„Vorurteile können abgebaut werden“

Mit der Plattform managerfragen.org verfolgen die Macher ein klares Ziel: Einen Dialog zwischen Bürgern und Managern. Warum so ein Austausch nötig ist und wie die Website funktioniert, erklärt Gründer und Vorstandsmitglied Clemens Brandstetter.

Herr Brandstetter, mit der Internet-Plattform managerfragen.org bieten Sie und die anderen Mitglieder der Initiative die Möglichkeit des Austauschs zwischen Managern und Bürgern. Warum meinen Sie ist ein solcher Austausch nötig?

Das Vertrauen der Bürger in die soziale Marktwirtschaft und ihre Führungskräfte ist eine der zentralen Voraussetzungen um wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam erfolgreich zu bewältigen. In den vergangenen Jahren haben jedoch Führungskräfte und Manager der Wirtschaft einen dramatischen Ansehens- und Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit erlitten. Dies auch deshalb, weil viele Menschen immer öfter feststellen, dass sie von Managementscheidungen direkter betroffen sind als bislang angenommen. In der Folge ist bei vielen Bürgern ein wachsendes Bedürfnis nach Information, Rechenschaft und Dialog gegenüber der Wirtschaft festzustellen.

Und viele Menschen – Bürger wie Manager – suchen nach neuen Wegen, um relevante Antworten auf ihre Fragen zu erhalten und sich miteinander zu verbinden. Bislang fehlten jedoch die geeigneten Räume für fairen, direkten und öffentlichen Dialog zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Hier setzt managerfragen.org an. Insgesamt handelt es sich dabei um eine wichtige Entwicklung zu mehr Partizipation und Mitgestaltung – sei es im kleinen, lokalen Bereich oder bei öffentlichen Großprojekten wie Stuttgart 21 oder auch im Zusammenhang mit der Energiewende. Anders werden Sie heute keine gesellschaftliche Akzeptanz mehr finden und Veränderungsvorhaben, sei es von Unternehmen, in der Politik oder in der Gesellschaft insgesamt erfolgreich bewältigen können. Langfristig soll so ein Beitrag geleistet werden, ein vertrauensvolleres Verhältnis zwischen Bürgern und Personen des Wirtschaftslebens aufzubauen.

Warum ist Vertrauen in die Führungsriege der Unternehmen verloren gegangen Ihrer Meinung nach?

Es sind natürlich einerseits die Millionen-Abfindungen trotz Abwirtschaftens, der Personalabbau trotz Milliardengewinne oder die Massenentlassungen aufgrund von fehlgeschlagenen Spekulationen an den Finanzmärkten, die Menschen irritieren und aufbringen. Die Liste der Vorwürfe ließe sich fortsetzen. Diese Vorkommnisse haben ein schlechtes Licht auf Unternehmen und Manager geworfen, teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht.

Neben Fehlern beim unternehmerischen Handeln, die gemacht worden sind und die zum unternehmerischen Risiko immer mit dazu gehören, ist zuletzt vielfach auch ein moralisches Versagen ans Tageslicht gekommen, unter anderem in Form von Schmiergeldskandalen und Vertuschungen. Letzteres ist in Bezug auf ihre gesellschaftliche Tragweite als schwerwiegender einzustufen. So trägt dies maßgebend zur Erosion von Verantwortungsübernahme und gesellschaftlicher Verpflichtung sowie zum Verlust an Gemeinsinn und Vorbildfunktion bei.

Denken Sie, dass ein solcher Austausch, wie Sie ihn fördern wollen, erst so richtig durch das Web 2.0 möglich geworden ist?

Absolut. Das Internet und das Web 2.0 haben zu vielfältigen und tiefgreifenden Veränderungen geführt. So auch zu einer veränderten Haltung, einem anderen Bewusstsein und Selbstverständnis, das sich in der Bereitschaft zu einem stärkeren Dialog und Miteinander und einer größeren Offenheit von Unternehmen und Managern widerspiegelt. Unternehmen müssen – und wollen – sich schon seit Jahren mehr und mehr gegenüber ihren Kunden nach außen öffnen. Die Art der Kommunikation und Interaktion hat sich hier substanziell verändert. Auch sind Hierarchien flacher geworden und die sogenannten bereichs- und unternehmensübergreifenden Netzwerke haben Einzug gehalten. Letztendlich spiegelt das den Wandel von geschlossenen hin zu offenen Systemen wider. Der Dialog mit Bürgern ist nur der nächste konsequente Schritt eines modernen und zeitgemäßen Stakeholder-Ansatzes.

