Sperrangelweit

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Foto: Getty Images / Yuichiro Chino
Foto: Getty Images / Yuichiro Chino

Künstliche Intelligenz wird das Recruiting massiv verändern. Ob diese Entwicklung positiv oder negativ für Personalabteilungen abläuft, hängt auch von ihnen selbst ab. Ihr Mindset sollte der KI sperrangelweit offenstehen. Ein Denkanstoß.

Erst wenn sich etwas gut anfühlt, kriegt es seinen Sesselplatz im Wohnzimmer unseres inneren Zuhauses. Sonst ist Warten im Flur angesagt, oder noch schlimmer: vor der Eingangstür. Denn bevor wir überhaupt jemanden ins Allerheiligste unseres Entscheidungszentrums lassen, muss geklingelt werden, bitte schön! Dingdong. Wer da? Künstliche Intelligenz? Och ne, ist grad etwas unpassend, vielleicht ein andermal. Dass immer mehr Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz an die Türen unseres (Arbeits-)Alltags bimmeln – oder eher: Sturm klingeln – ist nicht von der Hand zu weisen. Auf einem dieser Eingänge steht fett und breit „Recruiting“. Und bei vielen bleibt da die Tür einfach zu. Aus Prinzip. Oder aus Desinteresse. Oder aus beidem zusammen. Schade. Weil gerade der HR-Bereich viel Potenzial bietet, um Prozesse schlauer und somit auch effizienter zu machen. Ich sage nur: Klassifizierung von Stellenanzeigen, Hilfe bei der Jobsuche und beim Bewerbungsprozess oder Verbesserung und Beschleunigung von Auswahlverfahren. Überall hier lassen sich selbstlernende Systeme so einsetzen, dass sie Recruiter oder Bewerber unterstützen. Sie bedienen sich dabei mächtiger Datensätze und lernen mit der Zeit, eigenständig zu sortieren, auszuwerten, zu interviewen und intelligent zu assistieren. Eigentlich perfekt. Oder?

„Voilà, es lebe der Robo-Recruiter!“ oder „Oh Gott, wir werden durch Maschinen ersetzt!“. Die Bandbreite der Reaktionen auf erste Vorstöße in diesem Bereich ist groß. Und mir schwant: Sie wird es vorläufig auch bleiben. Voilàner gegen Oh, Gottler. Drauflos gegen abwarten. Ratio gegen Emotio. Hirn gegen Magen. Das birgt nichts Gutes und deshalb sollten wir bei aller Begeisterung für diverse Formen der Künstlichen Intelligenz mögliche Ängste und Sorgen nicht ignorieren. Drüber reden hilft. Ein Klassiker, der gerne unterschätzt wird. Lasst uns zeigen, dass Zahlen nicht ohne Gefühle können! Dass Berechnen auch Vertrauen ist! Es geht natürlich auch eine Nummer weniger pathetisch. Zum Beispiel: Veranschaulichen, wo die Chancen und Grenzen liegen; Mensch und Maschine als Sparringspartner definieren. Oder auf HR bezogen: Ja, Künstliche Intelligenz wird das Arbeiten grundlegend verändern, aber nur indem die Aufgaben verschoben werden. Clevere Anwendungen übernehmen dabei verstärkt Routinetätigkeiten, während sich Recruiter um das Personalmarketing kümmern. Letztlich soll KI dabei helfen, HR-Mitarbeitern Empfehlungen für bestimmte Prozesse und Entscheidungen anzubieten. Also mehr ergänzen statt ersetzen. Und: Das Miteinander wird durch den Einsatz von KI beeinflusst, idealerweise so, dass die Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen umso intensiver wird und die Gemeinschaft noch mehr zählt. Bin mir sicher, dass man auf diese Weise das „gute Gefühl“ gegenüber KI im HR-Bereich fördern kann. Zumindest auf kurz oder lang.

Ich jedenfalls glaube daran. Oder, um beim Bild zu bleiben: Die Künstliche Intelligenz steht schon längst im Wohnzimmer meines inneren Zuhauses. Und ich lächle nur noch und höre mich sagen: “Setz dich, nimm dir n Keks.“ Gebäck ist eben doch das Fundament jeder guten Freundschaft.

Autor Ingolf Teetz referiert zu dem Thema auch in einer Expert Session auf dem diesjährigen Personalmanagementkongress – Dienstag, 26. Juni, 12:15 bis 13:15 Uhr

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