Slow Work - im Job entschleunigen, produktiver arbeiten

(c) gettyimages/Westend61
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Höher, schneller, weiter: Die Gegenbewegung dazu heißt “Slow Work”. Sie setzt auf Achtsamkeit, Entschleunigung, ein gesünderes Arbeitsklima. Wie funktioniert das?

Slow Food, Slow Travel und jetzt Slow Work: Was sich anhört wie ein Tipp für wenig ambitionierte Arbeitnehmer, ist in Wirklichkeit ein Trend, der Produktivität und Zufriedenheit steigern kann. Slow Work nimmt aus der Hektik des Alltags ein wenig die Luft heraus und bietet so Raum für strukturiertes, organisiertes Arbeiten und Kreativität.

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Überfordert vom Tempo der heutigen Arbeitswelt

Die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit sind inzwischen psychische Diagnosen, zu denen auch Burnouts zählen. Tendenz steigend. Sie waren 2017 für fast 17 Prozent der krankheitsbedingten Ausfälle in Deutschland verantwortlich. Viele fühlen sich von dem Tempo der heutigen Arbeitswelt überfordert. „Zeit ist Geld“ ist zu „weniger Zeit ist noch mehr Geld“ geworden. Mit zunehmender Digitalisierung werden auch die Erwartungen an die ständige Verfügbarkeit immer größer. Sogar die Entspannung ist auf maximale Leistung ausgelegt: Powernaps sollen schnell wieder fit machen, und nach dem Motto „Sitzen ist das neue Rauchen“ wird der soziale Druck, auch in der Freizeit dynamisch und aktiv zu sein, ebenfalls höher.

Genau hier setzt das Slow Work-Konzept mit einem Gegenhebel an: Einfach mal durchatmen und aus der Rolle des ständig Getriebenen herauskommen lautet die Devise. Gleichzeitig verfolgt die noch vergleichsweise neue Slow Work-Bewegung das Ziel, Arbeit mit Zufriedenheit und Erfüllung zu verknüpfen, was dem Lebensgefühl der Generation Y entgegen kommt. Das Selbstwertgefühl vieler Menschen ist eng an ihre Arbeit gekoppelt – und genauso, wie Arbeit frustrieren und krank machen kann, kann sie auch sinnstiftend und bestätigend wirken. Beides hat einen massiven Einfluss auf die Lebensqualität.

Routinen aufbrechen und neue Komfortzonen entdecken

Wie aber funktioniert Slow Work? Im Wesentlichen geht es darum, seine Zeit insgesamt sinnvoller und produktiver zu nutzen, indem man kontrollierte Pausen macht und sich seine Energie so einteilt, dass man Aufgaben fokussiert erledigen kann. Das bedeutet zum einen ein Umdenken und zum anderen die bewusste Einführung neuer Routinen. Dazu gehören auch bewährte Tools wie eine To Do-Liste: das Auslagern der zu erledigenden Dinge in eine Liste schafft automatisch freie Kapazitäten im Kopf. Der Trick dabei ist, für alle Tätigkeiten deutlich mehr Zeit einzuplanen als vorher und sich so selber zu entschleunigen.

Ein nicht zu unterschätzender Stressfaktor für viele Arbeitnehmer ist die tägliche Fahrt ins Büro. Dabei nutzen viele den Weg heute als verlängerte Arbeitszeit. Doch konzentriertes Arbeiten in einem überfüllten Pendlerzug ist manchmal schwer, wenn nicht sogar so gut wie unmöglich. Deshalb lieber die Fahrt dazu nutzen, sich zu sammeln, sich auf den Tag vorzubereiten, die To Dos im Geiste durchzugehen und noch einmal tief durchzuatmen, um dann die Aufgaben umso strukturierter angehen zu können. Oder am besten gleich ein bis zwei Tage die Woche im Homeoffice bleiben.

Im Flow bleiben – Monotasking statt Multitasking

Eine kürzlich durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass 63 Prozent der Deutschen das Homeoffice dafür schätzen, dass sie sich die Reisezeit sparen. 53 Prozent finden es Zuhause leichter, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, weil sie sich dort weniger abgelenkt fühlen. 51 Prozent gaben allerdings an, dass die Kommunikation mit ihren Kollegen so schwieriger wird. Diese Angst jedoch ist unberechtigt, denn es gibt längst leistungsfähige Lösungen wie Konferenztools, die die schnelle Vernetzung und den Austausch von Dateien ermöglichen.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist Monotasking. Wir versuchen ständig, mehrere Bälle in der Luft zu halten – und wundern uns dann, wenn etwas schief geht. Multitasking ist zwar eine hoch geschätzte Fähigkeit, trägt aber dazu bei, dass wir uns selten richtig auf eine Sache konzentrieren können. Also einfach mal für zwei Stunden das Handy ausschalten, nicht in die Mails gucken und sich ganz der Präsentation widmen, zu der man seit Tagen nicht kommt. Das Resultat: Man erledigt komplexe Aufgaben nicht nur schneller, sondern besser, weil man im Flow bleibt.

Umräumen im Kopf

Neben diesen konkreten Maßnahmen spielen jedoch auch menschliche Faktoren, die auf die eigene Einstellung und Herangehensweise an den Job abzielen, bei Slow Work eine wichtige Rolle. Ein kritisches Thema gerade für die Generation Y ist Abgrenzung. In einer Welt, in der Arbeit und Privates zunehmend verschmelzen, ist es schwierig, klare Grenzen zu ziehen. Hier gilt: Nur weil man ständig erreich- und verfügbar ist, heißt das nicht, dass man einen guten Job macht. Sinnvoller ist es, ein bestimmtes Zeitkontingent am Tag einzuplanen und dieses dann produktiv zu füllen.

Ein anderer Aspekt ist Geduld – mit sich selber, aber auch mit anderen. Viele Kollegen haben einen hohen Workload und sind nicht immer in der Lage, ad hoc auf Anfragen zu reagieren. Im Gegenzug kann man sich auch selber aus der Verpflichtung entlassen, „always on“ zu sein. Denn nicht zuletzt sollte man auch sich selbst gegenüber achtsam und gelassener sein.

Slow Work und Karriere – das geht

Die Frage, die sich vielen beim Slow Work-Konzept stellt: Ist Slow Work und Karriere machen vereinbar? Stehe ich mir mit diesem Konzept nicht selbst im Weg? Tatsächlich ist es ein bisschen wie Bergsteigen: Vielleicht ziehen Kollegen, die ihrem Job alles andere unterordnen, an einem vorbei. Der nachhaltigere Weg zum Gipfel ist jedoch der langsamere, beständige Anstieg, bei dem einem nicht zwischendurch die Luft ausgeht und bei dem im Normalfall auch weniger Fehler passieren.

Und nicht zuletzt ist es eine Frage der individuellen Einstellung und Lebensplanung: Will ich Gefahr laufen, irgendwann durch Burnout auszufallen? Wieviel ist mir das Leben auf der Überholspur wert? Und was entspricht eigentlich meiner Persönlichkeit? Wer sich die Zeit nimmt, diese Fragen in Ruhe zu durchdenken, ist schon ein gutes Stück weiter auf dem Weg zum Slow Working – und hat auch so besten Chancen beim Aufstieg auf der Karriereleiter.

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