Rock Your Recruiting

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Wenn Stellenbesetzungen immer schwieriger werden, liegt das wohl daran, dass es einfach zu wenig Bewerber gibt. Doch vielleicht ist auch das Angebot nur zu langweilig, das Recruiting zu gewöhnlich. Ideenreichtum lässt sich lernen. Eine Inspiration von Martin Gaedt.

Wieso bekommt der Werbefilm #heimkommen von Edeka in zehn Tagen über 40 Millionen Klicks auf Youtube? Er ist anders. Völlig anders. Und sogar ganz anders als die bereits erfolgreichen Edeka-Clips #Kassensymphonie ein Jahr und #Supergeil zwei Jahre zuvor. #heimkommen ist keine Kopie des eigenen Erfolgs. Schon #Supergeil war mutig. Aber #heimkommen ist noch mutiger. Experiment gelungen.

Wie gewinnt man einen Buchhalter mit einem Aufwand von drei Euro und etwas Mut? Bei allen Überweisungen werden drei Cent zu viel überwiesen. Der Buchhalter, der daraufhin anruft, bekommt ein Jobangebot. Das hat ein Unternehmen gemacht. Eine einzigartige Idee. Genial finde ich auch die Idee, in den Baumärkten rund um die Firma zwischen alle Kabelbinder einfache, kopierte Zettel zu stecken mit dem Text: „Suchen Sie eine Arbeit im Trockenen? Kommen Sie zu uns!“ 30 Elektriker-Stellen waren in zwei Wochen besetzt. Ein großer Erfolg. Die Basis: Eine einzigartige Idee. Ein Lohnunternehmer in der Landwirtschaft bewegt Azubis aus Essen und Bremen, nach Meßdorf in der Altmark zu ziehen. Was Betrieben in Essen und Bremen nicht gelingt, schafft ein pfiffiger Unternehmer in Sachsen-Anhalt. Die ING DiBa bildet Azubis aus, die 50 Jahre alt sind. Zu wenig Azubis? Nein! Wo ist das Problem?

Was verbindet alle Beispiele: Es liegt weder am Ort noch am Geld, wenn Unternehmen keine Fachkräfte finden. Was fehlt ist die Idee, sich zu unterscheiden, und der Mut, etwas zu tun, was vorher niemand getan hat! Ideen sind nie per se gut. Es gibt passende und unpassende Ideen. Ein Beerdigungsinstitut hätte Edekas #heimkommen nicht zeigen sollen. Eine Idee wirkt, wenn sie Menschen fasziniert und elektrisiert. Logisch, oder? Seltsam, dass langweilige, normierte Stellenanzeigen hochmotivierte Bewerber anziehen sollen. Finde den Fehler. Was nicht anzieht, bekommt keine Resonanz. Zu recht. Wenn sich niemand bewirbt oder die Qualität immer schlechter wird, könnte das auch ein Spiegel mangelhafter Ideen im Recruiting sein.

Fachkräftemangel, eindeutig

Wie viele der 43,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland haben sich schon mal bei Ihnen beworben? Gibt es zu wenig Bewerberinnen und Bewerber oder strahlt Ihr Angebot zu wenig Anziehungskraft aus? 2.600 Stellenbörsen und Zehntausende Headhunter bieten eine trügerische Sicherheit. Gefühlt macht man damit alles richtig. Kommen dann keine Bewerbungen, muss es am Fachkräftemangel liegen. Eindeutig. Auf keinen Fall liegt es an der eigenen mangelnden Attraktivität. Wenn der Kandidat wieder geht, lag`s am Headhunter und nicht an der eigenen Unternehmens-Un-Kultur.

Wissen Sie, wer sich NICHT bei Ihnen bewirbt? Wenn Sie Ingenieure oder Software-Entwickler suchen, verlosen Sie unter allen qualifizierten Bewerbern Tickets für das Heavy Metal-Festival in Wacken. WAS? Sie werden überdurchschnittlich viele gute Bewerbungen bekommen, weil Ingenieure und Software-Entwickler häufiger als andere Berufsgruppen auf Wacken feiern und die Tickets sehr begehrt sind. Im Recruiting herrscht der Fluch der Gleichheit. Gleich + gleich = gleich. Wie unterscheiden Sie sich? Was im Produkt-Marketing selbstverständlich ist, gilt genauso auch im Personalmarketing. Ein Fachkräfteengpass wird bestimmt durch die Engstirnigkeit der Suchenden. Ohne Risiko und Regelbruch keine Innovation. Null Risiko + Null Regelbruch = Null Ideen.

