„Unternehmen müssen auf den Zug aufspringen“

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Für Eltern ist der Wiedereinstieg ins Berufsleben oft kein leichtes Unterfangen. Das Unternehmen EJOT will hier mit einem Kontakthalteprogramm helfen. Personalentwicklerin Michaela Wetter erklärt, wie das funktioniert.

Gerade für Mittelständler ist es mitunter schwer, sich als attraktiven Arbeitgeber zu präsentieren und ihren Fachkräftebedarf zu decken. Kreativität ist gefragt. Das Familienunternehmen EJOT, das insgesamt 2.500 Mitarbeiter beschäftigt, hat seine Elternzeitler als ungenutzte Ressource entdeckt und ein Kontakthalteprogramm aufgesetzt, das Unternehmen und Eltern gleichermaßen nutzt.

Frau Wetter, EJOT hat ein Kontakthalteprogramm für Elternzeitler aufgesetzt. Warum war das nötig?
EJOT ist ein produzierendes Familienunternehmen, das im ländlichen Raum in NRW und Thüringen angesiedelt ist. Wir haben deshalb sehr mit der demografischen Entwicklung und dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Das Kontakthalteprogramm ist eine Möglichkeit, die Mitarbeiter, die in Elternzeit sind, früher zurückzuholen und ihnen den Wiedereinstieg zu erleichtern. Vakanzen können so intern besetzt werden.

Welche konkreten Probleme gab es?
Es gibt zum Beispiel immer wieder Anfragen aus Abteilungen, die einen Bedarf haben, der nicht extern besetzt werden kann oder soll – zum Beispiel bei Urlaubsvertretungen, Krankheitsfällen oder auch bei ganz „normalen“, vakanten Stellen. Um diese Bedarfe abzudecken, ist es wichtig zu wissen, ob es Elternzeitler und Elternzeitlerinnen gibt, die für diese vakanten Positionen einsetzbar wären. In der Zeit vor der Einführung des Kontakthalteprogramms konnten wir nicht abschätzen, welche konkreten Vorstellungen die Elternzeitler hatten. Wir waren einfach zu weit weg. Das ist jetzt anders.

Wie sieht das Programm im Einzelnen aus?
Es startet, sobald die Schwangerschaft in der Personalabteilung angezeigt wird. Von uns kommen dann erst einmal Unterlagen, die werdenden Müttern helfen sollen, ihre Schwangerschaft zu strukturieren. Die Führungskraft bespricht mit der Schwangeren, wie sie sich die Elternzeit vorstellt. Dabei wird schnell ersichtlich, ob ein früher Wiedereinstieg vorstellbar ist oder die werdende Mutter die vollen drei Jahre Pause nutzen möchte. Die tatsächliche Kontakthalte beginnt erst, wenn das Kind da ist. Personalseitig organisieren wir zweimal jährlich Elternzeitreffs, um über Veränderungen im Unternehmen zu informieren. Mit Hilfe von Teampaten werden die abwesenden Mitarbeiter über Abteilungsinterna auf dem Laufenden gehalten. Die dritte Kontakthalte-Komponente ist die Führungskraft. Uns ist allerdings ebenso wichtig, dass auch der Elternzeitler selbst Kontakt hält. Nur durch einen beidseitigen Informationsfluss kann das Konzept funktionieren.

Wie oft kommen die Informationen aus dem Unternehmen?
Das ist ganz unterschiedlich und kommt immer auf die Abteilung an. Wenn sich eine Abteilung verändert, umstrukturiert, es einen Trauerfall oder Geburtstage gibt, dann ist die Kontakthalte gegebenenfalls intensiver; wenn wenig passiert, ist sie nicht so intensiv. Das können und wollen wir nicht vorgeben und wird relativ frei gehandhabt. Von der Personalabteilung aus melden wir uns zweimal jährlich. Hinzu kommen Telefonate, um abzuschätzen, wie der aktuelle Stand ist und ob sich zum Beispiel Veränderungen ergeben haben.

Passen Sie das Programm an, wenn es nicht um die Schwangeren, sondern um die Väter geht?
Das Programm ist für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gedacht, die länger als sechs Monate in Elternzeit sind. Das sind in der Regel Frauen. Bei den Vätern ist ein solches Programm in der Regel nicht notwendig. Die nehmen meist nur zwei Monate Elternzeit in Anspruch. Aber natürlich gilt das Kontakthalteprogramm grundsätzlich auch für Väter.

Wie decken Sie in Ihrem Unternehmen die verschiedenen Berufsgruppen ab? Da gibt es doch sicherlich unterschiedliche Bedarfe.
Die Schwierigkeit bei uns im Unternehmen liegt darin, dass wir sowohl kaufmännische als auch produktive Arbeitsplätze haben. Im kaufmännischen Bereich ist es verhältnismäßig einfach. Schwieriger ist es in Abteilungen mit Schichtarbeit. Hier müssen wir noch weiter an Lösungsmöglichkeiten arbeiten. Es gibt erste Väter, die länger Elternzeit nutzen wollen, allerdings ist das bislang nur ein sehr geringer Anteil.

Welche Effekte nehmen Sie wahr?
Ich habe schon häufig im Bekanntenkreis gehört, dass EJOT den Ruf hat, dass man schwanger werden, Elternzeit nehmen und „problemlos“ zurückkommen kann. Die Reputation zu diesem Thema nach außen wie auch nach innen ist schon sehr gut. Die Elternzeitler selbst sagen, dass ihnen das Programm sehr hilft und auch von den Abteilungen werden wir inzwischen vermehrt angesprochen, wenn Vakanzen auftreten, die gegebenenfalls mit Elternzeitlern besetzt werden könnten.

Wie ist Ihr Eindruck? Wie ist es mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland generell bestellt?
Ich glaube, dass die Unternehmen darauf achten müssen, dass sie auf den Zug aufspringen und ihren Mitarbeitern eine gewisse Flexibilität ermöglichen. Sonst werden andere Firmen ihnen die Bewerber und möglicherweise auch Mitarbeiter abwerben. Je mehr wir in Richtung Generation Y gehen, desto mehr Flexibilität wird gefordert. Die älteren Mitarbeiter wollen vielleicht eher die starre Hierarchie, klare Arbeitszeiten, Trennung von Arbeit und Familie. Was wir wahrnehmen ist aber, dass die jüngere Generation hier andere Vorstellungen hat. Da werden auch schon mal Arbeitsmails nach Feierabend geschrieben, aber dafür soll auch eine gewisse Flexibilität am Arbeitsplatz herrschen, wenn familiäre Themen anliegen.