Synergien schaffen

In Dortmund hat man die Vorteile der Verbundausbildung erkannt. Dort haben sich vier Forschungsinstitute zusammengeschlossen, um gemeinsam Biologielaboranten auszubilden. Alleine wäre das nicht möglich gewesen.

Stahl, Bier und Kohle – diese drei bodenständigen Industriezweige haben Dortmund lange geprägt. Das ist vorbei. Inzwischen hat die Stadt im östlichen Ruhrgebiet  den Strukturwandel so gut es geht genutzt und ist zu einem Technologie-Zentrum geworden, unter anderem für Biomedizin und -technologie. Dadurch entstehen ständig neue Arbeitsplätze, Fachkräfte sind begehrt.

Peter Herter trägt dazu bei, diesen Bedarf ein Stück weit zu decken. Er ist Initiator des Dortmunder Ausbildungsverbunds Biotechnologie, der nach eigener Aussage „hochqualifizierte Fachkräfte für den lokalen Bedarf“ liefert. Und er ist auch Geschäftsführer des Max-Planck-Instituts für molekulare Physiologie (MPI). Von dort aus entwickelte er Anfang der Nullerjahre den Ausbildungsverbund. Zu Beginn war dieser aber eher ein Miniverbund.

Denn zunächst ging es dem Biologen Herter, der damals Wissenschaftler beim MPI war, primär darum, im eigenen Haus überhaupt wieder eine Ausbildung für Biologielaboranten anbieten zu können. Mit sechs Jugendlichen ging es dann 2002 los. Dabei wurde schon das benachbarte Institut für Arbeitsforschung (IfADo) mit einbezogen, um Inhalte abzudecken, die das Max-Planck-Institut selbst nicht anbieten konnte.

Da der Kontakt zu den dortigen Kollegen schon länger bestand, stellte diese Zusammenarbeit kein Problem dar. Schwierigkeiten machte eher der schulische Teil der Ausbildung, denn in den Berufsschulen in Dortmund gab es nicht das passende Lehrpersonal. Hier half die örtliche IHK weiter und vermittelte Herter und seine Azubis nach Unna. Da es aber auch dort nicht so viele spezialisierte Lehrer gab, entwickelte man gemeinsam ein Modell mit zusätzlichem betriebsinternen Unterricht, das sich bis heute gehalten hat: Ein- bis zweimal in der Woche unterrichten Wissenschaftler die Auszubildenden in modernen Themen der Biomedizin und -wissenschaft.

Langfristig Ausbildungsplätze sichern

Trotz all dieser Anstrengungen wollte die Landesschulbehörde die Ausbildung in der Biotechnologie aber nur einmal fördern und nicht dauerhaft eine unterzählige Berufsschulklasse führen. Das sei dann für ihn der Startpunkt gewesen, in Richtung Ausbildungsverbund zu denken, erzählt Peter Herter. „Denn den ganzen Aufwand nur für drei Jahre machen, das wollte ich nicht.“ Er schaffte es, neben dem IfADo noch die Universität Dortmund und das Leibniz-Institut für analytische Wissenschaften (ISAS) mit an Bord zu holen. Alle drei hätten ohne diese Zusammenarbeit keine Ausbildungsplätze anbieten können. Und dadurch, dass auf diese Weise weitere Stellen geschaffen wurden und gleichzeitig immer mehr Betriebe aus dem Umland ihre Auszubildenden zur Schule nach Unna schickten, war auch diese Hürde genommen und der Ausbildungsverbund in seiner heutigen Form geboren.

