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Ist Führung teilbar? Doppelspitzen wie zuletzt beim Magazin Spiegel sind selten und nur unter bestimmten Bedingungen möglich.

Zumindest die Medien und viele Journalisten haben zuletzt mit großem Interesse die Abberufung der beiden Spiegel-Chefredakteure und das damit verbundene PR-Desaster verfolgt. Georg Mascolo und Mathias von Blumencron mussten vor allem gehen, weil sie sich nicht dazu durchringen konnten, an einem Strang zu ziehen und eine gemeinsame Strategie für die Marke Spiegel zu verfolgen. Diese Chefredakteure konnten nicht zusammenarbeiten. Und der Fall zeigt, wie schwierig die erfolgreiche Etablierung einer Doppelspitze ist. Häufig sind zwei Chefs eine reine Kompromisslösung, die von beiden nicht wirklich gewollt wird. Trotzdem kommen Doppelspitzen immer wieder vor. Gründe dafür gibt es einige. „Einerseits kann dies mit der Anteilseignerstruktur zusammenhängen, wie das Beispiel EADS oder die Fusion zwischen Thyssen und Krupp Ende des letzten Jahrtausends zeigen“, erklärt Walter Jochmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Kienbaum Management Consultants. Ein anderer Grund sei die Uneinigkeit über die Passung eines Nachfolgers, so zuletzt bei der Deutschen Bank.

Für Führungskräftecoach Ulrich Jordan ist die Deutsche-Bank-Lösung ein klassischer Kompromiss. Der Berater und ehemalige Targobank-Personalvorstand hat eine klare Meinung zu Doppelspitzen. „Sie funktionieren in der Regel nicht, allenfalls für eine kurze Zeit“, sagt er. Denn Entscheidungen dauerten zu lange. Im Falle von zwei Chefs wüssten die Mitarbeiter nie wirklich, ob eine Entscheidung final sei. Außerdem hätte die Teilung der Führung den Nachteil, dass häufig Grabenkämpfe entstünden. „Jeder der Co-Chefs hat seine Kohorte an Unterstützern“, sagt Jordan. So schien es auch beim Spiegel zu sein. Über die ehemaligen Chefredakteure konnte man auch in den Medien lesen, sie hätten zuletzt kaum noch miteinander gesprochen. Das ist natürlich eher keine Erfolgsvoraussetzung.

Es gibt allerdings durchaus Beispiele von Doppelspitzen, die funktionieren: Gerade bei kleineren Unternehmen oder wenn zwei Partner gemeinsam ein Unternehmen gründen. Der renommierte Change-Coach Winfried Berner betonte einmal in einem Interview, dass es in der deutschen Industriegeschichte zahlreiche Beispiele für funktionierende Doppelspitzen gebe und nannte „Koenig & Bauer“, „Werner & Pfleiderer“ sowie „Koch & Hummel“.

Für Frank Schabel, Berater beim Personaldienstleister Hays hängt der Erfolg unter anderem von gegenseitiger Sympathie beziehungsweise einer hohen Wertschätzung des Doppelpartners ab. „Dann ist eine offene Kommunikation auch über kritische Punkte möglich und Abstimmungen verlaufen runder.“ Wenn die zwischenmenschliche Ebene nicht gegeben sei, könne einiges über sehr formale und fixierte Regelungen kompensiert werden.

Doch wie nachhaltig kann eine solche Lösung ohne gegenseitige Wertschätzung sein? Schabel sagt selbst, dass beide Beteiligten in jedem Fall ein hohes Maß an Selbstreflexion und menschlicher Erfahrung brauchen, um mit Neid und geteilter Macht umgehen zu können. Auch für Jochmann gehören zu den Erfolgsfaktoren: „ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Transparenz, Kommunikation, Respekt und Vertrauen zwischen den beteiligten Personen. Darüber hinaus ist es essenziell, dass in einem Umfeld, in dem machtorientierte Personen Macht teilen müssen, klar definierte Aufgabenfelder und sich ergänzende Rollenprofile vorliegen.“

Die klare Aufgabenteilung, die nötig wäre, zeige sich in der Praxis aber als äußerst schwierig, gibt hingegen Ulrich Jordan zu bedenken. „Eine klare Abgrenzung ist kaum möglich. Es gibt immer Zusammenhänge.“ Beim Spiegel wurde diese klare Aufgabenteilung versucht. Mascolo war für den gedruckten Spiegel verantwortlich, von Blumencron für Spiegel Online. Doch alle Beteiligten mussten erfahren, dass sich beides nicht trennen lässt. Zum Beispiel die Frage, ob für das Online-Angebot eine Bezahlschranke eingeführt wird, ist eben auch für die Printausgabe von Belang.

Letztlich bleibt also zum einen die Frage, ob die für die Position in Frage kommenden Menschen überhaupt die Fähigkeiten und die Bereitschaft für eine Machtteilung mitbringen. Zum anderen muss gefragt werden, ob die Organisationen selbst modern genug sind für eine Doppelspitze.  Sie bleibe ein sensibles Unterfangen, sagt Frank Schabel, „da es gegen die Logik klarer Hierarchien geht, die noch unsere Organisationswelt prägen“. Vorteile hat sie gegenüber der Einzelspitze allemal. Entscheidungen werden in der Regel zwar langsamer getroffen, dafür sind sie tendenziell durchdachter und damit belastbarer.

Doppelspitzen könnten allerdings aus einem ganz anderen Grund größere Verbreitung finden. Walter Jochmann hat nämlich festgestellt, dass sie zunehmend etabliert werden, um über Teilzeit Extremjobbern ein höheres Maß einer ausgeglichenen Balance von Beruf und Privatleben zu ermöglichen. Das Einfallstor für mehr Doppelspitzen könnte also die Work-Life-Balance werden.