„Schlager sind nach wie vor der Bringer“

07.11.2019  |  Senta Gekeler
Singuin: Andreas Schwachulla bietet Singen als Team-Event an
Andreas Schwachulla © privat

Gemeinsames Singen als Teamevent: Das bietet Andreas Schwachulla an und nennt es „Singuin“. Im Interview erklärt er, welche positiven Effekte Gesang hat.

Herr Schwachulla, warum ist gemeinsames Singen im Team gut für Arbeitnehmer?
Gemeinsames Singen erzielt einen interessanten Effekt. Man arbeitet abteilungsübergreifend und hierarchieübergreifend unbewusst an einer Art Pseudo-Projekt. Man kommt ohne Vorbereitung und Vorkenntnisse zusammen und braucht nichts weiter zu tun, als einfach drauflos zu singen. Dieses „Projekt“ gemeinsam bewältigt zu haben, macht Menschen Freude und erzeugt Zusammenhalt. Dadurch steigt auch die Identifikation mit dem Arbeitgeber.

Das gemeinsame Singen nimmt eine Sonderrolle unter teambildenden und gesundheitsfördernden Maßnahmen ein. Davon fühlen sich nämlich zum Beispiel auch Menschen angesprochen, die für sportliche Aktivitäten eher nicht zu haben sind.

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Ist Singen gesund?
Klar, Singen aktiviert die Atmung, regt die Durchblutung an und stärkt das Immunsystem. Wichtiger ist meiner Meinung nach aber der Effekt auf die Psyche. Man schüttet Wohlfühl-Hormone wie Noradrenalin, Serotonin und Oxytocin aus. Das trägt dazu bei, dass die Mitarbeiter ein „Wir-Gefühl“ entwickeln. Das gemeinsame Singen fördert die mentale Abschalt-Fähigkeit und hilft, Stress abzubauen.

Leider sind all diese Effekte schwer messbar. Es ist nicht so, dass man sagen könnte, nach so und so vielen Veranstaltungen fühlt ein Mensch sich besser. Unter anderem deshalb hat die Zentrale Prüfstelle Prävention gemeinsames Singen bisher nicht als Präventionsmaßnahme zertifiziert. Das bedeutet, dass Krankenkassen nicht die für Unternehmen anfallenden Kosten tragen. Ich hoffe, dass sich da gesundheitspolitisch etwas ändern wird. Auch wenn beim Singen nicht alle Effekte messbar sind, kann man nicht bestreiten, dass es insgesamt gut tut. Arbeitgeber sollten zumindest eine kleine Unterstützung bekommen, wenn sie ihre Mitarbeitern dieses Angebot zur Verfügung stellen.

Wie läuft so ein Singuin-Event ab?
Grundsätzlich finden die Veranstaltungen immer direkt im Unternehmen statt und ich bringe das notwendige Equipment mit. Das Programm stelle ich selbst zusammen. Bei einer 90-minütigen Veranstaltung sind das meist 20 bis 22 Lieder. Die Texte werden mit dem Beamer an die Wand projiziert. Zwar suche ich die Lieder aus, aber manchmal schicken die Teilnehmer vorab Liederwünsche per E-Mail. Dann gehe ich nach Möglichkeit auch darauf ein und bereite die Songs vor.

Wir starten immer mit einem kurzen Einsingen, um die richtige Atmung zu finden und die Stimme aufzuwärmen, nach Methoden, die ich aus meinem Studium kenne. Dann geht es auch sofort los. Die Teilnehmer singen die Lieder direkt von der Leinwand ab, ich begleite mit der Gitarre und singe mit. Mitschnitte oder Aufführungen gibt es nicht, damit bei den Teilnehmern kein Druck entsteht.

Dürfen die Teilnehmer auch mal ein Instrument spielen?
Das habe ich bisher noch nicht gemacht, weil ich ja auch so schon immer relativ viel Equipment zu tragen habe. Ich könnte mir aber gut vorstellen, in Zukunft die Veranstaltungen mal mit ein paar Percussion-Instrumenten zu würzen.

