Schwarz war die Nacht

In der heutigen Arbeitswelt muss man stets gute Laune haben, Herausforderungen lieben und ein Teamplayer sein. Aber was ist eigentlich mit den Melancholikern, die gerne alleine sind? Wo finden die ihren Platz? Ein (nicht ganz ernst gemeintes) Plädoyer.

Ich bin gerne auf Friedhöfen. Die beruhigen und erden mich und rücken die scheinbar ach so wichtigen Dinge im Leben wieder an den richtigen Platz. In Berlin-Kreuzberg gibt es einen recht schönen Friedhof: den Dreifaltigkeitskirchhof. Da schlendere ich geruhsam zwischen den Gräbern herum und erfreue mich an den prominenten Namen, die ich da lese, wie Martin Gropius, Theodor Mommsen oder der von mir verehrte Ludwig Tieck. Eines meiner Lieblingsgedichte von ihm heißt „Melancholie“: „Die Liebe sei dir auf ewig versagt/Das Tor ist hinter dir geschlossen/Auf der Verzweiflung wilden Rossen/Wirst du durchs öde Leben hingejagt/Wo keine Freude dir zu folgen wagt.“ Herrlich treffende Worte, Balsam für die Seele.

Ob der Name des Gedichts so passend ist, darüber kann man sicherlich streiten, die Worte klingen eher nach schwerer Depression. Dennoch tut mir Tieck immer wieder gut, weil er mit seinen Worten Trost spendet. Für mich ist Melancholie gar nicht so negativ behaftet. Ja, sie beheimatet einen gewissen Weltschmerz, aber es steckt eben auch ganz viel Sehnsucht in ihr und Zweifel – an sich selbst, überhaupt an allem. Und so ist Melancholie nicht selten der Garant für Produktivität und einen Aufbruch zum Neuen, eine Triebfeder, um Geniales zu erreichen. Der Preis dafür ist allerdings eine Traurigkeit, mit der Ausstehende in der Regel nicht so gerne in Berührung kommen. Wenn man sich zum Beispiel Albrecht Dürers „Melancolia I“ anschaut, dann ist klar, was los ist: Party sieht anders aus. Da fällt es selbst dem Hund schwer, sich aufzurappeln und sich zum Fressnapf zu bewegen.

Melancholiker gibt es ja überall. In den Firmen erkennt man sie daran, dass sie meistens mittags alleine essen gehen, nur mit einer Zeitung ausgestattet; manchmal schauen sie minutenlang aus dem Fenster und verfolgen mit ihrem sehnsuchtsvollen Blick die Regentropfen, die auf dem Fenstersims zerplatzen; bei Meetings sind sie still, Karriere interessiert sie weniger; dem Chef, der per Mail einen Arbeitsauftrag vergibt, wird auch schon mal mit einem „Wozu?“ geantwortet.Melancholiker lassen sich einfach nicht vereinnahmen, für gar nichts. Dennoch: Sie sind für jedes Unternehmen wichtig. Gerade weil Melancholiker Zweifler sind. Sie sind das notwendige Korrektiv in einem Arbeitsumfeld, in dem es in der Regel von Speichelleckern und Opportunisten wimmelt. Und sie sind kreativ. Weil sie „out of the box“ denken. Und Denken ist verdammt nochmal Arbeit. Dazu muss man sich Zeit nehmen. Jedoch wer nimmt sich in der heutigen Arbeitswelt wirklich Zeit zum Denken? Wer traut sich denn, eine Sache in Ruhe von vorne bis hinten durchzukauen, ohne in Aktionismus zu verfallen? Der Melancholiker.

In Zeiten, in denen Personalarbeit sich immer mehr am Individuum ausrichten muss, sollten HR-Manager auch die Melancholiker berücksichtigen – vom Arbeitszeitenmanagement über die Mitarbeiterführung bis zur Weiterbildung. Da müssen natürlich ganz besondere Bedürfnisse berücksichtigt werden. Melancholiker brauchen viel Freiraum und sollten bei den meisten Team-Events außen vor gelassen werden. Weiterbildungen im Stile von Nick Cave hören oder Ludwig Tieck lesen, dürfen bei Personalern keinerlei Stirnrunzeln erzeugen. Ja, auch der Besuch eines Friedhofs kann der Inspiration dienen und zu neuen Ideen verhelfen.