Staffelläufer

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Es hat eine Weile gedauert, bis Klaus Weigeldt in seinem Traumberuf angekommen ist. HR ist quasi die zweite Karriere des Pin-Personalleiters. Rückblickend erscheint ihm diese Wahl aber konsequent.

Ein wenig ist die Anspannung noch zu spüren, als Klaus Weigeldt im Büroflur um die Ecke biegt. Er hat sich gerade für die nächsten anderthalb Stunden aus einer Geschäftsführungssitzung entschuldigt. Es wird eine von vielen sein dieser Tage bei der Pin Mail AG, deren Personalchef der 47-Jährige ist.

„Zum Ende des Jahres stehen die Budgetplanungen für das kommende an“, sagt er. Das ist es also, worüber hinter der unscheinbaren Tür verhandelt wird, die Weigeldt gerade hinter sich geschlossen hat. Der Konferenzmarathon kommt nicht von ungefähr. Dem Brieflogistiker sind unerwartet einige Aufträge weggebrochen, die bereits voll disponiert waren. In einem Gewerbe, in dem bei hohen Umsätzen nur geringe Margen erzielt werden und die fixen Personalkosten mit Abstand der größte Posten auf der Ausgabenseite sind, bedeutet das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Und eine Trendwende, denn eigentlich lief das Geschäftsjahr bis dahin gut.

Hätte er es nicht angesprochen, so wäre die Unruhe vor Ort nicht aufgefallen. Die Pin Mail hat den Sitz in Alt-Moabit in Berlin. Von der Straße führt ein beschrankter Weg vorbei an hohen Bauten in Backsteinoptik, die in ihrer Gleichförmigkeit an preußische Kasernen erinnern. Im letzten Haus auf der linken Seite, kurz bevor sich der Bürokomplex eindrucksvoll dem Spreeufer öffnet, liegen die Räume, in denen gerade verhandelt wird. Gut hundert der insgesamt rund 1.200 Pin-Mitarbeiter arbeiten hier. Zu sehen sind kaum welche. Es ist schon nach Feierabend und die gefühlt viel zu früh einsetzende Novemberdunkelheit verstärkt zudem den Eindruck der Ruhe.

Auch Klaus Weigeldt wirkt jetzt deutlich entspannter. Beunruhigt ist er ohnehin nicht. Solche Herausforderungen reizen ihn. Das war auch einer der Gründe, warum er sich für den Posten bei Pin entschieden hat. „Gewerbliches Umfeld, Niedriglohnbereich, Krisen in der Vergangenheit, mangelndes Vertrauen in die interne Kommunikation, das durch die digitale Entwicklung rückläufige Briefgeschäft“, zählt er auf. „Ich hatte vor neun Monaten nicht eine Sekunde das Gefühl, dass die Personalleitung bei Pin ein leichter Job werden würde. Ich hatte mit solchen Themen zum Teil auch noch nie zu tun. Eine große Frage ist, wie wir von einer Vergangenheit, die so war, wie sie war, in eine Zukunft kommen, die anders sein muss, weil die Vergangenheit so nicht mehr funktionieren wird. Das mitzugestalten ist eine der größten Herausforderungen für mich, aber auch eine faszinierende.“

Als Klaus Weigeldt zu Pin Mail kam, war die Position des Personalleiters schon einige Zeit vakant und der Dialog zwischen Unternehmensführung und Belegschaft quasi abgerissen. So weitermachen wollte Pin nicht, ist er überzeugt, auch weil sich das Unternehmen trotz aller Schwierigkeiten zu einem der erfolgreichsten privaten Briefdienstleister im europäischen Vergleich entwickelt hatte.

