Unternehmer mit Schwimmflügeln

Viele Konzerne ermuntern ihre Mitarbeiter schon seit Jahren dazu, unternehmerisch zu denken. Nun gehen sie einen Schritt weiter und fördern auch den Gründergeist im Unternehmen: Sie machen besonders talentierte Mitarbeiter zu Intrapreneuren. Das erfordert Mut zum Scheitern, bringt aber ebenso viele Vorteile mit sich.

Mach dich krass“: Mit dieser Botschaft wirbt Daniel Aminati seit einigen Monaten für ein Online-Fitnessprogramm. Der Fernsehmoderator, Sänger und Schauspieler verspricht: Mit dem Fitnessprogramm nehmen Nutzer ab, werden stärker, definieren ihre Muskeln. Für einmalig 79 Euro gibt es ein Acht-Wochen-Programm, bestehend aus Trainingsvideos, Rezepten und Motivationstraining. Wer einmalig 199 Euro ausgibt, bekommt das Ganze gleich 14 Monate lang. Alles online. Aminati selbst scheint der Beweis zu sein, dass das Programm funktioniert: Sein Körper ist muskulös und durchtrainiert.
Hinter dem Konzept steckt das Unternehmen 7NXT. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Daniel Aminati das Aushängeschild des Fitnessprogramms ist: Denn 7NXT ist ein Ableger des börsennotierten deutschen Medienkonzerns ProSiebenSat1 – und Aminati hat für den Fernsehsender ProSieben schon verschiedene Sendungen moderiert. Mit dem Start-up im eigenen Haus will der Medienkonzern groß in den boomenden Fitnessmarkt einsteigen. Die drei Manager, die für das Fitness-Angebot verantwortlich sind, arbeiten schon länger bei ProSiebenSat.1. Einer von ihnen, Markan Karajica, hat bereits mehrere Stationen im Unternehmen durchlaufen und bezeichnet sich selbst als „die personifizierte Transformation von ProSiebenSat1“. So war er zum Beispiel Digitalchef des Unternehmens – und hat gemeinsam mit seinen Kollegen Malte Fehr und Manuel Uhlitzsch im April 2015 7NXT gegründet. Die drei sind zu Unternehmern im Unternehmen geworden – sie sind sogenannte Intrapreneure.

Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern „Intracorporate“ und „Entrepreneur“ zusammen: Gemeint sind Mitarbeiter eines Unternehmens, die dort unternehmerisch wirken, außerhalb etablierter Prozesse und Richtlinien neue Ideen ersinnen und voran bringen. Dabei sollen und dürfen sie kreativ sein und selbstständig arbeiten – und auch scheitern. Viele Konzerne ermuntern ihre Mitarbeiter auf allen Unternehmensebenen schon seit Jahren, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Seit einiger Zeit identifizieren und fördern viele von ihnen verstärkt die größten unternehmerischen Talente unter ihren Mitarbeitern und machen sie zu Intrapreneuren. Auch, wenn sie sonst andere Funktionen im Unternehmen innehaben, bekommen sie den nötigen Freiraum, um selbst als Unternehmer tätig zu werden.

So können unternehmerisch denkende und handelnde Mitarbeiter oft ihren größten Nutzen für ihr Unternehmen entfalten. Unternehmen profitieren vom Einsatzwillen der Intrapreneure, ihrer Kreativität und ihrer Führungsstärke. Und die Mitarbeiter selbst können kreativ sein, neue Ideen voranbringen und neue Konzepte ersinnen, die den Konzern wirtschaftlich voranbringen – alles in einem sicheren Umfeld und ohne sich um Startkapital bemühen zu müssen. Intrapreneure im eigenen Unternehmen zu finden und zu fördern, erfordert Mut von Chefs und Mitarbeitern. Sie müssen bereit sein, aus verkrusteten Konzernstrukturen auszubrechen. Dieser Mut kann sich aber auszahlen.

Bei ProSiebenSat.1 hat das Management schon vor Jahren erkannt, wie wichtig unternehmerisch denkende Mitarbeiter für die Zukunft des Konzerns sind. „Die Digitalisierung hat unsere Branche grundlegend verändert“, sagt Andreas Mebs, Executive Vice President im Bereich Human Resources bei ProSiebenSat.1. Noch vor wenigen Jahren sei ProSiebenSat.1 ein reiner TV-Konzern gewesen, heute sei man ein digitales Medienhaus mit mehreren Unternehmen und Projekten. „Um unsere digitale Zukunft weiter erfolgreich zu gestalten, brauchen wir Mitarbeiter, die unternehmerisch und innovativ denken. Wenn bei uns Mitarbeiter mit wirtschaftlichem Gespür neue Ideen vorantreiben und einen überzeugenden Business-Plan entwickeln, unterstützen wir sie“, sagt Mebs. Besonders wichtig sei es der Konzernführung dabei, mit den neuen Initiativen das Wachstum zu beschleunigen und weitere Synergien innerhalb der verschiedenen Geschäftsbereiche zu schaffen.

