Traut Euch!

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Ihre Managementbücher sind Bestseller, ihre Vorträge begehrt. Doch mit dem klassischen Berater-Etikett tun sich Anja Förster und Peter Kreuz sehr schwer. Und es passt auch nicht zu ihnen. Die zwei wollen vielmehr Anstifter sein, Anstifter zum Andersdenken. Ein Porträt

Da haben sich wirklich zwei gefunden – dieser Gedanke schießt einem mehrmals durch den Kopf, wenn man sich mit Anja Förster und Peter Kreuz unterhält. Doch das ist gar nicht so einfach. Das Autorenduo, das seit vielen Jahren auch privat ein Paar ist, ist entweder ständig unterwegs oder in ein Buchprojekt vertieft. An diesem Montag im April sind sie gerade in ihrem Haus in Heidelberg. Einen zweiten Lebensmittelpunkt haben sie in einem kleinen Ort in Frankreich, irgendwo zwischen Metz und Nancy. Genauer wollen die beiden da nicht werden, so als gelte es, ein kleines Refugium zu schützen. Hierhin ziehen sie sich zurück, wenn sie schreiben wollen, keine Termine anstehen und E-Mail und Handy einmal ganz weit weg sein sollen.

Einen typischen Alltag kennen und wollen die beiden aber auch gar nicht. „Es tut uns einfach sehr gut, das so zu planen. Es gibt Wochen, wo wir wenig unterwegs sind. Das sind dann die Tage zum Auftanken, Schreiben oder um über neue Projekte nachzudenken. Und dann gibt es wieder diese intensive Zeit, wo wir unterwegs sind, Kontakt zu Menschen haben, Unternehmen besuchen. Das ist immer ein sehr schöner Wechsel“, sagt Peter Kreuz, der gerade von einem solchen Termin in Manchester zurückgekehrt ist. Reisen ist ohnehin ein Dauerthema für die zwei. Ein Land, in das es vor allem Anja Förster immer zieht, ist Indien, und dass nicht nur, weil sie gern Hermann Hesse liest. „In meiner Seele bringt es etwas zum Klingen“, sagt sie, „und das lässt einen auch nicht mehr los.“ Ideal auch, wenn sich dabei berufliches und privates Interesse verbinden lässt.

Von Worms in die Ex-DDR

Kennengelernt haben sich die beiden Ende der 80er Jahre beim Studium in Worms – als Flurnachbarn im Studentenwohnheim. Dass aus dieser Studienfreundschaft etwas fürs Leben geworden ist, hätten beide nicht forciert, sagen sie und Anja Förster lacht dabei. Die 47-Jährige stammt aus Dortmund und kam zum Wirtschaftsstudium an die Fachhochschule. Warum? „Es ist so ein wunderschönes, breites Feld, in dem man sich in alle Richtungen entwickeln kann“, sagt sie. Peter Kreuz ist gebürtiger Saarländer und kommt aus einer Unternehmerfamilie. Arbeit als etwas Selbstbestimmtes zu sehen, diese Art zu denken, war daher schon immer Teil seines Lebens. Auch er entschied sich für Wirtschaft, auch um vielleicht die Firma seiner Eltern zu übernehmen. Gedrängt hatten sie ihn nicht in diese Richtung. Es hätte sicher auch nicht funktioniert. „Das ist ein Charakterzug von mir, wenn ich in irgendeine Richtung gehen soll, mache ich garantiert das Gegenteil davon. Meine Eltern haben das sehr schnell rausbekommen“, sagt der ebenfalls 47-Jährige.

Ihren Sprung ins Berufsleben machten beide bei Rewe in den frühen 90ern in Berlin, kurz nach dem Ende der DDR. Das Unternehmen hatte damals viele Kaufhallen der staatlichen Handelsorganisation aufgekauft und dann Leute hingeschickt, um dort von Berlin aus die Konzernstrukturen einzuziehen. „Das Schöne daran war, dass das noch niemand zuvor gemacht hatte. Keiner wusste, wie das geht. Also wirklich Pionierarbeit“, sagt Peter Kreuz, der als Trainee mit dabei war. Anja Förster war im Personalwesen gelandet und pendelte von Berlin auch in andere Teile Ostdeutschlands. Diese Umbruchszeit miterlebt zu haben – in einer Stadt zu leben, in der Schlagbäume zwar offen standen, die Mauer aber noch da war – sehen beide noch heute als seltenes Privileg. So viel zu entdecken und zu lernen gab es in der geteilten Stadt zwischen Spree und Havel.