Schwierige Zeiten

Doch was war da passiert? „Das Unternehmen hat sich in den Jahren zuvor mit den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen und ums Überleben gekämpft“, sagt Klaus Weigeldt, der damals noch nicht an Bord war. Der Sumpf, den er meint, das war der 2006 begonnene und 2008 schließlich gescheiterte Versuch, das im lokalen Raum der Berliner Großstadt funktionierende Briefgeschäft auf die gesamte Bundesrepublik auszudehnen und der Deutschen Post Konkurrenz zu machen. Heute ist von der Gruppe, zu der zu Hochzeiten fast hundert Tochterunternehmen gehörten, faktisch nur noch die Pin Mail übrig. Das war die erste Krise. Die eigenen Haare, das waren Verzicht auf Lohnerhöhungen, starke Akquise im Berliner Mittelstand, Zusammenhalt und aufopferndes Engagement der Mitarbeiter. 2013 gab es dann eine weitere Krise in einem wirtschaftlich eigentlich sehr guten Jahr. „Da hat es unheimlich gekracht zwischen der Geschäftsführung und dem Betriebsrat – mit Streik, Aussperrungen und allem Drum und Dran“, erzählt Klaus Weigeldt. Und als der Gewinn wieder anstieg, hatte das Unternehmen vielleicht den Fehler gemacht, die Mitarbeiter nicht schnell genug ausreichend zu beteiligen.

Das Lohnproblem hat sich mit einem Tarifvertrag mit Verdi gelöst, der den Mindestlohn vorweggenommen hat. Damals sei das offensichtlich intern sehr umstritten gewesen, sagt Klaus Weigeldt, „heute sagen nun eigentlich alle, dass es eine gute Sache war, weil es nach innen die Streitigkeiten befriedet und uns nach außen aus der potenziellen Schusslinie genommen hat, bevor der Vorwurf aufkommen konnte, dass wir uns hier in Berlin am Rande der Sittenwidrigkeit bewegen“.

Ein anderes Thema, das Klaus Weigeldt und sein Team noch heute und sicher auch noch länger beschäftigt, ist eine gerichtliche Entscheidung aus dem letzten Jahr, die das Unternehmen an feste Arbeitszeiten bindet. Das ist einerseits problematisch für das unternehmerische Agieren im Tagesgeschäft, zum anderen plant Pin das Geschäft auch auf andere Bereiche auszudehnen in Richtung City-Logistik. Die Infrastruktur dafür ist da, aber es fehlt eben an flexibleren Arbeitszeitregelungen. „Wir haben mit dem Betriebsrat im Sommer für eines der 17 Briefdepots für zwei Jahre Sonderregeln mit mehr Flexibilität in der betrieblichen Arbeitsorganisation vereinbart. Ich finde, das ist eine Riesenleistung auch des Betriebsrates, dass sie uns in der Geschäftsleitung da gefolgt sind und auch soweit vertrauen“, sagt Klaus Weigeldt. Seitdem werden in diesem Depot Pilotprojekte geplant, in denen ausprobiert werden kann, welche anderen Dienstleistungen in Zukunft auch zu Pin passen.

„Zu erklären, dass sich stark verändernde Rahmenbedingungen oder täglich schwankende Sendungsmengen nicht nur ein Problem der Geschäftsleitung sind, sondern unsere gemeinsame Herausforderung, das ist tägliche Arbeit.“ Die Kombination aus Personalarbeit und interner Kommunikation hat sich der Vater von drei Kindern auch in seine Rolle festschreiben lassen, um sich nicht immer erklären zu müssen, wenn er versucht, die Kommunikation im Unternehmen zu verbessern.

Dass ihm das am Herzen liegt, ist Klaus Weigeldt deutlich anzumerken, auch und vielleicht gerade weil die Unternehmensführung eine Änderung der alten Verhältnisse will. Doch das angelernte Verhalten auf beiden Seiten ist nur schwer aufzubrechen. Klaus Weigeldt hofft, in Zukunft vielleicht wieder mehr im Unternehmen, in den auf die Stadt verteilten Standorten, unterwegs zu sein. Direkten Zugriff via E-Mail hat er vielleicht auf 200 Mitarbeiter. Kommunikationsstrategien aufzusetzen, ist so schwierig und geht nur über die Führungskräfte vor Ort.

Langer Weg zu HR

Um einen Job zu finden, der ihm, wie er sagt, so entspricht wie dieser, musste Klaus Weigeldt einen langen Weg hinter sich bringen. Seine Jugend hat er zusammen mit drei älteren Brüdern in der Bonner Beamtenvorstadt Meckenheim verbracht. „Ich bin wie fast alle dort nicht unternehmerisch geprägt aufgewachsen, es gab immer viel Sicherheit“, erinnert sich der Sohn eines Ministerialbeamten. Dazu gehört auch, dass arbeitende Mütter dort in den 70ern und 80ern eher die Ausnahme waren.

