Über die grüne Brille hinaus

Um als Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben, sind innovative Umsetzungen gefragt, deren Erfolg maßgeblich von den Mitarbeitern abhängt. Ein aktuelles Forschungsvorhaben liefert Erkenntnisse, mit welchen Anforderungen die Facharbeit in der digitalisierten und vernetzten Arbeitswelt konfrontiert wird. Eine notwendige Querschnittskompetenz wird die Netzkompetenz sein.

Wirtschaft 4.0, Arbeit 4.0 oder Industrie 4.0 sind die sowohl hochfrequentierten als auch abstrakt anmutenden Oberbegriffe der High-Tech-Visionen von einer digital-vernetzten Arbeitswelt. Diesbezügliche Gestaltungsvorstellungen orientierten sich in den Anfängen der 4.0-Debatte zunächst primär an einer eher technologiezentrierten Machbarkeit mit weiterhin durchaus polarisierenden Thesen zum Einfluss auf die Arbeitswelt. Nun treten mittlerweile verstärkt die humanzentrierten Umsetzungs- und Bildungsmöglichkeiten in den Vordergrund.

Ich plädiere dafür, Unternehmen als fortwährende Lernorte des lebenslangen Lernens zu verstehen, gepaart mit der betrieblichen Dringlichkeit sich der Fähigkeiten der eigenen Mitarbeiter bewusst zu machen. Ich möchte hier eine Brücke schlagen zwischen eigenen berufswissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu den zukünftigen Anforderungen an die gewerblich-technische Facharbeit einerseits sowie den sich parallel ergebenden Anforderungen an die betriebliche Personalentwicklung andererseits.

Aus dem Dunst der vielfältigen Prognosen der „Vier-Null Trends“ werden verschiedene Perspektiven und Ideen für die zukünftige Gestaltung von Gesellschaft und Arbeit konstruiert. Diese Konstrukte werden zum Teil zu Maßstäben erhoben an denen sich aus Sicht der Urheber, moderne Geschäfts- und Arbeitsprozesse zu orientieren haben. Auf welche Weise sich die Arbeitswelt verändern wird, bleibt abzuwarten. Die aktuellen Entwicklungen werden weder auf ein Ende der qualifizierten menschlichen Arbeit hinauslaufen noch revolutionär sein, denn dieser Wandel ist gestaltbar. Arbeitsinhalte werden wegfallen oder sich verändern – und das individuell zur jeweiligen betrieblichen Situation und Innovation. Dass die Arbeitsprozesse vielschichtiger und ressort- beziehungsweise berufsfeldübergreifender für den einzelnen Angestellten werden, bedarf wohl keines Orakelns.

Aus einer aktuellen branchenübergreifenden Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) unter über 3.000 Betrieben zur Digitalisierung geht hervor, dass je höher der Nutzungsgrad digitaler Geräte im Betrieb ist, desto eher wird der Weiterbildungsbedarf von Fachkräften und des Ausbildungspersonals als notwendig beurteilt. In diesem Spannungsfeld, das geprägt ist von einer wachsenden digitalen Vernetzung von Maschinen und Menschen und immer kürzeren Innovationszyklen, muss über die schulische und berufsqualifizierende Ausbildung hinaus der Personalentwicklung ausreichend Verantwortung und Raum gegeben werden, um nachhaltige Handlungsrahmen zu entwickeln. Diese Handlungsrahmen sind entlang der Kompetenzen des Personals, ihrer konkreten Tätigkeiten sowie der individuellen betrieblichen Situation passgenau inhaltlich auszugestalten und zu operationalisieren, um das Lernen und Bilden im Arbeitsprozess zu gewährleisten.

Interdisziplinäre Fähigkeiten als Grundlage der Arbeitspraxis

Die Informationstechnik wird in ehemalige als nicht IT-affin beurteilte Bereiche oder Berufe weiter vordringen. Ebenso wird auch die fachübergreifende Kommunikation in qualifikationsheterogenen Arbeitsteams zunehmen. Interdisziplinäre Fähigkeiten werden zur Grundlage von Arbeitsplatz- und Tätigkeitsbeschreibungen und der Arbeitspraxis an sich. In Anlehnung an Heinrich von Kleists obige Aussage zum Problem der Erkenntnis, reichen die Monoperspektiven der reinen fachlichen Brillen im Arbeitsprozess schon lange nicht mehr aus, um zu einem sicheren Reflektieren und Urteilen zu gelangen. Neben den weiterhin wichtigen identitätsstiftenden fachlichen Kompetenzen der jeweiligen Ausbildungsberufe und Tätigkeitsbeschreibungen werden verstärkt Querschnittskompetenzen gefordert.