Für die Ewigkeit war es dennoch nicht. Jedes noch so aufregende Pionierprojekt erreicht irgendwann den Punkt, an dem sich die Prozesse gefunden haben, die Strukturen etabliert sind und die eigenen Optionen im Unternehmen berechenbar. „Mir war das damals mit Mitte 20 einfach zu wenig reizvoll. Ich hatte schon beinahe das Gefühl, auf einer vorgezeichneten Karrierespur zu sein und dafür fand ich mich einfach zu jung“, sagt Anja Förster. Ihrem Mann ging das auch so und die Konsequenz, die beide zogen, war erstaunlich. Es sollte kein anderer Job, keine andere Stadt sein, sondern gleich ein anderer Kontinent und ein Studium an einer der renommiertesten Hochschulen für Internationales Management in den USA. Ein MBA-Studium zu einer Zeit, in der kaum ein Personaler je davon gehört hatte. Beide haben einfach ihre Besitzstände aufgelöst und sind nach Phoenix in Arizona gezogen. „Das war schon recht dramatisch, wir waren noch nie da, und wir wussten ja auch nicht, was passiert, wenn wir wiederkommen. Versteht irgendjemand in Deutschland, was wir dort gemacht haben, was ein MBA bedeutet“, sagt Peter Kreuz. „Wir haben einfach daran geglaubt, dass es eine gute Lebenserfahrung für uns ist.“

Dieser Hang, ausgetretene Pfade zu verlassen und ihrem Gefühl zu folgen, ist typisch für die beiden. Das war so, als sie sich nach dem MBA entschieden, in den USA zu bleiben und bei Beratungen zu arbeiten – sie bei Accenture, er beim Konkurrenten Andersen Consulting. So war es auch, als Peter Kreuz sich dem nächsten Karriereschritt in Richtung Management-Position verweigerte und an die Uni Wien wechselte, um zu promovieren und Professor zu werden und seine Frau sich nach Europa versetzen ließ. Für den Schritt in die völlige unternehmerische Unabhängigkeit brauchte es jedoch noch eine Initialzündung.

Starker Gestaltungsdrang

Zu dem Zeitpunkt, als für ihn der Schritt vom Assistant Professor zum Associate Professor anstand, arbeitete Peter Kreuz an einer Studie über strategisch innovative Unternehmen. Also über Firmen, die nicht ihre Produkte innovieren, sondern schlicht ihr ganzes Geschäftsmodell. „Ich bin dabei mit wahnsinnig interessanten Menschen vom Schlage eines Richard Branson oder einer Anita Roddick zusammengekommen, die mir gezeigt haben, dass Wirtschaft nichts Graues ist, sondern eine faszinierende Plattform, auf der jeder von uns Tag für Tag gestalten kann.“ An dem Punkt wurde Peter Kreuz klar, dass das genau das ist, dem er sich widmen will. Also gründete er 2000 kurzerhand sein eigenes Unternehmen und verließ ein Jahr später die Uni. Seine Frau folgte ihm bald darauf. Sie dafür zu faszinieren, fiel ihm nicht schwer. „Es war eine ehrliche Introspektive, sich zu fragen: ‚Was willst du in den nächsten Jahren anstellen, welchen Unterschied willst du machen‘“, sagt Anja Förster heute.

Also Duo treten sie allerdings nur selten in Projekten auf. Doch ergänzen sie sich gut. Und wie? „Durch konstruktives Streiten“, sagt sie und lacht wieder einmal „da sind wir gut drin.“ Ihr Mann sei mehr der strategische Denker, sie selbst eher extrovertiert und gut darin, die Projekte auch auf die Straße zu bringen, erläutert Anja Förster.

Doch in Worte zu fassen, was genau ihr Unternehmen eigentlich ausmacht, fällt den beiden schwer. Auch, weil sie sich nicht mit dem Etikett „Berater“ anfreunden konnten, nicht Accenture oder McKinsey in klein sein wollten. „Wir haben eine Botschaft, von der wir glauben, dass die Welt sie hören muss. Es ist das, wovon wir leben, und wofür wir leben“, sagt Peter Kreuz. Und die Kernbotschaft? „Traut Euch, die Dinge, die ihr jahrelang auf die gleiche Weise getan habt, sehr wohl zu hinterfragen, scheinbar unabänderliche Regeln auf dem Prüfstand zu stellen, weil letztendlich nur so Fortschritt und Zukunft kreiert werden kann“, sagt Anja Förster. Und das gilt auch für den ganz persönlichen Lebensweg.

Ihre Vorträge und die Bücher sind dabei ihr Sprachrohr. Dabei ist es aber keineswegs so, dass sich beide danach richten, was auf dem Markt gerade gefragt ist. „Ich glaube auch nicht, dass das funktionieren würde. Wir müssen schon eine Idee haben, etwas, das wirklich ein Herzensthema von uns ist“, sagt Anja Förster. Gemeinsam ist auch der Schreibprozess. „Manche meinen, man würde ganz genau merken, wer von uns beiden welches Kapitel geschrieben hat, aber so ist es nicht“, ergänzt Peter Kreuz. Gemeinsam entwickeln sie die Gliederungen für Buch und Kapitel, dann macht einer den Anfang und der andere geht darüber, ergänzt, streicht vielleicht. Solange bis beide zufrieden sind. „Unsere Wellen, die wir machen“ nennen sie das.

Zwei neue Bücher liegen gerade auf ihrem Schreibtisch – jenem in Frankreich. Das erste soll im Januar erscheinen. Der Titel? „Macht, was ihr liebt.“ „Worum es da geht, können Sie sich schon denken“, sagt Anja Förster.