Schau mir in die Augen

Ein zaghafter Trend zeigt sich in der Arbeits- und Wirtschaftswelt – und betrifft damit auch HR. Es geht um sehr viel. Es geht grundsätzlich um das Bild, das wir vom Menschen haben. Es geht um Augenhöhe.

Ein Begriff macht die Runde in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, ein Begriff, der für nicht wenige es ziemlich gut auf den Punkt bringt, was sich gerade ändert und was sich noch weiter ändern muss: Es geht um Augenhöhe. Kunden erreichen sie mehr und mehr gegenüber den Unternehmen, weil diese transparenter werden und Informationen für die Menschen leichter zugänglich sind. Auch speziell in der Welt des Human Resources Management hört man vom Begriff immer öfter. Zum Beispiel in Bezug auf Bewerbungsverfahren. Denn Top-Kandidaten fordern zunehmend Augenhöhe ein, die sich im Rahmen der sogenannten Candidate Experience wiederfinden sollte. Und je komfortabler die Situation der Kandidaten, desto schwieriger lassen sich zum Beispiel Intelligenztests bei der begehrten Zielgruppe durchsetzen, weil die sich nicht durchleuchten lassen wollen beziehungsweise solche Diagnostik-Verfahren nicht als „Augenhöhe“ wahrnehmen.

Wenn man den Begriff ernst nimmt, dann sind so ziemlich alle Dimensionen betroffen: die Prozesse, die Strukturen und natürlich ist Augenhöhe eine Frage der Kultur, genauer gesagt: Es geht um gegenseitigen Respekt, darum, den anderen und seinen Beitrag wertzuschätzen. Beide Seiten sind in ihrer Individualität besonders und wertvoll. Das ist eine Frage des Menschenbildes, das bei vielen Führungskräften noch völlig auf dem Kopf steht. Wer beispielsweise annimmt, dass Mitarbeiter grundsätzlich faul sind und einen „Tritt in den Hintern“ brauchen, wird allenfalls auch nur Dienst nach Vorschrift bekommen.

Ein solches Menschenbild ist noch relativ häufig anzutreffen. „Dominant ist sicher nach wie vor das Bild vom Mitarbeiter als inferiorem Mängelwesen, das motiviert, gelenkt und kontrolliert werden muss. Es ist nach wie vor ein Blick ‚von oben herab‘. Allerdings gibt es in allen Unternehmen Führungskräfte, die gleichsam Oasen einer Kooperation auf Augenhöhe schaffen. Und ihre Bemühungen sind umso mehr zu ehren, wenn man sieht, unter welch schwierigen Bedingungen ihnen das gelingt“, sagte der Managementberater Reinhard Sprenger einmal in einem Interview mit dem Human Resources Manager.

Diese Oasen werden mehr, auch weil das Thema von außen getrieben wird. Das Prinzip der Augenhöhe kann man zum Beispiel immer häufiger bei Weiterbildungsveranstaltungen antreffen. In seiner ausgeprägtesten Form ist es in der HR Community zum Beispiel beim HR Barcamp zu finden sowie zuletzt bei dem erstmals veranstalteten DGFP // lab, wo man stark auf die Beteiligung der Teilnehmer gesetzt hat.

Unternehmen sind auf Mitarbeiterideen angewiesen

Ein zaghafter Trend zu mehr Augenhöhe in den Unternehmen gründet nicht nur auf einem aufkommenden Fachkräftemangel in manchen Bereichen sowie einer selbstbewussten jungen Generation. Die Dynamik und Komplexität in der Wirtschaftswelt macht das wirkliche Einbeziehen von Mitarbeiterkompetenzen, ihr Wissen und ihre Kreativität notwendig. Für Unternehmensleitung und die Mitarbeiter eine Win-Win-Situation, so sagen die Befürworter. Letztendlich sind immer mehr Unternehmen auf Innovationen angewiesen und dafür ist es wichtig, Freiräume zu geben.

Es ist kein Zufall, dass immer mehr Konzerne Inkubatoren gründen und versuchen dort startup-ähnliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dort kommt man dem gemeinsamen Arbeiten auf Augenhöhe zumindest in der Anfangsphase sehr nahe. Und HR selbst ist ebenfalls mehr und mehr auf Innovationen angewiesen. Personaler sollten viel mehr auf HR Startups schauen und von ihnen lernen. Nicht nur weil es da kreative Ideen gibt, sondern auch weil Startups mit Dynamik umgehen können.

Eine Beteiligung auf Augenhöhe gelingt in Unternehmen allerdings nur, wenn man erstens überhaupt was zu sagen hat, also entsprechende Kompetenzen oder Fähigkeiten mitbringt, und zweitens auch mutig genug ist, die Augenhöhe anzunehmen und auszuhalten. Man kann nicht in Passivität verharren. Das kann man sowohl für Veranstaltungen als auch Unternehmen sagen, die auf Partizipation setzen. Mitarbeiter beziehungsweise Teilnehmer müssen eine aktive Rolle einnehmen. Sie müssen Verantwortung übernehmen. Das ist gar nicht so einfach und manchmal auch unangenehm. Viele Menschen fühlen sich damit gar nicht wohl. Nicht jeder will dem anderen in die Augen schauen.