Eine solche Querschnittskompetenz setzt sich aus verschiedenen Kompetenzbereichen zusammen. Im Arbeitsprozess dienen Querschnittskompetenzen dazu, auf spezifische Weise im Arbeitskontext auf andere Kompetenzen und den Arbeitsbereich verbundene Themen und Disziplinen zuzugreifen, um Probleme zu lösen und Nicht-Routine-Situationen zu bewältigen. Sie treten in jeder gewerks-, qualifikations-, unternehmens- und fachübergreifenden Tätigkeit im Arbeitsalltag und im Privaten hervor. In einer diffizileren Arbeitswelt dienen sie dem Menschen somit als eine Art Kompass zur Orientierung und Vergewisserung der beruflichen und persönlichen Identität und folglich der Handlungs- sowie Gestaltungsoptionen. An dieser Stelle kann die Erhebung und arbeitspraxiseingebundene Förderung von Querschnittskompetenzen zu einem erweiterten kommunikativen und soziotechnischen Verständnis führen.

Anforderungen an die Facharbeit in der High-Tech-Industrie

Solche Kompetenzen sind im Arbeitsprozess zu lokalisieren und zu beschreiben, um geeignete Personalentwicklungsmaßnahmen zu gestalten und die Arbeitnehmer nachhaltig zu bilden. Die in den jeweiligen Arbeits- und Geschäftsbereichen erkannten Querschnittskompetenzen sind zu operationalisieren, sodass adressatengerechte Weiterbildungsmaßnahmen konzipiert, didaktisiert und durchgeführt werden können. Die strukturierte betriebliche Weiterentwicklung von Querschnittskompetenzen der Mitarbeiter wäre eine logische Schlussfolge der Wechselbeziehungen aus den übergreifenden und ineinander verwobenen Digitalisierungs-Prozessen in Gesellschaft und Arbeitswelt. Die Weiterbildungsangebote der Personalentwicklung könnten auf diese Weise die Funktion des betrieblichen Lernorts in der dualen Berufsausbildung für verschiedene berufliche Qualifikationen fortführen. Direkte berufspraktische Zusammenhänge wären somit situativ herzuleiten und Probleme des realen Arbeitsprozesses könnten aufgenommen und mit den Fachkräften partizipierend ausgehandelt werden.

In einem aktuellen Forschungsvorhaben am Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik (biat) an der Europa-Universität Flensburg wird zu den zukünftigen Anforderungen an die Facharbeit in der digitalisierten Arbeitswelt geforscht. Das Flensburger Teilvorhaben zu „PROKOM 4.0 – Kompetenzmanagement für die Facharbeit in der High-Tech-Industrie“ benennt und erweitert das Konstrukt der Netzkompetenz als einen Schlüssel zur nachhaltigen beruflichen Handlungsfähigkeit – qualifikationsübergreifend. Mit einem subjektorientierten Ansatz speist sich das entwicklungsoffene Verständnis der Netzkompetenz als Querschnittskompetenz aus Analysen der gegenwärtigen Digitalisierungs- und IT-Diffusion in Arbeit und Gesellschaft im Umfeld der 4.0-Entwicklungen.

Im konkreten Fall wurden auf der Ebene der Performanz, also der Arbeitspraxis, der Facharbeit dokumentierend-partizipierende Arbeitsbeobachtungen im betrieblichen Alltag durchgeführt.

Intrinsisch motiviert, Prozesse zu verändern

Durch die Auswertung dieser empirischen Feldzugänge lässt sich bereits herausstellen, dass Facharbeiter mittels „smarter Endgeräte“ im Arbeitseinsatz fachlich kommunizieren, indem zum Beispiel Hotspots für den mobilen und ortsungebundenen Fachdialog und für Materialbestellungen eingerichtet werden oder Messenger-Apps als Instrument der Fachkommunikation dienen. In konkreten Fällen waren Facharbeiter intrinsisch motiviert, betriebliche Prozesse zu optimieren, auch fernab ihrer klassischen fachlichen Arbeitsbeschreibungen oder ursprünglichen beruflichen Qualifikation. Durch autodidaktische Aneignung, beispielsweise durch das Nachvollziehen von Video-Tutorials im Internet, erlernten sie am Arbeitsplatz informationstechnische Hochsprachen zur Softwareprogrammierung, setzten das Gelernte um und gestalteten den Arbeitsprozess neu.

Diese Erkenntnis ist jedoch nicht als Usus zu bewerten. Ein solch offener Zugang zum Internet am Arbeitsplatz bedarf eines aufgeklärten und reflektierten Umgangs mit den verfügbaren Inhalten, um diese auch zum eigenen Arbeitsprozess, zur eigenen Fachlichkeit und zur Unternehmenssicherheit in Bezug zu setzen, zu beurteilen und zu verwerten.

Im Flensburger Vorhaben wurde auch festgestellt, dass Facharbeiter über die berufliche Fachlichkeit hinaus vor Arbeitseinsätzen im Ausland betriebliche Schulungen erfahren, und zwar hinsichtlich einer erweiterten Bildung und Sensibilisierung gegenüber sprachlicher, politischer und kultureller Gegebenheiten des Einsatzortes. Durch die wachsende internationale Vernetzung in Wertschöpfungsketten und Unternehmensnetzwerken wird Englisch auch für Facharbeiter zur Zweitsprache im Arbeitsprozess, sei es bei technischen Schulungen oder der Kommunikation mit anderssprachigen Kollegen.