Welche Lieder sind bei den Teilnehmern besonders beliebt?
Schlager sind nach wie vor der Bringer. Und die typischen Hits, die man auch am Lagerfeuer singt.

Gibt es oft Konflikte bei der Auswahl der Lieder? Über Musikgeschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.
Eigentlich kann man bei der Liederauswahl nicht viel falsch machen, es sollte eben für jeden was dabei sein. Es kommt oft vor, dass Teilnehmer spontan loslachen, wenn Lieder kommen, die ihnen vielleicht erstmal kurios erscheinen, wie zum Beispiel der Biene-Maja-Song. Aber selbst Volkslieder oder Kinderlieder kann man einstreuen, das amüsiert die Teilnehmer und darum geht es schließlich.

Welche Unternehmen buchen Ihr Angebot besonders gern?
Bei Behörden habe ich bisher am meisten Zuspruch bekommen. Ich habe selber mal in der Bundesagentur für Arbeit in Bonn gearbeitet und bin sozusagen Behörden-Fan. Die Menschen, die dort arbeiten, leisten oft für ein mäßig gutes Gehalt einen wichtigen Dienst für alle Bürger und verdienen es, besonders belohnt und gestärkt zu werden. Ich trage mit meinen Veranstaltungen gerne dazu bei, die Behörden-Mitarbeiter gesund und glücklich zu halten, davon profitieren wir letztendlich alle.

Singen Führungskräfte auch mit?
Ja. Es ist sogar schon vorgekommen, dass Teamleiter oder Abteilungsleiter ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter explizit dazu ermuntert haben, zu den Singuin-Events mitzukommen.

Viele Menschen meinen, sie seien unmusikalisch und Singen ist ihnen unangenehm. Ist es schon vorgekommen, dass jemand partout nicht mitsingen wollte?
Das habe ich bisher noch nicht wahrgenommen, weil ich das Ganze sehr frei handhabe. Ich denke, es ist am besten, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern das gemeinsame Singen als freiwillige Option zur Verfügung stellen, nicht als Pflichttermin. Manche Auftraggeber buchen regelmäßige Termine, zum Beispiel einmal im Monat oder jeden zweiten oder quartalsweise. Die Mitarbeiter wissen Bescheid, wann die Veranstaltung stattfindet und können vorbeikommen und gehen, wann sie wollen – oder auch gar nicht kommen. Die, die mitmachen, haben auf jeden Fall Lust darauf und singen mit. Ich habe auch schon Leute erlebt, die zwar sagen, sie können nicht singen, aber dafür mitsprechen, brummen, sich bewegen. Dass jemand vergrämt in der Ecke steht, kommt nicht vor.

Ist Ihr Angebot also vergleichbar mit Sportkursen, wie sie viele Unternehmen anbieten?
Genau. Zu Sport zwingt man auch niemanden, da wäre ich dann zum Beispiel raus. Ich verstehe mich auch nicht als Künstler, sondern als Dienstleister. Geschäftsführer und Personalleiter können eine Leistung in Anspruch nehmen, die sie für ihre Mitarbeiter und ihr Unternehmen sinnvoll finden. Ich war selbst viele Jahre im Personalbereich tätig und weiß, wie schwierig es sein kann, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und sie im Unternehmen zu halten. Entsprechend muss man ihnen etwas bieten. Es wäre schön, wenn eines Tages ein Unternehmen damit wirbt, dass es neben flexiblen Arbeitszeiten und Yoga auch Singuin anbietet.

Welches Lied spielen und singen Sie persönlich am liebsten?
Ein persönliches Lieblingslied habe ich eigentlich nicht. Aber mir gefällt „Über den Wolken“ von Reinhard Mey sehr gut. Am meisten Spaß macht es, wenn die Leute so laut mitsingen, dass ich mich selber kaum noch höre.


Andreas Schwachulla ist freiberuflicher Musiker und Gründer von Singuin: Singen im Team. Er hat Lehramt Sonderschule mit Musik als Didaktikfach studiert und den Beruf bis zum Jahr 2000 ausgeübt. Danach wechselte er in die freie Wirtschaft und arbeitete unter anderem als Recruiter bei Personaldienstleistern und im Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit.