Verkrustete Strukturen aufbrechen

Der Name ist Programm: Young Targets ist einer der Pioniere in Sachen Recrutainment und hat sich auf die Zielgruppe der 18- bis 35-Jährigen spezialisiert. Im Interview spricht der Chief Visionary Lutz Leichsenring über die Veränderungen im Bereich Recruiting und das Bedürfnis der jungen Generation zu spielen.

Lutz, in Sachen Recruiting scheint sich viel zu tun: viele neue Netzwerke, Unternehmen entdecken das Active Sourcing, und alle versuchen sich im Employer Branding. Wie schätzt du die Beratungsleistungen in Deutschland rund um das Recruiting derzeit ein?
Das Recruiting befindet sich seit ein paar Jahren in einem großen Umbruch. Durch veränderte Umgangsformen und den Einsatz neuer Technologien werden verkrustete Strukturen aufgebrochen. Im Idealfall stehen sich nicht mehr Bittsteller und Wohltäter gegenüber, sondern Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Verglichen mit anderen Branchen ist der HR-Bereich aber nach wie vor unterentwickelt. Natürlich wittern hier viele Berater neue Geschäftsfelder und der Markt wird kleinteiliger. Allerdings kommt es mir gelegentlich so vor, als ob sich jeder der einen Blog betreibt zum Social-Media-Experten stilisiert.

Eure Agentur hat sich auf Recrutainment-Events spezialisiert. Was genau ist das? Was ist Recrutainment?
Recrutainment ist ein Kunstwort aus Recruting und Entertainment und beschreibt eine Mechanik, wie man Kandidaten auf unterhaltsame Weise anspricht und auswählt. Wir verpacken Fachthemen in einem spielerischen Kontext und senken so die Hemmschwelle sich intensiv mit einem Unternehmen auseinanderzusetzen, Ansprechpartner kennen zu lernen und im besten Fall noch etwas dabei zu lernen.

Und was ist Eure Aufgabe dabei?
Wir entwickeln gemeinsam mit den HR- und Fachabteilungen das Konzept und sorgen für eine professionelle Umsetzung. Von der Kampagne bis zum Event. Da wir auch eine eigene Software-Abteilung haben, entwickeln wir auch individuelle Applikationen, Landingpages und Tools. Wir unterstützen aber auch viele Unternehmen beim Bekanntmachen ihrer bestehenden Projekte. Durch unsere enge Vernetzung mit der Zielgruppe über Social Media-Netzwerke und Hochschulen haben wir in den letzten Jahren eine umfangreiche Infrastruktur aufgebaut.

Wo liegt der Vorteil für die Unternehmen? Firmen wie KPMG oder Bertelsmann machen doch ihre eigenen Events.
Kreative Ideen, Zielgruppenansprache, Software, Fachthemeneinbindung, Kampagnenplanung und -umsetzung, etc. – die wenigsten HR-Abteilungen haben die Ressourcen um Projekte dieser Art im eigenen Haus aufzusetzen. Im Zweifelsfall binden sie noch ihre Werbeagentur ein, die zwar nette Bilder gestalten kann, aber nichts von Recruiting versteht. Recruitainment ist mehr als nur ein netter Wochenend-Trip mit Kochkurs und Playstation.

Nenn mal ein Beispiel.
Aktuell schicken wir in München IT-Fachkräfte auf Schnitzeljagd beim „CodeCaching“ für die 1&1 Internet AG. Eine Smartphone App dient als mobiler Assessment-Center bei dem die Teilnehmer Fachfragen beantworten müssen, um einen der versteckten QR-Codes zu finden. Wurde der Code eingescannt, kann man vor Ort zum Beispiel einen Kinogutschein oder einen Gutschein für eine Schmalznudel einlösen, das ist eine bayrische Spezialität. Die 50 besten Teilnehmer werden zu einem Kneipenquiz-Abend eingeladen. Hier treffen die Teilnehmer auf Unternehmensvertreter, lösen gemeinsam Fachfragen und lernen sich kennen.

Ihr habt ja vor allem junge IT-Fachkräfte im Blick. Bei welchen Berufsgruppen könnten Recrutainment-Formate noch funktionieren?
Wir haben im IT-Bereich sicherlich unsere Kernkompetenz. Wir haben aber gerade auch ein spannendes Recruitainment-Format für das Rekrutieren von Sales-Mitarbeitern für einen großen Mobilfunkanbieter entwickelt. Andere Zielgruppen sind in der Regel sogar einfacher anzusprechen als Techies.

Glaubst du generell, dass spielerische Elemente im Unternehmen über das Recruiting hinaus in Zukunft eine größere Rolle spielen? In der Weiterbildung liegt Gamification ja auch im Trend.
Im Wettstreit um die besten Köpfen ist man sicherlich nicht erfolgreich, wenn man nur auf Stellenanzeigen und Jobmessen setzt. Die zukünftigen Bewerbergenerationen kennen Gamification bereits aus ihrer Schulzeit und werden sich für Unternehmen entscheiden, mit denen sie sich am besten identifizieren können.

Wie wird sich das Recruiting, sagen wir in zehn Jahren, verändert haben? Was denkst du?
Der Bewerber wird direkter und schneller zu dem passenden Job kommen, indem Prozesse weiter verschlankt und digitalisiert werden. Unternehmenskultur, Werte und die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmer werden wichtige Entscheidungskriterien sein. Unternehmen werden weniger suchen, sondern sich finden lassen – durch Weiterempfehlungen und mediale Sichtbarkeit.

Auf Deiner Visitenkarte heißt dein Jobtitel „Chief Visionary“. Das heißt, auf einen Titel wie CEO gibst du nicht so viel?
Als Unternehmer hat man das Privileg sich seinen Titel selbst auszusuchen. Da wir sicherlich zu den kreativsten Dienstleistern im HR gehören, fand ich das passend – und lustig.