„Frauen werden auf ihre klassische Rolle reduziert, bei Männern die Männlichkeit in Frage gestellt“

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(c) Getty Images // SrdjanPav
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Das Thema „Sexismus am Arbeitsplatz“ wird aufgrund der aktuellen #metoo-Debatte viel diskutiert. Die Sozialpsychologin Charlotte Diehl spricht im Interview über psychische und wirtschaftliche Folgen von Belästigung, darüber wie Führungskräfte und Personaler reagieren sollten und was Sexismus mit Machtverhältnissen zu tun hat.

Frau Diehl, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit dem Thema Sexismus am Arbeitsplatz. Warum flammt das Thema nur punktuell immer wieder auf?
Viele haben keine Lust, sich kontinuierlich damit zu beschäftigen, frei nach dem Motto: Jetzt ist es auch mal wieder gut. Es gibt die Tendenz, zum Normalen zurückkehren zu wollen, um nichts verändern zu müssen. Deswegen kommt das Thema auch so scheinbar überraschend alle paar Jahre wieder, und man stellt fest: Es hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert.

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Welche generellen Veränderungen sind nötig?
Man müsste schon bei der Erziehung ansetzen. Bestimmte Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen im Miteinander sollten grundlegend anders gelernt werden. Das müssen nicht mal feindselige Einstellungen sein. Es beginnt damit, dass vermeintlich natürliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern vermittelt werden, dass die Rolle der Frau klar festgelegt wird oder Männern suggeriert wird, sie müssten bestimmte Dinge können. Diese Vorurteile wirken sich auf spätere Erwartungshaltungen im Erwachsenenleben aus. Frauen werden dann untergründig bestimmte Kompetenzen abgesprochen oder sie werden als Eindringlinge in Bereiche angesehen, die momentan noch eher von Männern bespielt werden. Männer wiederum haben es in typischen Frauendomänen schwerer, wie zum Beispiel in Erzieherberufen.

Frauen häufiger betroffen als Männer

Wie oft kommt sexuelle Belästigung im Arbeitsumfeld vor?
Es gibt Studien, denen zufolge 50 bis 60 Prozent der Frauen ganz allgemein von sexueller Belästigung betroffen sind. Im Arbeitskontext liegt der Anteil der Frauen in Deutschland, die eine Belästigung bereits erlebt haben, bei 33 Prozent. Allerdings werden solche Befragungen meist von vornherein ausschließlich an Frauen adressiert und nur selten an Männer.

Ist das nicht auch bereits eine Form von Sexismus?
Ja, das ist richtig. Es gibt eine Studie aus der Schweiz, in der auch Männer befragt worden sind. Da haben 10 Prozent der Männer angegeben, von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen zu sein. Das Thema ist nicht zu vernachlässigen.

Wo liegen die Ursachen sexueller Belästigung im Arbeitsumfeld?
Es handelt sich dabei leider um ein relativ etabliertes Verhalten. Zumindest wird es toleriert. Oft hat das mit Macht zu tun. Zusammen mit Kollegen der Universität Bielefeld habe ich herausgefunden, dass dem Verhalten der sogenannten Täter eine Machtmotivation zugrunde liegt. Nur ein geringer Anteil hat mit dem Wunsch nach einem Flirt zu tun.

Wo tritt sexuelle Belästigung am häufigsten auf?
Dort, wo es ausgeprägte hierarchische Strukturen gibt und die Macht ungleich verteilt ist. Noch sind solche Unternehmen zwar in der Mehrzahl. Aber es gibt die Tendenz, diese Art und Weise der Führungskultur abzubauen.

Wer ist besonders häufig von Sexismus und Belästigung betroffen?
Das sind meist Frauen, die nur über eine geringe berufliche Qualifikation verfügen oder die gerade neu in einem Betrieb angefangen haben. Also jene, die in der Hierarchie am unteren Ende stehen.

