Sinn macht Sinn

Die Menschen begeben sich auf Sinnsuche. Und Unternehmensvertreter und Berater bieten da gerne Unterstützung an. Von der Hochkonjunktur eines Begriffs.

Im Business-Leben hat „Sinn“ mal wieder an Bedeutung gewonnen, als moralische Stütze bei dessen immenser Dynamik, Komplexität, Ambivalenz. Normative Sinngebung wird besonders in unübersichtlichen Zeiten populär. Manche Unerschrockene sagen zwar, das Leben sei an und für sich ohne Sinn. Eine solch unnütze Existenz mögen aber viele Menschen nicht hinnehmen und haben sich auf ihre individuelle Sinnsuche begeben. Sehr gerne sind ihnen Unternehmen dabei behilflich und konstruieren Bewusstseinswelten, Einstellungen, Haltung mittels „Sinnhalation“.

Sinn macht Sinn. Als kommunikatives Medium funktioniert Sinn – fast egal welcher – grandios. So benutze auch ich ihn bei vielen Gelegenheiten, beim Beraten und Begleiten, beim Schreiben und Schwatzen. Denn als Consultant gehöre ich zu den „merchants of meaning“ (Czarniawska 1988/90). Besonders gerne bedienen sich Sinngeber unangreifbarer Werte, den sogenannten „valence issues“. Wovon es immer weniger gibt. Das Mantra vieler Manager – „profitable growth“ – gilt in einer über den ökonomischen Dunstkreis hinausreichenden Atmosphäre schon längst nicht mehr als alternativlos. Also besinnen sich Unternehmen auf eine sogar jenseits ihrer „déformation professionnelle“ wohlgelittene Sinngebung, fast im Sinne von Friede, Freude, Eierkuchen. Erstes Beispiel (Autobauer): „Das Beste oder nichts“. Zweites Beispiel (Energieversorger): „Cleaner & Better“. Drittes Beispiel (Finanzdienstleister): „Leistung aus Leidenschaft“. Viertes Beispiel (Rüstungskonzern): „Force protection is our mission“. Dies sind jedoch kaum mehr als parfümierte Botschaften zum eigentlichen betriebswirtschaftlichen Organisationssinn, „profitable growth“.

Das Überraschende ist, dass der Sinn besonders jetzt wieder besonders populär wird, wo er als allgemeine und damit allseits anerkannte Grundhaltung ziemlich fluide geworden ist. Der Humanismusschützer will besonders die People im Unternehmen behüten, der Konsumentenschützer die verehrte Kundschaft, der Investorenschützer den Shareholder-Value. „Anything goes!“ Ich gestehe, dass diese Beliebigkeit mir gelegentlich ganz gehörig zu schaffen macht. Vieles erscheint mittlerweile möglich und kann doch zumeist sinnhaltig begründet werden, intrinsisch plausibel. Wer sich einmal für ein bestimmtes Denkmuster entschieden hat, kann in seinem „Psychotop“, ausgehend von dieser persönlichen Basisstation, vieles mit Sinn anreichern. Es gilt halt der manchmal Walter Benjamin und manchmal den alten Chinesen zugeschriebene Sinnspruch: „Jeder kann seine eigene Meinung haben, aber manche verdient Prügel“.

Vermutlich sprechen manche statt von der Sinn schon längst von die Sinn. Am besten klingt das Sinn – im Neutrum liegt die Kraft. Denn „die Moderne überlässt den Menschen sich selbst. Jeder muss sich seine Sünden schon selbst definieren“ (Schulte 2008). Und was dann noch als „unsündig“ und damit sinnig übrigbleibt, wird eben der, die, das Sinn.

Mittlerweile frage ich mich, ob Sinn nicht schon wieder modisch überzogen wird. Man begegnet ihm heute an allen Ecken und Enden. Aber dies ist noch nicht allzu vielen aufgefallen. Daher kann ihn jede(r) argumentativ noch eine Zeit lang bedenkenlos im Sinnmarkt nutzen. Übrigens: Fast noch besser als Sinn funktioniert in der Kommunikation sein Gegenteil – Blödsinn oder sogar Wahnsinn. Die Erklärung einer Angelegenheit zum Nonsens entwickelt höchste sprachliche Kraft. Mittels Sinn und Unsinn erklären uns die Meinungsmacher dieser Welt (fast) sämtliche Wirrnisse der Zeitläufe in schlüssiger Weise. Als Sinngeber haben sich besonders manche Edelmedien (wie etwa spiegel.de) und Fachzeitschriften (sogar in unserer Profession) eine nicht unbeträchtliche Deutungshoheit zum Weltgeschehen angeeignet, noch mehr als die Meaning-Merchant-Consultants. Sinn macht Sinn! Man könnte auch umgekehrt texten: Macht Sinn Macht? Meine Antwort auf diese Frage ist ein klares Ja.