Bei 7NXT gelingt das bislang mit Erfolg. „Wir funktionieren wie ein Start-up, konnten aber durch den Rückhalt der Konzerngruppe von vornherein mit anderen Möglichkeiten arbeiten als andere Gründer“, sagt 7NXT-Mitgründer Karajica. Startkapital oder Investoren hätten er und seine Mitgründer nicht mühsam suchen müssen, sondern die Finanzierung des Projekts sei von Anfang an gesichert gewesen. „Außerdem konnten wir die schon vorhandene Reichweite von ProSiebenSat.1 nutzen, um die Firma voranzubringen“, sagt Karajica. Das junge Unternehmen hat seinen Sitz im deutschen Start-up-Mekka Berlin, ist nicht am Konzernsitz im oberbayerischen Unterföhring angesiedelt. So haben die mittlerweile 30 Mitarbeiter weitgehend freie Hand. Aber auch sie sind in die Strukturen des Mutterkonzerns eingebunden: „Wir arbeiten sicherlich strukturierter als normale Start-ups und auch unsere Reportings sind von Anfang an auf dem Niveau, das andere sich erst mühsam aneignen müssen“, sagt Karajica. Grundsätzlich haben die 7NXT-Mitarbeiter freie Hand, wichtige Entscheidungen muss der ProSiebenSat.1-Vorstand aber absegnen. Vor allem am Anfang musste die Führungsetage des Medienkonzerns Mut aufbringen, um an die neue Idee vom eigenen Fitness-Start-up zu glauben: Schließlich ist der Fitnessmarkt groß, Online-Fitnesskurse gibt es inzwischen wie Sand am Meer und auch ein Daniel Aminati als Trainer im Video ist noch kein Erfolgsgarant. „Klar, das Projekt hätte auch scheitern können – so wie die Ideen anderer Gründer auch“, gibt Karajica zu.

Scheitern ist jedoch immer auch eine Chance. Wenn Konzerne Intrapreneure im eigenen Haus einsetzen wollen, müssen sie Fehler und Fehlschläge in Kauf nehmen – und von Anfang an damit rechnen, sagt Andrew Goldstein, Managing Director Deloitte Digital beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte. Goldstein hat selbst schon mehrere Unternehmen gegründet, ist in der Gründerszene gut vernetzt und weiß um die Vorteile von Intrapreneuren in etablierten Konzernen. „Firmen suchen ständig nach Innovationen, investieren viel Geld und Zeit, um entsprechende Lösungen außerhalb des Unternehmens zu finden. Dabei haben sie in ihren eigenen Reihen oft die so dringend gesuchten Talente“, sagt Goldstein. Es lohne sich also, Unternehmergeist in der eigenen Firma zu fördern. „Dazu gehört auch, Misserfolge zu zelebrieren“, sagt Goldstein. Die meisten Start-ups scheiterten innerhalb der ersten sieben Jahre am Markt. „Konzernlenker dürfen nicht erwarten, dass es Intrapreneuren beim ersten Versuch anders ergeht. Die Firmen müssen Scheitern als Chance ergreifen und einen Intrapreneur incentivieren, wenn er nicht erfolgreich ist, damit er eine neue Idee aufgreift – und ihn zum ‚Serial Intrapreneur‘ aufbauen.“ Alles andere demotiviere die Unternehmer im eigenen Haus nur und ersticke ihren Gründergeist im Keim.

Den Gründergeist im eigenen Unternehmen fördern – das wollte auch Payback, das das gleichnamige Bonusprogramm vertreibt. Im Jahr 2014 gründete das Unternehmen einen internen Ideenapparat namens #PKT. Er ist die erste Anlaufstelle für Mitarbeiter mit innovativen Geschäftsideen. „Wir hatten gesehen, dass es uns nicht an neuen Ideen mangelt, sondern an Ressourcen. Deshalb wollten wir unternehmerisch denkende Mitarbeiter bewusst unterstützen, damit sie ihre Geschäftsideen fokussiert vorantreiben können“, sagt Oliver Bohl, Abteilungsleiter Digital Business Development bei Payback. Anders als ProSiebenSat.1 holte Payback sich auch Intrapreneure von außen für #PKT, wählte aus mehr als 100 Bewerbern zwei Intrapreneure aus. Diese konnten bei ihrer Arbeit auf die Ressourcen von Payback zugreifen, behielten aber ihre Eigenständigkeit. „Es geht darum, Unternehmer mit Schwimmflügeln zu schaffen“, erklärt Bohl. Intrapreneure von außen zu holen, sei auch eine Herausforderung gewesen: „Wenn Jungunternehmer von außen kommen, müssen sie sich erst einmal eingewöhnen, Prozesse im Unternehmen kennenlernen – und auch das Unternehmen muss sich auf ihre Denkweise einstellen“, sagt Bohl.

Genau deshalb, sagen Experten, sollten Unternehmen ihre Intrapreneure lieber aus der eigenen Mitarbeiterschaft auswählen. „Intrapreneure muss man nicht ‚erschaffen‘, sondern finden, weil es sie in jedem Unternehmen gibt“, sagt Deloitte-Digital-Experte Goldstein. Vielmehr sollten Konzerne talentierte Unternehmer mit einem strukturierten Intrapreneurship-Programm identifizieren und ihnen dann unter die Arme greifen, damit sie sich entwickeln können. Diese Suche sollte laut Goldstein im eigenen Haus beginnen. Denn dort schlummern oft Talente, die nur darauf warten, ihr Gründerpotenzial zu entfalten.