Rockstar!

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Für Stuart B. Cameron ist Diversity mit dem Thema Frauenförderung keineswegs erschöpft. Er und sein Team setzen sich mit ihren Karrieremessen und Projekten vor allem für eines ein: Offenheit.

Wenn man sich mit Stuart B. Cameron für ein Treffen verabredet, entwickelt man eine gewisse Erwartungshaltung. Der Mann, der auch schon mal als Pressebild ein Foto von sich mit Einhornmaske verschickt und dann auch noch fragt, ob man doch lieber ein seriöseres wolle, scheint mit einer gehörigen Portion Humor gesegnet zu sein.

Aber leicht irritierend ist es dann doch, dass sich hinter seiner Adresse keine Büroetage, sondern eine Dachgeschosswohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg verbirgt. Mit der Irritation ist es allerdings in dem Moment vorbei, als der 35-Jährige die Tür öffnet und hereinbittet. Nach dem Schritt durch die Zarge wird der Blick frei auf einen hellen Raum. An der Wand lehnen große, gelbe Lettern. Sie ergeben das Wort Sticks & Stones, die bislang erfolgreichste Karrieremesse von Stuarts Unternehmen Uhlala. Mitten im Raum ein großer Tisch. Vier Mittzwanziger sitzen daran, die freundlich von ihren Computermonitoren auf- und herüberschauen. Also doch ein Büro, oder nicht?

Linker Hand führt ein Durchbruch in ein Wohnzimmer mit einer riesigen Couch, von der Decke hängt eine Lichtinstallation altmodischer Wolframdraht-Glühbirnen. Stuart arbeitet hier nicht nur, er lebt hier auch. Das merkt man schon an der Begeisterung, mit der er über die sechs Kunstdrucke an der Wand spricht. Auf der anderen Seite des Raumes stehen ein Flatscreen und eine Spielkonsole. „Als Neuerdings-Geeks brauchen wir das auch“, sagt Stuart, setzt sich auf die Couch und nippt entspannt an seiner Independent-Mate. „Das ist quasi unsere Weiterbildung“, scherzt er.

Für offene Geister

Das ist eine Anspielung. Eines der neuesten Projekte von Stuarts Unternehmen ist das Netzwerk „Unicorns in Tech“, mit dem sie technikaffinen LGBTQIs und ihren heterosexuellen Unterstützern gewissermaßen eine Community bieten wollen. Der Begriff LGBTQI gewinnt beständig an neuen Buchstaben, bedarf aber immer noch einer Erklärung. Es steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning und Intersex. Diese Offenheit ist Programm bei Uhlala. Auch das Flaggschiff Sticks & Stones folgt diesem Prinzip. Die Karrieremesse richtet sich nicht nur an LGBTQIs, sondern ausdrücklich an alle, insofern sie bereit sind, ihre Denkmuster zu erweitern. „Prinzipiell glaube ich, dass die interessantesten Menschen für Unternehmen diejenigen sind, die wenig Angst vor Neuem haben, die offen sind und auch mal Risiken eingehen. Das sind doch die Leute, die ein Unternehmen nach vorne bringen“, sagt Stuart.

Die einzige Ausnahme ist Panda – nicht was die offenen Geister betrifft, sondern in der Exklusivität. Der Karriere-Wettbewerb, den Stuart zusammen mit seiner besten Freundin Isabelle Hoyer organisiert, richtet sich ausschließlich an weibliche Führungstalente und stellt das Networking sowie den gemeinsamen Austausch in den Vordergrund, zeichnet aber auch die besten Teilnehmerinnen aus.

Ein bisschen ruhelos scheint Stuart aber schon zu sein, auch wenn er es sich kaum noch gemütlicher auf seinem Sofa machen könnte. Es wirkt, als würde er mit seinem Team eine Unzahl an Projekten angehen. Doch das täuscht ein wenig, denn vieles baut aufeinander auf. „Kommt eine neue Idee dazu, entscheiden wir recht schnell, ob wir sie umsetzen wollen. Dann übernimmt jemand aus unserem kleinen Team den Lead, alle anderen unterstützen in Einzelaufgaben. Das ist sehr effizient und wir haben so bisher wirklich viel gestemmt. Wichtig ist, anzufangen, sich nicht entmutigen zu lassen. Vieles findet sich auch auf dem Weg“, sagt der gebürtige Bayer.

