„Viele Unternehmen agieren viel zu egozentrisch“

Nicht nur der demografische Wandel erschwert den Unternehmen die Nachwuchssuche, meint Gero Hesse von der Medienfabrik. Im Interview spricht er über das Personalmarketing für Berufseinsteiger und seine neue Berufsorientierungsplattform blicksta.

Vor welchen neuen Herausforderungen stehen Unternehmen heute, wenn es darum geht Nachwuchskräfte zu gewinnen?
Auf den deutschen Markt bezogen sind das aus meiner Sicht drei zentrale Herausforderungen: Erstens haben wir eine stabile Wirtschaftsentwicklung mit vorsichtig optimistischen Prognosen. Dies führt zu einem relativ hohen Bedarf an Nachwuchskräften. Zweitens haben wir eine demografische Entwicklung, die zu einer deutlich geringeren Anzahl potenzieller Arbeitnehmer führt und in Teildisziplinen wie IT, im ärztlichen und pflegerischen Bereich oder in technischen Berufen bereits heute zu einem Fachkräftemangel führt. Und drittens führt die Digitalisierung durch Social Media, Karrierenetzwerke oder Bewertungsplattformen zu erhöhter Arbeitgeber-Transparenz. Daher müssen sich die Arbeitgeber viel intensiver als früher mit ihrer Attraktivität auseinander setzen.

Bei welcher Zielgruppe gestaltet sich das Anwerben von Berufseinsteigern besonders schwierig?
Im Bereich der Hochschulabsolventen betrifft das insbesondere die Ingenieurswissenschaften sowie die IT-Studiengänge. Gute Wirtschaftswissenschaftler können noch relativ einfach von Unternehmen angeworben werden. Wenn wir in die Zielgruppe der angehenden Auszubildenden schauen, ergibt sich ein ähnliches Bild. Auch hier stehen die Unternehmen insbesondere bei technischen und IT-Ausbildungen vor großen Herausforderungen, weniger jedoch im kaufmännischen Bereich. Auffällig ist, dass es insbesondere bei gewerblichen Ausbildungsberufen großen Handlungsbedarf gibt. Und viele Unternehmen sagen uns, dass es schwierig ist, insbesondere gute Auszubildende ohne Hochschulreife zu finden.

Welche Strategien können Unternehmen anwenden, um gezielt die Schulabgänger oder Absolventen zu erreichen, die sie brauchen?
Grundsätzlich gilt: Der Wurm sollte dem Fisch, nicht dem Angler schmecken. Viele Unternehmen agieren viel zu egozentrisch und fokussieren sich zu wenig auf die Bedürfnisse ihrer Bewerberzielgruppen. Dies ist auch mit darauf zurückzuführen, dass bei vielen Unternehmen die Auswirkungen des demografischen Wandels gerade erst spürbar werden und der Umdenkungsprozess erst langsam beginnt. Ich würde grundsätzlich ein zielgruppenzentriertes und ganzheitliches Vorgehen empfehlen. Das bedeutet: eine eigene Arbeitgebermarke entwickeln und diese zielgruppenfokussiert und in einer Kombination aus Online- und Offline Kanälen kommunizieren. Für die Zielgruppe der Schüler ist es absolut zentral, den mobilen Kanal besonders zu berücksichtigen, aber auch eher traditionelle Elemente wie persönliche Gespräche, vor Ort Veranstaltungen und Messen halte ich nach wie vor für sehr relevant.

Sie haben heute die Berufs- und Studienorientierungsplattform blicksta vorgestellt. Sie soll Schülern jeglicher Qualifikation bei der Berufswahl helfen. Inwiefern kann dieses Portal auch Unternehmen bei der Nachwuchssuche unterstützen?
blicksta ist auf vier Grundprinzipien entwickelt worden: Ganzheitlichkeit, Individualität, Zeitraumbezogenheit und Mobilität. Ganzheitlichkeit bedeutet, dass die Plattform für Schüler aller Schulformen gedacht ist und Informationen zu allen Anbietern von Arbeitsplätzen bereithält. Genauso sind auch die Hochschulen mit an Bord. Mit Individualität meinen wir, dass die Schüler auf blicksta Tests machen können, um ihre Stärken und Schwächen sowie ihre arbeitsbezogenen Interessen besser kennenzulernen. blicksta macht aufgrund dessen passgenaue Angebote.
Zudem ist die Idee hinter dem Portal auch, über einen längeren Zeitraum Beziehungen zwischen Schülern und Unternehmen, Verbänden sowie Hochschulen aufzubauen, ganz im Sinne eines strategischen Talent Relationship Managements. Dies alles – um auf den vierten Punkt, Mobilität, zu kommen – geschieht vornehmlich über das Smartphone, das der relevanteste Kommunikationskanal für Schüler ist. Denn blicksta ist mit dem „Mobile-first“-Ansatz konzipiert und umgesetzt worden. Ab September wird es dann auch eine App geben.
Insofern ist blicksta eine absolut innovative Plattform geworden. Der Zuspruch aus der Zielgruppe ist enorm, das zeigt schon die Testversion, für die wir bereits über 4.000 Schüler gewinnen konnten.