Infolgedessen ist die Netzkompetenz als ein subsumierender Begriff zu verstehen. Sie ist keine rein singuläre digitale Kompetenz. Der Begriff Netz hat mehrere Bezugspunkte: die wachsenden Verbindungen beziehungsweise die Vernetzung unterschiedlicher Fachbereiche, die On- und Offline-Vernetzung mit Kollegen, das Arbeiten in internationaleren Wertschöpfungsnetzen sowie das technische Verständnis von digitalen Netzwerken und informationstechnischer Grundlagen.

Die Netzkompetenz steht als Konstrukt für ein ausbaufähiges und reflektiertes Verständnis über die traditionelle berufliche Handlungs- und Gestaltungskompetenz hinaus. Sie ist eine Vergewisserung und Orientierung für ein reflektiertes und urteilsfähiges Wirken in einer vernetzten Gesellschaft und Arbeitswelt – ähnlich der Funktion eines Kompasses.

Ein wichtiges Element der Netzkompetenz aus Perspektive der Berufsbildungspraxis ist ein berufsübergreifendes und grundlegendes Verständnis der Netzwerk- und Informationstechnik zu entwickeln, um die digital-vernetzten Prozesse im Arbeitsalltag besser nachvollziehen und einordnen zu können – eben als eine informationstechnische Richtung des Kompasses. Im Fall dieses IT-Charakteristikums jener Querschnittskompetenz geht es jedoch nicht darum, ein spezialisiertes Tiefenwissen, beispielsweise von Programmiersprachen und IP-Netzwerken, über den eigentlichen Zuständigkeitsbereich hinaus einzufordern. Vielmehr steht die Netzkompetenz dafür, inwiefern Kenntnisse von Basiskonzepten benachbarter Fachinhalte und Arbeitsbereiche bekannt sind und eingeordnet werden können, um komplexere Prozesse im Arbeitsalltag besser nachzuvollziehen und gegebenenfalls mitzugestalten.

Nur das Bedienen von Software reicht nicht

Das bloße Bedienen, Nutzen und Lesen von Software und digitaler Oberflächen wird für eine qualifizierte berufliche Tätigkeit von Facharbeitern und akademischen Fachkräften zukünftig nicht mehr ausreichen. Zusätzlich steigt die Anforderung an die Reflexionsbereitschaft des Einzelnen auch in den Bereichen Politik, Kultur – besonders vor dem Hintergrund aktueller Migrationsbewegungen und globalisierter Wertschöpfungsketten – Sprache und der kritischen Beurteilung von verfügbaren Informationen.

Die Systeme, in denen wir uns bewegen, werden vielschichtiger und ehemals getrennte Arbeits- und Themenbereiche diffundieren, sodass interdisziplinäres Denken und Handeln verstärkt in Anspruch genommen wird und zu fördern ist. Die Fähigkeit in diesen vernetzten Systemen mit Menschen und Maschinen gleichermaßen zu interagieren wird die Arbeitsfähigkeit mitbestimmen. Das berufliche Agieren im digitalisierten Arbeitsalltag wird wohl stetig neu definiert, arrangiert und zusammengesetzt werden, sodass Querschnittskompetenzen zum wichtigen Bestandteil einer ganzheitlichen Gestaltung der Personalentwicklung im betrieblichen Lernort werden – ganz im Sinne des lebenslangen Lernens.

Der Mensch wird das flexibelste und kompetenteste Element in diesem evolutionären Veränderungsprozess bleiben. Den Ausgangspunkt für eine zukunftsfähige betriebliche Handlungsfähigkeit bildet somit die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit der menschlichen Fachkraft selbst – vom Auszubildenden bis zum Führungspersonal. Querschnittskompetenzen wie die Netzkompetenz gehören zum fortlaufenden Erkenntnisprozess und Aushandeln des Menschen. Sich das bewusst zu machen und Entwicklungs- und Bildungsangebote darauf aufzubauen, sollte zum Selbstverständnis sowohl von Bildungspolitik als auch einer holistischen sowie nachhaltigen Personalentwicklung und Unternehmensstrategie erhoben werden.

Literaturhinweise

  • Gebhardt, J., Grimm, A. & Neugebauer, L. M. (2015): Developments 4.0 – Prospects on future requirements and impacts on work and vocational education. Journal of Technical Education (JOTED), Jg. 3 (Heft 2), S. 117-133.
  • Gebhardt, Jonas (2016): Digital ist besser zu begegnen. Netzkompetenz als zukunftsorientierte Querschnittskompetenz für die Facharbeit. In: berufsbildung. Zeitschrift für Praxis und Theorie in Betrieb und Schule (159), S. 14–16.
  • Wordelmann, Peter (2000): Internationalisierung und Netzkompetenz. Neue qualifikatorische Herausforderungen durch Globalisierung und Internet. In: Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online (6), S. 31–35.