Gelegentlich dringt ein Lachen von nebenan herüber, nicht ganz eindeutig, ob als Kommentar zu Stuarts Worten gedacht oder als Ausdruck des Arbeitsklimas in diesen Räumen. Seinen Mitarbeitern lässt er viel Freiraum. In den Teambeschreibungen bezeichnet sich Stuart zwar gern als Diktator – wieder so eine Humor-Essenz –, aber dem Etikett kann er einfach nicht gerecht werden. Dem des kreativen Kopfes im Hintergrund schon. Das Herzblut scheint ihm dabei wichtiger als der Erfolg. „Jedes Projekt, das wir starten, kann auch scheitern. Das muss auch möglich sein. Hinfallen, Aufstehen, Krone richten und weitermachen – nur das bringt dich voran“, sagt er angesprochen auf die finanziellen Risiken von allzu viel Experimentierlaune. „Aber natürlich hilft es, dass die Sticks & Stones und Panda so gut laufen.“

Dass sich Stuart so auf Karrierethemen fokussiert, dabei aber so vieles anders macht, kommt nicht von ungefähr. „Eigentlich“, so beginnt er, „ging es dabei erst einmal um mich.“ Das sagt er mehrmals an diesem Tag, nestelt an seiner Mate und braucht doch einige Anläufe für die ganze Geschichte.

Entstanden ist die Idee, als Stuart selbst vor der Karrierefrage stand. Irgendwo zwischen 16 und 17, nach seinem qualifizierten Hauptschulabschluss – auch so eine Geschichte langer Rebellion und plötzlich erwachtem Ehrgeiz aus einem angekratzten Ego heraus – und seinen ersten Outings. Er spricht hier ganz bewusst von mehreren. „Es gibt dieses eine große Outing eigentlich gar nicht, sondern man outet sich permanent, bei den Eltern, im Freundeskreis, quasi jeden einzelnen Tag mit allem, was man tut“, sagt er und meint damit jeden, nicht nur sich selbst.

Der Unterschied ist lediglich, dass ein Outing als Heterosexueller nicht als solches wahrgenommen wird, weil es gesellschaftliche Norm ist, wenn ein Mann von seiner Frau oder eine Frau von ihrem Mann spricht. Eine Situation, die sich bei jedem neuen Job auch aufs Neue stellt. „Im Job weiß ich ja zunächst einmal nicht, wie man zu mir steht. Was passiert da, wenn ich mich oute?“, fragt Stuart. Und dann kam der Gedanke: „Wäre es nicht toll, wenn es eine Möglichkeit gäbe, dass Unternehmen sich outen?“, sagt er. „Nicht ich. Ich will doch nur meine Arbeit machen. Was hat meine Sexualität damit zu tun? Für eine offene Atmosphäre müssen Unternehmen aber etwas tun. Es liegt in der Verantwortung der Unternehmen, zu zeigen, dass Verschiedenheit wertgeschätzt wird. Dass alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wertgeschätzt werden.“

Glaube an den eigenen Erfolg

Er wollte also eine Karrieremesse, die so ist, wie er sie gerade brauchte, eine, auf der Unternehmen ihre Offenheit zeigen. Es blieb aber vorerst nur bei diesem Gedanken. Nach der Hauptschule wechselte Stuart an eine Wirtschaftsschule und begann dann mehr ungeplant als geplant eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann. Und dann gab es so etwas wie einen Moment des Erwachens – Stuart kann nur schwer das Grinsen unterdrücken, als er davon erzählt. Er und seine Mutter besuchten den Vortrag eines Motivationstrainers. „Tschaka-Tschaka-Tag“, sagt Stuart. „Ich ging da raus und hatte tatsächlich den Glauben, alles, was ich will, erreichen zu können.“ Danach sollte es erst einmal ein eigenes Hotel sein, nicht am, sondern im Starnberger See. Der Plan überstand das Fachabitur und vier Studiensemester Tourismusmanagement, aber nicht das erste Praktikum in einem Hotel. Gerade einmal einen Tag hatte es da gebraucht, bis Stuart wusste, dass er das auf gar keinen Fall machen wollte. „Ich stand plötzlich im luftleeren Raum. Da habe ich dann schon etwas Zeit gebraucht, um mich zu sammeln“, erzählt er. „Es war klar, dass ich das Studium weitermache. So ganz nutzlos war es dann ja nicht.“ Ein Praktikum bei BMW folgte. Doch so wirklich angekommen ist er an keiner dieser Stationen. „Ich hatte immer sehr viele Probleme mit den Vorgesetzten, weil ich oft anderer Meinung war. Ich sollte ja konform sein. Das ging bei mir ganz schlecht“, erinnert er sich. Besser wurde es erst, als er in Berlin ein Praktikum bei einem Institut für Neuro-Linguistisches Programmieren begann, das grade den ersten NLP-Weltkongress organisierte. Das fand er so spannend, dass er ein Traineeship bei der Lufthansa in New York ausgeschlagen hatte. „Ich hatte da das erste Mal wirklich Spaß daran, etwas zu organisieren. Es war ein cooles Team, kaum Hierarchien, man konnte mitgestalten. Das hat mir sehr viel gegeben“, sagt Stuart. Und es hatte Lust auf mehr gemacht.

