinandersetzung sehen sie als eine Art liebenden Kampf, dem eine Lust am Dissens innewohnt.

„Die Kunst des Miteinander-Redens“ ist durch die Verschriftlichung und Bearbeitung natürlich ein konstruiertes Gespräch, ein Idealgespräch sozusagen. Dennoch führt es uns vor Augen, wie eine höfliche und intelligente Debatte klingen kann. Und was spricht gegen den Traum von einer stimmigen Streitkultur? Utopien mögen zwar fiktiv sein, aber sie können in die richtige Richtung weisen.

Buchcover: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun

Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun,
Hanser Verlag, Hardcover, 224 Seiten, 20 Euro