Der sogenannte War for talents läuft. Selbstverständlich. Weltweit! Es ist ein beinharter Wettbewerb um Talente. Es war schon immer anspruchsvoll, gute Mitarbeiter zu finden. Gute Mitarbeiter suchen gute, anspruchsvolle, ideenreiche Arbeitgeber. Suchen Sie Mainstream-Mitarbeiter oder Mitdenker und Ideen-Täter? Wie finden Sie heraus, ob Mitarbeiter risikobereit sind? Was halten Sie von Jazz-Musikern, die musikalisch improvisieren können? Was sagen Sie Bewerbern, die im Wacken-T-Shirt zum Vorstellungsgespräch kommen? Zähmen oder fördern Sie Unsinn, Irrsinn und Quergeist? Achten Sie auf Versuche und Missglücktes in Lebensläufen? Oder suchen Sie lückenlose und risikofreie Menschen? Menschen, die in ihrer Jugend mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit innovativ. WAS? Wer noch nie im Leben eine Regel gebrochen hat, wird das auch als Erwachsener nicht tun.

Stellen Sie Fragen die keiner stellt, dann bekommen Sie Antworten und Ideen, die bisher keiner hat. Wie viele Fragen stellen Sie pro Tag? Stellen Sie 44 Fragen zum Mehrwert der Idee, bis Sie die Idee wirklich verstanden haben. Stellen Sie ab sofort an jeder roten Ampel, in Kassenschlangen und bei Verspätungen von Bus und Bahn – also immer beim Warten – 44 Fragen. So stellen Sie pro Tag 440 Fragen und trainieren Ihre Fragenfitness. In sieben Jahren werden daraus nebenbei über eine Million Fragen. Fragen führen immer zu überraschenden Antworten.

Herausragende Ideen starten mit exzellenten Fragen. Wo lernen wir, gekonnt zu fragen? Wie werden wir Fragen-Profis? Fragenfitness und Ideenfitness sind selbstverständlich trainierbar. Nicht jeder Jogger wird den New-York-City-Marathon gewinnen. Aber mit Training wird jeder Jogger besser. Ideen-Entwicklung ist kein Spaziergang. Das ist harte Arbeit und ein Parcours mit Regeln und Gesetzen. Ohne absurde, scheinbar unpassende Zutaten gibt es keine außergewöhnlichen Ideen. Krasse Fragen bringen krasse Ideen. Langweilige Fragen ziehen nur langweilige Ideen an. Immer wenn man denkt, es geht nicht, muss man Grenzen überschreiten. Das Überschreiten von Grenzen ist der kreative Prozess. Eine Lösung wird gefunden, die es vorher nicht gab.

Zeit, unser wertvollstes Gut

Aber im armen Handwerk, da gibt es wirklich keinen Nachwuchs mehr. Schüler können weder rechnen noch schreiben. In einem Seminar in München hörte ich die alte Leier: „Der Werteverfall ist dramatisch. Azubis sind unzuverlässig. Keiner strengt sich mehr an. Hauptschüler haben das Niveau von Sonderschülern.“ Ist das die Verantwortung der Schüler? Ich will faule Schüler nicht in Schutz nehmen. Aber da 1.077.687 Schüler seit 1999 keinen Schulabschluss geschafft haben, sehe ich ein Versagen des Schulsystems. Wer schreibt die Curricula? Erwachsene! Wer legt fest, dass man im Sitzen lernen muss? Erwachsene! Wer bietet Schülern das Wichtigste? Charakterbildung? Attitude? Die Verantwortung für die Charakterbildung liegt zuerst bei den Eltern und dann bei uns allen, der Gesellschaft. Das geht nicht nebenbei. Schüler brauchen unser wertvollstes Gut: Zeit. Zuwendung. Ungeteilte Aufmerksamkeit! Wer löst das Aufmerksamkeitsdefizit unserer Gesellschaft? Es liegt an uns Erwachsenen, den Nachwuchs zu begeistern, ihn herauszufordern und für ihn da zu sein.