So gab es auch bei ihm eine Idee im Hinterkopf, die in ihrer Variation wohl vielen in den frühen Zwanzigern immer mal wieder durch die Synapsen schießt: Irgendwann einmal einen Club zu haben, Partys zu veranstalten und dann von allen gefeiert zu werden. Ein bisschen Rockstar sein, das war wichtig. „Ego“, sagt er und lacht.

Nur hat er es dann tatsächlich getan und angefangen, während seiner Studienzeit Partys zu organisieren. Die erste sollte zum Christopher Street Day stattfinden. Ein absolutes Desaster. Mindestens 1.500 Leute sollten es werden, mehrere Tanzflächen, ein DJ und Live-Musik. „Ich war fest überzeugt, ich schaffe das. Dann gingen die Türen auf und es war so gut wie niemand da“, erzählt Stuart. Kaum 80 Leute waren es am Ende. Ein finanzieller Totalverlust. „Das war echt böse. Aber nach einem halben Jahr habe ich dann gesagt, ich versuche es noch einmal und mache jetzt alles besser.“ Im zweiten Anlauf funktionierte es dann tatsächlich.  „Du musst halt dran bleiben und an dich glauben. Und du musst dir gute Leute ins Boot holen, die deine Schwächen kompensieren.“ Ein tragfähiges Konzept für die Zukunft waren diese Events jedoch nicht.

Er hat sich dann noch einmal für einen Job beworben. Für seinen letzten, wie er sagt. Bei der Personalberatung Fuchs & Klemm. Und es wurde das schwerste Vorstellungsgespräch, das er je hatte. Sein zukünftiger Chef war auch Gründer des Talentnetzwerks Quarterly Crossing, das seine Mitglieder einem strengen Auswahlverfahren unterzieht. Und diese Fragen musste nun auch Stuart Cameron über sich ergehen lassen. „Ich bin da gnadenlos durchgerasselt“, erzählt er. Genommen haben sie ihn trotzdem, weil er wohl den Eindruck erweckt hat, sich durchzubeißen. Das Unternehmen wollte gerade seinen ersten Karrieretag für Familienunternehmen auf den Weg bringen und dafür schien Stuart zu passen. „Ich hab da zwar gearbeitet, aber eigentlich war es eine Ausbildung“ sagt er. „Ich habe gelernt, professionell zu sein und Parkettsicherheit bekommen. Ich habe gelernt, wie Recruiting eigentlich funktioniert, was Employer Branding bedeutet und all das Handwerkszeug, mit dem ich vorher keinen Kontakt hatte.“

Etwas Eigenes aufbauen

Drei Jahre ist er geblieben, dann war es endlich Zeit für etwas Eigenes – Zeit dafür, die Idee auszugraben, die er damals mit 17 hatte: die Karrieremesse, auf der sich Unternehmen als offene Arbeitgeber outen. Die Sticks & Stones, die in den ersten drei Jahren noch Milk hieß, macht im Vergleich zu anderen Karrieremessen vieles anders. Da stehen dann zum Beispiel große Boxen am Eingang, aus denen Deichkinds „Bück dich hoch“ dröhnt, da wehen Luftballons durch die Luft, da gilt „Come as you are“. „Wir möchten ja, dass die Leute sich wohlfühlen, dass sie sie selbst sind. Wenn Du aber eine Anzuggeschichte daraus machst, dann ist die Atmosphäre von vornherein distanziert. Das wollen wir nicht. Die Besucher sollen unseren Ausstellern auf Augenhöhe begegnen. Das gefällt übrigens auch den Partner-Unternehmen sehr gut.“ Doch warum dieses Extrovertierte, die Rockstar-Attitüde? Er fände das cooler, sagt Stuart. „Ich habe mich einfach gefragt, wo ich selbst gerne hingehen würde, wie so eine Messe aussehen sollte.“ Und die Antwort? „Wenn sie frech wäre. Und wenn ich so sein könnte, wie ich bin.“ Eigentlich einfach.