Die Entscheidung für ein Jurastudium war eine pragmatische. „Ich hatte einen ganz klaren Plan. Ich musste irgendetwas machen, bei dem ich noch jahrelang meinen Leistungssport ausüben konnte. Ich habe dem sehr viel untergeordnet. Ich wollte alles solange offen halten, wie es geht.“ Sein Sport, das war die Leichtathletik, genauer gesagt 100-, 200- und 400-Meter-Lauf. Für den Sport ging er mit einem Stipendium auch 1988 für drei Semester an die University of Oregon, dem Mekka für die amerikanische Leichtathletik, was er aber erst vor Ort mitbekam.

Die Reise war auch eine Flucht wegen des Frusts über das Jurastudium, das so gar nicht seins war. „Ich hatte gemerkt, es gibt noch einen Strohhalm, noch einmal auszubrechen, ohne etwas Verrücktes zu machen, und das war ein Stipendium und vielleicht Olympia.“ Abgeschlossen hat er sein Studium 1993, aufgeben wollte er nicht. Mit Barcelona 92 wurde es nichts – der Spagat zwischen Studium und Olympia-Training, der konnte nicht funktionieren. Für Klaus Weigeldt eine bittere Enttäuschung. Aber sehr lehrreich für seinen weiteren Lebensweg.

1994 ging er zusammen mit seiner späteren Frau Carolyn wieder in die USA, diesmal nach Washington D.C. Seine Frau studierte Kunstgeschichte, er bereitete die Promotion vor. Das war mit die beste Zeit seines Lebens, wie er sagt, „weil dort auch der Grundstein für eine wundervolle Familie gelegt wurde“. Allerdings zeichnete sich auch eine Zukunft als Jurist immer klarer ab. Beide gingen danach nach Berlin. Die Referendarszeit fand er sogar spannend, aber dennoch wurde es immer klarer, dass Klaus Weigeldt weder Anwalt noch Richter werden wollte. „Ich hatte dann irgendwann eine schwierige Entscheidung zu treffen, was meine Karriere angeht. Ich habe in den Anwaltsjobs viel gelernt, aber ich war letztlich nicht bei mir selbst.“

Mit Herzblut bei der Sache

Anders wurde es erst, als Klaus Weigeldt bei dem Startup Foris einstieg. Abenteuerlich, so beschreibt er es – Börsengang am Neuen Markt mit 15 Leuten, Büros unter anderem im Empire State Building, beinahe Konkurs. Aber er hat gemerkt, dass dieses Berufsleben wirklich für ihn funktionierte, es etwas war, bei dem er mit Herzblut dabei sein konnte. Bis 2002 war Klaus Weigeldt bei dem Prozessfinanzierer und als leitender Angestellter am kompletten Aufbau des Unternehmens beteiligt. Bei seinem zweiten echten Job – seine Zwischenspiele in Kanzleien klammert Klaus Weigeldt bewusst aus – kam er schließlich zum Personalmanagement. Ursprünglich eingestiegen als Leiter der Rechtsabteilung bei dem Finanzdienstleister Skandia überzeugte er seine Vorgesetzten davon, ihm die Personalleitung zu übertragen, als diese vakant wurde. Zum Ende, als er 2013 einen guten Punkt zum Ausstieg gefunden hatte, war er als Chief Human Resources Manager verantwortlich für 800 Mitarbeiter.

Das Know-how kam vor allem durch die tägliche intensive Arbeit, angefangen in den turbulenten Jahren bei der Foris AG. „Ich bin ein echter Quereinsteiger, wahrscheinlich fehlt mir bis heute immer noch etwas Handwerkszeug. Ich verlasse mich auch gern auf andere, die dabei allerdings zuweilen neugierige Fragen und Nachfragen über sich ergehen lassen müssen“, sagt Klaus Weigeldt und lacht. „Ich brauche diese Einbettung ins Team, diesen Impuls durch die Menschen. Ich war auch immer ein besserer Staffelläufer als Einzelläufer.“