Nutzt das Handwerk mit einer Million Betriebe und fünf Millionen Beschäftigten die Erkenntnisse über persönliche Zuwendung? Wer fragt die Schülerpaten, Chancenwerk, Rock Your Life, Teach First und Joblinge nach ihren Erfahrungen mit persönlicher Zuwendung? Das Handwerk investiert 100 Million Euro in Imagewerbung verteilt auf zehn Jahre. Soweit so gut. Aber warum fließt der größte Anteil in ein Werbemittel des letzten Jahrtausends? Plakate! Warum baut das Handwerk nicht auf neuste Erkenntnisse und schafft Mentoring-Programme für den Nachwuchs? Mentoring-Beziehungen sind kein Garant für Bildungserfolg, aber Zuwendung hat messbare Effekte. Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft und Leistung. Die Zauberformel: Persönliche Zuwendung! Ehrliches Interesse. Die Klage über ausbildungsunreife Azubis fällt direkt auf uns Erwachsene zurück. Es ist unsere Verantwortung. Verschenken wir Zeit und echtes Interesse, Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Großzügig oder knauserig? Fördern Sie Mentoring? Sind Sie und Ihre Mitarbeiter Mentoren?

Begeben Sie sich mit Ihren Ideen auf eine Entwicklungsreise. Ideenfitness hat nichts mit eintägigen Workshops und Seminaren zu tun. Es geht um regelmäßige Übung, die zu einer inneren Haltung wird. Zu dieser Haltung gehört auch das Wissen um zwei Pole, zwischen denen eine Idee pendelt und reift. Chaos & Struktur, Spinnen & Analyse, Offenheit & Auswahl: O & A. Wie InnOvAtion. Nicht Innavatian. Nicht Innovotion. A & O miteinander im Zusammenspiel. Die Unterschiedlichkeit bringt Spannung und Energie. Es ist ein permanenter Prozess, ein schwingendes Pendel vom A zum O zum A zum O. Das bringt die Idee in Schwung. Diese Energie kann die Welt verändern!

Alles, was wir heute selbstverständlich nutzen, war mal neu! Alles, was Sie täglich anfassen, wurde zuerst abgelehnt. ‚Geht nicht‘ stimmt immer nur solange, bis es jemand macht. Besserwisser halten sich für sehr schlau, wenn sie Ideen runterputzen und der Lächerlichkeit preisgeben. Dabei ist „geht nicht“ einfach nur dumm. Wenn ein Baby geboren wird, weiß niemand, welche Stärken und Schwächen es hat. Niemand kann ad hoc sagen, welche Talente entdeckt und trainiert werden. Ein Baby wird erst mal gewaschen, warm angezogen, geküsst, gestillt und geliebt. Ideen sind wie Babys, schutzlos den Menschen ausgeliefert und anvertraut. Geben Sie Ideen zuerst Liebe, Wertschätzung und Wärme. Zuerst gilt es, die Idee zu verstehen, Fragen zu stellen, die Idee anzureichern und besser zu machen. Konstruktive Kritik ist gefragt, also Fragen, die weiter denken. Destruktive Kritik hingegen tötet Ideen und hat am Anfang Hausverbot. Natürlich werden Ideen später intensiv geprüft, bewertet und aussortiert. Die meisten Ideen werden nie umgesetzt und sind sogar wertlos. Aber das wissen Sie nie bei der ersten Begegnung. Ideen sind wie Rohdiamanten in unscheinbaren Kieselsteinen. Jede Idee, die wir heute bewundern, wurde zuerst abgelehnt. Das heißt nicht, dass jede abgelehnte Idee gut ist.

An Unternehmer, Vorgesetzte, Recruiter und alle, die Ideen im Unternehmen wollen: Nehmen Sie Ideen ernst. Suchen Sie Rohdiamanten. Beachten und unterstützen Sie Menschen mit Ideen.