Belästigung auch unter gleichgestellten Kollegen

Kommt auch das Gegenteil vor, dass Kollegen oder Vorgesetzte den Machtverlust fürchten und versuchen, über belästigendes Verhalten ihre Macht zu demonstrieren?
Das kommt auch vor. Interessanterweise findet Belästigung häufig auch unter gleichgestellten Kollegen statt. Das ist ein Indiz für eine Verunsicherung, ein Zeichen von Angst vor der Konkurrenz. Es geht dann darum, sich durchzusetzen. Diese Gemengelage wird verstärkt durch unsichere Anstellungsverhältnisse oder eine Unternehmenspolitik, die auf dem Motto basiert: „Are you in or are you out?“

Würden sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz seltener vorkommen, säßen mehr Frauen in den Chefetagen?
Vielleicht würden Frauen gerade wie sie so häufig damit konfrontiert sind, sensibler reagieren. Möglicherweise muss man jedoch bestimmte Eigenschaften mitbringen, um überhaupt in solche höheren Positionen zu kommen, die dann ein verwerfliches Verhalten begünstigen. Belästigung ist dort seltener ein Thema, wo das Geschlecherverhaltnis in Teams ausgeglichen ist. Übergriffigkeit kommt eher vor, wenn eine Geschlechtergruppe in der Minderheit ist.

Also wären Belästigungen seltener, wenn in der Führungsebene das Geschlechterverhältnis ausgewogen wäre?
Ja. Zumal die Ausrichtung eines Unternehmens im Sinne des New-Work-Prinzips, also flache Hierarchien und ein höheres Maß an Eigenverantwortung, Belästigungen entgegenwirken könnten.

Männer belästigen anders als Frauen

Belästigen Männer anders als Frauen?
Es gibt strukturelle Unterschiede. Wenn Männer sexuelle Belästigung erfahren, dann passiert das meistens durch andere Männer. Wenn Täterinnen involviert sind, dann häufig eher innerhalb geschlechterheterogener Gruppen. Gruppendynamik spielt aber auch oft eine Rolle, wenn Frauen sexuell belästigt werden. Generell werden Frauen oder ihre klassische Rolle reduziert, es wird betont, dass sie Frauen sind, während bei Männern eher die Männlichkeit in Frage gestellt wird.

Wo beginnt Sexismus am Arbeitsplatz?
Sexismus liegt immer dann vor, wenn ein vermeintlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern aufgemacht wird. Also, wenn betont wird, dass jemand als Mann oder Frau etwas Bestimmtes können müsste oder ihm/ihr eine Aufgabe nicht zuzutrauen ist. Bei einer Belästigung geht es stärker um ein Verhalten, das im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, dem AGG, als geschlechtsbezogen und würdeverletzend definiert ist. Aber es schwingt eben auch eine subjektive Komponente mit: Wann fühlt sich jemand in seiner Würde verletzt?

Wie soll ein Arbeitgeber damit umgehen, wenn er eine Diskrepanz zwischen der eigenen Einschätzung und der Schilderung eines Vorfalls feststellt?
Dann muss die jeweilige Situation diskutiert werden. Das Problem ist seltener die Mehrdeutigkeit einer Situation, in der einer es nicht so gemeint haben will. Viel häufiger handelt es sich um eine eindeutige Situation, die auch nicht nur einmal, sondern wiederholt auftritt.

„Betroffene sind weniger leistungsfähig, können sich schlechter konzentrieren und kündigen am Ende sogar. Die Unternehmen büßen an Reputation ein.“

Gibt es kulturell bedingte Unterschiede in der Wahrnehmung von Sexismus oder Belästigung?
Ich habe gehört, es kommt in den USA vor, dass ein Mann nicht mehr mit einer Frau in den Fahrstuhl steigt, wenn sich keine weiteren Kollegen im Aufzug befinden. Oder die Bürotür wird offen gelassen, wenn man sich nur zu zweit in einem Raum aufhält. Das Misstrauen verschärft sich.

Wie sollten Personaler mit dem Thema Sexismus und Belästigung umgehen?
Die beste Prävention ist es, wenn die jeweilige Führungskraft ein solches Verhalten offen und klar verurteilt, am besten anhand von Verhaltensbeispielen und einer möglichst klaren Definition davon, was unter Belästigung und Sexismus fällt. Es muss jedem klar sein, dass dieses Verhalten sanktioniert wird. Aber leider wissen die meisten Beschäftigten nicht einmal, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, sie vor sexueller Belästigung zu schützen.

Eine festgelegte Sanktion könnte ein probates Mittel der Abschreckung sein.
Und den Betroffenen hilft es, sich eher zur Wehr zu setzen. Sonst wird dem Opfer schnell vorgeworfen: Nur deinetwegen müssen wir jetzt diese Lawine lostreten. Da traut sich schnell niemand mehr, was zu sagen.

