Unternehmen müssen gute Ausbildung sicherstellen

In Sachen Nachwuchsgewinnung müssen die Wirtschaft und Politik mehr Verpflichtungen eingehen, meint Martin Rabanus (SPD). Neben Absichtserklärungen von Unternehmen müsse auch eine finanzielle Absicherung gewährleistet sein, so der Politiker.

Herr Rabanus, Sie sind ordentliches Mitglied im Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Wie drastisch sind denn die Abbrecherquoten?
Für Studienabbrüche zum Beispiel werden systematisch keine Zahlen erhoben. Das ist Teil des Problems – dass es zwar auf politischer Ebene diskutiert wird, aber diese Daten nicht in der amtlichen Bildungsstatistik integriert sind. Es gibt für Quoten von Studienabbrechern nur Annäherungen, diese schwanken zwischen zehn und 50 Prozent – je nach Studiengang. Für berufliche Ausbildungen gibt es – je nach Ausbildungsjahr – die Angabe, dass bis zu 30 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst werden.

Welche konkreten Herausforderungen bringt der Nachwuchsmangel für die Bildungspolitik?
Es gibt viele Dinge. Das größte Problem ist meiner Meinung nach die Frage nach der Berufsorientierung – also wie dies in der Schule thematisiert wird. Und das wird in den Schulen momentan zu wenig geleistet.

Zweitens denke ich, dass junge Menschen und Unternehmen so zusammengebracht werden müssen, dass die Ausbildung erfolgreich wird und die Abbrecherquoten dadurch gering gehalten werden. Dafür müssen in den Unternehmen attraktive Perspektiven aufgezeigt werden. Um dies zu realisieren, wird derzeit von der Bundesregierung die Allianz für Aus- und Weiterbildung diskutiert, die diese Aspekte beinhalten soll. Diese Allianz ist eine Vereinbarung zwischen der Politik, Industrie und Bildungseinrichtungen. All diese müssen zur Nachwuchsgewinnung das beitragen, was sie beisteuern können. Nur so können erfolgreiche Ausbildungen sichergestellt werden.

Welche bildungspolitischen Ansätze sind neben einer solchen Allianz noch wichtig, um junge Menschen für Ausbildung und Studium zu begeistern?
Da spielen unterschiedliche Aspekte eine Rolle. Es ist sehr wichtig, dass die sozialen Zugangshürden zu Bildung niedrig gehalten werden. Dazu zählen Stipendien, BAföG oder Meister-BAföG. Zudem ist es eine stete Aufgabe für Schulen, den jungen Leuten Orientierung zu bieten, so dass sie „ausbildungsreif“ die Schule verlassen und ihnen ein erfolgreicher Berufseinstieg gelingt. Zudem müssen natürlich die finanziellen Bedingungen stimmen. Nur so können gute Lernbedingungen und Lehrer gewährleistet werden. Die große Koalition hat die Bundesländer derzeit um sechs Milliarden Euro entlastet. Wir erwarten nun von den Ländern, dass dieses Geld in gute Bildung investiert wird.

Wie können die Abbrecher aufgefangen werden?
Bei einem Studienabbruch müssen wir zunächst wissen, warum jemand dies tut. Weiterführend müssen dann individuelle Lösungen gefunden werden, sodass den Menschen der richtige und erfolgreiche Weg zum beruflichen Abschluss gewiesen werden kann.

Warum sind die Abbrecherquoten so hoch? Welche Maßnahmen kann die Politik noch ergreifen?
Ich glaube, dass inzwischen alle begriffen haben, dass wir jeden Menschen brauchen: Sowohl gesellschaftlich, aber auch um wirtschaftlich leistungsfähig zu bleiben. Die Unternehmen brauchen qualifizierte Mitarbeiter. Doch diese Zahl nimmt ab – Stichwort demografischer Wandel.

Zudem unterhalten wir uns seit Jahren an den Hochschulen darüber, wie man Abbrecherquoten senken kann. Dieses Problem ist kein neues, es wird derzeit nur lauter diskutiert. Ein Problem dabei ist natürlich auch, dass Abbrüche unglaublich viel Geld kosten. Man sollte dieses Geld eher in Qualifikation investieren als in das Scheitern und hier muss die Politik die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Das kann beispielsweise durch positive Anreize geschehen oder durch Dialoge mit den Hochschulen. Diese müssen stärker darauf achten, eine generelle „Studierbarkeit“ herzustellen. Also dass das, was gelernt werden soll, auch wirklich gelernt werden kann.

Wie sollten Unternehmen und die Politik zusammenarbeiten in Sachen Nachwuchsgewinnung?
Beide Seiten müssen sich verpflichten, ihren Teil zu leisten. Es muss genau hingeschaut werden, wo die Ausbildungsstellen fehlen. Und hier müssen die Unternehmen eine ordentliche Ausbildung sicherstellen und die entsprechenden Kapazitäten überhaupt schaffen. Die Politik wiederum muss dafür sorgen, dass die Ausbildung finanziell auch abgesichert ist. Es gibt zwar einen Pakt für Ausbildung, das ist aber eher eine Art Absichtserklärung, das reicht nicht.

Während der Diskussion über zu viele Studienabbrecher und zu wenig Azubis wurde auch die Rolle der Lehrer diskutiert. Wie bewerten sie die Arbeit der Lehrer in Deutschland?
Grundsätzlich sind Lehrer der Schlüssel zum Lernerfolg. Ich denke, dass die allermeisten auch eine gute Arbeit machen. Meiner Meinung nach geht es eher um die Frage nach einer systematischen Verankerung von Ausbildungsorientierung – und das ist nicht Sache eines einzelnen Lehrers. Ich glaube, dass Lehrer es nicht leicht haben und auch die Schüler nicht leicht sind. Wir haben auch völlig andere Rahmenbedingungen in den Schulen als noch vor 25 Jahren. Ich denke, dass die Lehrer das tun, was sie tun können, um aus den Schülern möglichst viele Begabungen und Talente herauszuholen. Lehrer müssen aber auch weiterqualifiziert werden. Zudem sollte die Lehrerausbildung ständig weiterentwickelt und an heutige Standards angepasst werden.

Wie können Schüler mehr Freude am Lernen haben?
Der Unterricht sollte sich ganz klar ändern! Meine Empfehlung hierzu: Mehr Projektarbeit, weniger Fächer und Auswendiglernen. Zudem sollte mehr Zeit in Allgemeinbildung investiert werden, etwa in Form von Ganztagsschulen. Schule bleibt aber auch Schule, das ist kein Ferienlager. Viel stärker sollten die Schüler auch auf ihre eigenen Stärken achten, insbesondere beim Thema Berufsorientierung. Die Schüler müssen also selbst schauen, woran Sie Interesse haben. Denn wenn man sich wirklich für eine Sache interessiert, dann ist man auch gut. Zudem sollten die jungen Leute sich selbst und ihren Erfahrungen und Gefühlen vertrauen. Das sollte auch so sein, wenn die Interessen vorerst als brotlose Kunst abgestempelt werden.