„Viele kleine Stellschrauben“

Joachim Diercks hat 2014 über seinen Blog das Jahr der Berufsorientierung ausgerufen. Im Interview erklärt er, warum das Thema für ihn zentral ist und wieso junge Leute mehr Unterstützung bei der Berufswahl brauchen.

Herr Diercks, was macht Berufsorientierung für Sie so spannend, dass Sie gleich das ganze Jahr unter dieses Thema setzen wollen?
Dem deutschen Arbeitsmarkt werden in gar nicht allzu langer Zeit Millionen von Erwerbskräften fehlen – die Demografie lässt grüßen. Hier wird es eine ganze Menge an Ausgleichsbewegungen geben, die alle dem Zweck dienen, die entstehende Lücke zu füllen. Viele davon werden aktuell sehr heiß diskutiert, zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ein späteres Renteneintrittsalter oder die Debatte um Zuwanderung und Willkommenskultur. Meiner Ansicht nach fehlt aber der Punkt der verbesserten Orientierung in dieser Diskussion. Wenn man sich überlegt, wie viele junge Menschen ihre Ausbildung oder ihr Studium abbrechen oder – schlimmer noch – später in Berufen arbeiten, die nicht zu ihnen passen, dann erkennt man, wie viel Potenzial hier dem Arbeitsmarkt verlorengeht. Ich bin überzeugt, dass eine verbesserte Orientierung einen wesentlichen Beitrag zur Schließung der oben angesprochenen Lücke leisten kann. Von einem für den Einzelnen erhöhten Lebensglück ganz zu schweigen.

Wie haben Sie in jungen Jahren herausgefunden, was Sie beruflich machen möchten?
Ich würde mal sagen, dass das zur Hälfte eine Ahnung und zur Hälfte Zufall war. Ich hatte eher eine gewisse Vorstellung davon, wie ich arbeiten möchte, gar nicht so sehr was. Dass ich mich heute mit der Entwicklung von Online-Assessments und webbasierten Verfahren der Berufs- und Studienorientierung beschäftigen würde, war Ende der 80er natürlich niemals vorherzusehen. Wir hatten ja noch gar kein Internet. Dass es so kam, entstand eher als eine Aneinanderreihung von Lebensereignissen. Aber dass ich selbstbestimmt arbeiten wollte, war mir von Anfang an klar. Vielleicht habe ich mir mit BWL deshalb eine Richtung gesucht, die viele Optionen bietet.

Sind die Deutschen generell gut über ihre beruflichen Möglichkeiten und Karrierewege informiert?
Nein. Wenn man sieht, dass die Abbruchquoten in manchen Ausbildungs- und Studiengängen bei 50 Prozent und mehr liegen, dann drückt das aus, dass man im Vorhinein eben nicht wusste, was auf einen zukommt. Immerhin stellen diese Abbrecher ihren Irrtum noch relativ früh fest. Wenn man sich aber vor Augen hält, wie viele Menschen in ihrer Arbeit den Teil ihres Lebens sehen, den man irgendwie hinter sich bringen muss, dann zeigt das, dass diese Menschen im vollkommen falschen Beruf stecken. Die Vorstellung, dass viele Menschen sich jeden Tag nur auf ihren Feierabend und ihr Erwerbsleben lang nur auf ihren Ruhestand freuen, finde ich unglaublich frustrierend. Klar, welchen Weg man überhaupt einschlagen kann, hängt natürlich auch von Fähigkeiten und formellen Kriterien wie dem Schulabschluss fest. Aber eine bessere Orientierung – das heißt eine verbesserte Kenntnis der eigenen Neigungen, Interessen sowie Fähigkeiten und eine verbesserte Kenntnis, was zu diesen passen könnte oder was man damit anfangen kann – würde substantiell helfen.

Wie sieht es mit den jungen Erwachsenen aus, brauchen die heute mehr Unterstützung bei der Suche nach dem passenden Beruf als früher?
Je nachdem wie man zählt steht ein junger Mensch in Deutschland heute vor der Wahl zwischen etwa 600 Ausbildungsberufen und – nur die grundständigen gezählt – knapp 10.000 Studiengängen an mehreren hundert Hochschulen und Akademien. Viele davon heißen ähnlich, sind aber grundverschieden. Viele tragen exotische und einmalig klingende Namen, sind aber anderen Optionen extrem ähnlich. Sich da zurechtzufinden, das allein ist schon eine Herkulesaufgabe. Außerdem werden die Leute heute immer früher fertig mit ihrer Ausbildung. Das stopft zwar einen Teil der erwarteten Lücke am Arbeitsmarkt, aber heißt auch, dass sie einige Jahre weniger Zeit gehabt haben werden, um zu reifen und sich klar zu werden, was sie eigentlich wirklich werden wollen.

Mit Ihrer Initiative zum „Jahr der Berufsorientierung“ wollen Sie konkrete Hilfestellungen für junge Menschen entwickeln. Was glauben Sie, kann die von Ihnen anvisierte Blogparade besser als beispielsweise die Berufsberater der Arbeitsagentur?
Naja, die Blogparade soll ja eher die Sichtbarkeit der Thematik erhöhen und dient als Bühne, die Meinungen verschiedenster Blogger zu zeigen. Wenn dabei konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Situation dabei sind, desto besser. Ich persönlich glaube auch nicht, dass es die eine magische Kugel der Berufsorientierung gibt. Vielmehr ist das eine Aufgabe, an der ganz viele Akteure an ganz vielen kleinen Stellschrauben zu drehen haben: Eltern, Schulen, Hochschulen, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Verbände und Medien. Wenn die Berufsberater der Arbeitsagentur das Problem allein lösen könnten, dann würden sie es ja tun.
Ich habe 2014 aber auch deshalb zum Jahr der Berufsorientierung ausgerufen, weil ich der Überzeugung bin, dass sich dieses Jahr sehr viel in dem Bereich auf den richtigen Weg machen wird. Initiativen wie der Studium-Interessentest der Hochschulrektorenkonferenz, mit dessen Hilfe man erstmals seine eigenen Interessen als Suchfilter auf alle grundständigen Studiengänge in Deutschland anwenden kann, helfen dabei, Licht ins Dunkel zu bringen. Und das scheint auch nötig zu sein, immerhin haben daran in weniger als zwei Wochen mehr als 20.000 Teilnehmer teilgenommen.

Ihr Aufruf wurde im Netz sehr gut aufgenommen, nach Stand vom 17. Januar haben bereits 15 Blogger das Thema aufgegriffen. Hat Sie diese Resonanz überrascht?
Ja, ich hatte zwar mit einer gewissen Resonanz gerechnet, oder sagen wir mal, darauf gehofft. Aber das hat mich dann doch positiv überrascht. Angefangen bei den sehr reichweitenstarken Blogs wie Karrierebibel, Crosswater-Job-Guide oder Wollmilchsau bis zu den beiden letzten HR-Bloggern des Jahres Gero Hesse und Henner Knabenreich, alle sind dabei. Mich freut aber auch insbesondere die große Vielfalt an Beiträgen. Die Parade zu lesen ist wirklich super-abwechslungs- und lehrreich. Und ich bin sehr gespannt, was noch kommt.