Bei Belästigung greift der 3-Punkte-Plan

Was sollte ein Unternehmen tun, wenn ein Vorwurf laut wird?
Es gibt einen 3-Punkte-Plan: Zuerst muss es jemanden geben, der nur für die betroffene Person da ist und deren Position bezieht. Im zweiten Schritt muss jemand – in der Rolle eines Mediators – zwischen den Positionen neutral vermitteln. Dazu gehört auch, die beschuldigte Person anzuhören. Der dritte Schritt wäre dann die Sanktion, also zum Beispiel eine Abmahnung oder eine Kündigung.

Sollte die vermittelnde Instanz aus dem Unternehmen selbst oder von außen kommen?
Das hängt davon ab, wie strittig ein Fall und wie groß ein Unternehmen ist: Handelt es sich um einen Großkonzern, ist der Mediator vielleicht ohnehin gar nicht jedem persönlich bekannt. Das könnte einer Voreingenommenheit auf beiden Seiten vorbeugen.

Was, wenn ein solcher Fahrplan nicht existiert und der Arbeitgeber auf einen Vorfall nicht reagiert?
Dann hätte die betroffene Person das Recht, die Arbeit zu verweigern. Schließlich käme der Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nicht nach. Unternehmen müssen Regeln aufstellen, durch die ein dysfunktionales Verhalten sanktioniert wird.

Angst lähmt

Wie können sich Mitarbeiter selbst gegen sexuelle Übergriffe wehren?
Untersuchungen haben gezeigt, dass es sehr schwer ist, sich in den konkreten Situationen zu wehren. Betroffene vermeiden das eher. Das Gefühl, das durch einen Übergriff entsteht, ist Angst. Und die lähmt. Für eine Studie wurden Testpersonen befragt, wie sie sich bei einer sexuellen Belästigung verhalten würden. Eine andere Gruppe wurde genau dieser Situation ausgesetzt. Die meisten Personen aus der ersten Gruppe dachten, sie würden wütend werden und den Täter konfrontieren. In der zweiten Gruppe zeigte sich aber: Sie haben die Handlungen über sich ergehen lassen und versucht, die Situation zu ignorieren. Sie haben das Verhalten einfach ausgehalten.

Erklärt das, warum manche Arbeitnehmer oder Chefs vom Thema genervt sind und sagen: „Nun ist es aber auch mal wieder gut“?
Ja, wer die Situation noch nicht selbst erlebt hat, kann sie meist noch nicht gut einschätzen oder sich in sie hineinversetzen.

Gibt es einen Unterschied im Umgang mit dem Thema zwischen den Generationen?
Jüngere Arbeitnehmer haben den Vorteil, dass sie ein bestimmtes etabliertes Verhalten seltener kennengelernt haben. Und ihr Wille zur Veränderung ist größer. Dennoch übernimmt auch die jüngere Generation viele Verhaltensweisen, allein durch die Erziehung.

Sexismus ist subtiler geworden

Was hat sich beim Thema Sexismus am Arbeitsplatz in den letzten Jahren verändert?
Die Sensibilität hat etwas zugenommen. Das Thema ist präsenter. Andererseits ist Sexismus auch subtiler geworden. Es gibt heute mehr wohlwollenden und paternalistischen Sexismus. Sätze wie: „Dass Sie, als Frau, diese Aufgabe so gut bewältigen, hätte ich gar nicht gedacht“, obwohl die betreffende Person über genau die richtigen Qualifikationen für die Aufgabe verfügt. Oder: „Ach komm, ich übernehme diese Aufgabe mal. Du (als Frau) sollst dich damit nicht herumschlagen.“ Das spricht Kompetenz ab und hat negative Effekte auf den Selbstwert.

Welche anderen Folgen können sexuelle Belästigung oder Sexismus am Arbeitsplatz haben?
Das sind Stressfaktoren, die psychische und körperliche Folgen haben können wie somatische Beschwerden, Substanzmissbrauch oder Essstörungen. Betroffene sind weniger leistungsfähig, können sich schlechter konzentrieren und kündigen am Ende sogar. Die Unternehmen büßen an Reputation ein. Der wirtschaftliche Schaden kann immens sein.

Dieses Interview erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben und zu unseren Abo-Konditionen erhalten Sie hier.

Charlotte Diehl / (c) Universität Bielefeld_CITEC

Charlotte Diehl / (c) Universität Bielefeld_CITECCharlotte Diehl ist promovierte Sozialpsychologin und hat mehrere Jahre an der Universität Bielefeld zu sexueller Belästigung geforscht. Aktuell arbeitet sie an dem Handbuch „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“. Es richtet sich speziell an Personalverantwortliche.

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