Grundsätzlich geht es bei Verbundausbildungen darum, Synergien zu schaffen. Für viele Betriebe, die aufgrund ihrer Größe oder Spezialisierung sonst nicht in der Lage wären, eine Ausbildung anzubieten, entsteht so erst die Möglichkeit dazu. Durch den Zusammenschluss im Verbund können daher oft mehr Ausbildungsplätze angeboten werden als es einem einzelnen Betrieb möglich wäre, in vielen Fällen steigt dadurch auch die Qualität der Ausbildung. Das hat auch Peter Herter erkannt: „Wir als mittelgroßes Forschungsinstitut können viel selber leisten, aber nicht alles. Durch den gezielten Einsatz der Partner können wir aber weitere Bereiche abdecken.“

Das MPI ist das größte Institut vor Ort und hat als Initiator des Verbundes die Ausbildungsleitung inne, auch wenn alle vier Partner gleichberechtigte Verbundmitglieder sind. Zu den Aufgaben der Ausbildungsleitung gehört, dass sich Peter Herter und seine Kollegen um die Rekrutierung des Nachwuchses kümmern. „Das findet aber im engen Kontakt mit den Partnern statt.“ Man legt Wert darauf, dass die Schulabgänger gute Noten in den Naturwissenschaften mitbringen, aber auch in Deutsch und Englisch. Denn die Ausbildung sei anspruchsvoll und nah dran an der Wissenschaft, sagt Herter. „Die Jugendlichen bekommen bei uns Zugang zu spannenden und aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen.“

Zurzeit befindet man sich im Bewerbungsverfahren für den 5. Jahrgang. 270 Bewerbungen sind bis Ende 2013 eingegangen – das spricht für die Attraktivität der Dortmunder Biotechnologen und deren Verbundausbildung. Davon zeugen ebenfalls diverse Auszeichnungen, unter ihnen der Azubipreis der Max-Planck-Gesellschaft und die Auszeichnung für einen der Absolventen, Marcel Schmidt, der 2011 zum bundesweit besten Biologielaborant-Azubi gekürt wurde.

Individueller Versetzungsplan für jeden Azubi

Die Dortmunder Auszubildenden wechseln regelmäßig zwischen den vier Instituten. Nach einem sechswöchigen Grundpraktikum, in dem die Jugendlichen die klassischen Labortätigkeiten wie Pipettieren und Abwiegen lernen, und einem mikrobiologischen Praktikum wechselt jeder nach einen individuellen Versetzungsplan in die einzelnen Arbeitsgruppen: „Das machen wir bewusst so. Wir wollen keine Ausbildung im Großlabor, wo jeder das Gleiche macht, sondern wir wollen eine Ausbildung anbieten, die die Azubis früh an Forschungsthemen und -arbeiten heranführt“, erklärt Peter Herter. Aufgrund dessen können die Lernenden oft schon nach eineinhalb Jahren die Verantwortung für einzelne Versuche übernehmen. Und können dabei auf den Rückhalt der Wissenschaftler bauen: „Wir sehen die Auszubildenden als Unterstützung der Arbeitsgruppen, nicht als Belastung.“ Durch die Ausbildung an vier verschiedenen Instituten werden die Jugendlichen außerdem flexibler und lernen, sich auf die Gegebenheiten in verschiedenen Unternehmen einzustellen.

Im letzten halben Jahr ihrer Ausbildung können die Jugendlichen frei wählen, in welcher Gruppe sie arbeiten wollen, sprich welche Interessen sie vertiefen wollen. Die meisten wählen ihre Station auch danach aus, in welchen Forschungsprojekten die Finanzierung für die kommenden Jahre bereits steht. Denn die Chance, dann nach Abschluss der Ausbildung dort eine Stelle – auch wenn zunächst vielleicht nur befristet – zu bekommen, ist so natürlich größer. Und die Institute halten ihre Absolventen gerne im Haus: „Die Leute, die wir selbst ausgebildet haben, sind unser Rückgrat. Die halten das Wissen in den Forschungsgruppen und geben es auch an die Doktoranden weiter.“

Von den Auszubildenden, die in diesem Jahr fertig werden mit ihrer Ausbildung, will einer ein Studium anschließen, die anderen sind auch schon so gut wie versorgt, berichtet Peter Herter. Es sähe sogar danach aus, dass alle im Raum Dortmund untergebracht werden könnten. Eine Tendenz, die immer stärker wird.