Das Internet und Social Media ermöglichen eben auch, unterschiedliche Lebenswelten zu verbinden und Personen in Kontakt und Austausch zu bringen, die vorher sonst keinen Zugang zueinander gehabt hätten und sich bislang in Parallelwelten bewegt haben. Vorurteile können abgebaut werden, ein Lernprozess und Entwicklung beginnen.

Wie funktioniert der Ablauf von managerfragen.org? Suchen Sie die Manager aus, die die Fragen beantworten sollen?

Zunächst einmal kann jeder mitmachen. Jeder Bürger wie Manager ist eingeladen und willkommen, sich in den gemeinsamen Dialog einzubringen. Jeder Bürger kann sich als Nutzer auf managerfragen.org registrieren. Nach der Registrierung kann er Fragen an einen beliebigen deutschen Manager richten. Die Redaktion von managerfragen.org geht der Frage nach und unterstützt den Antwortprozess, sofern das erforderlich ist. Der ursprüngliche Fragesteller kann zu einer Antwort des Managers auch weitere Nachfragen stellen. Zu den Managern und Unternehmen können dann die jeweils zugehörigen Einträge beziehungsweise Dialoge von jedem Nutzer eingesehen werden. Die Plattform verfügt über eine Liste von Managern und Unternehmen, die kontinuierlich erweitert und aktualisiert wird. Bürger können noch nicht gelistete Manager über managerfragen.org zum Gespräch einladen. Umgekehrt kann sich aber auch jeder Manager aktiv mit aufnehmen lassen. Übrigens haben wir die Anzahl der Fragen auf fünf Fragen pro Monat reduziert. Denn unser Ziel ist es ja nicht, Manager lahm zu legen, sondern in den direkten Dialog zu bringen. Später ist dann ein Abstimmungs-Mechanismus für die User vorgesehen, der darüber entscheidet, welche Frage Priorität hat.

Werden nicht gerade die Antworten der Manager von der jeweiligen Presseabteilung weichgespült? Ich würde vermuten, dass die dann oftmals wenig authentisch sind.

Prinzipiell besteht die Gefahr, da haben Sie Recht. Auch wir hatten dies anfänglich befürchtet. Die bisherige Erfahrung zeigt aber, dass die Manager sich sehr wohl um eigene Antworten bemühen und die Sache sehr ernst nehmen. Und viele Führungskräfte wissen auch, dass nur hilfreiche und als authentisch wahrgenommene Antworten von den Bürgern „geshared“ und „geliked“ werden. Deshalb rechnen wir damit, dass viele Manager persönlich antworten.

Die Restriktionen und gegebenenfalls rechtlichen Beschränkungen sind dabei oftmals kleiner als gedacht. Über 90 Prozent der Fragen beziehungsweise relevanten Inhalte für die Beantwortung sind eigentlich unproblematisch. Nur die meisten konzentrieren sich zunächst auf die vielleicht zehn Prozent der Fragen und Aspekte, deren Kommunikation mit Auflagen versehen sind – beispielsweise durch das Aktienrecht. Und damit begründen sie dann ihre Vorbehalte. Das Problem fängt daher eigentlich in den Köpfen und der falschen Fokussierung an.

Wichtig und entscheidend ist am Ende des Tages die Meinung des Bürgers, ob die Antwort für ihn hilfreich war und er bereit ist, seine Sichtweise, seine Meinung anzureichern und wieder einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Für alle ist dies ein Lernprozess und genau das ist es, was wir erreichen wollen, und wie Veränderung auch beginnt.

Am 12. und 13. April findet in Lübeck der von Ihnen veranstaltete Dialog Summit statt, wo ein Erfahrungsaustausch zum Thema Online-Dialog-Plattformen stattfinden soll. Ist die Möglichkeit des Web 2.0 dann doch zu begrenzt, um einen solchen Austausch zu gewährleisten?

Das ist eine schöne Frage. Es geht jedoch nicht um das “entweder oder”, sondern um das “sowohl als auch” und was am meisten nutzbringend ist. Ziel ist das Verbinden beider Welten – online wie offline –, um so auch die Vorteile und Stärken des Online-Dialogs wie auch des persönlichen Austauschs zu nutzen. Auch möchten wir im Sinne eines Gesellschaftsdialoges zu einem übergreifenden Erfahrungsaustausch einladen. Entscheidungsträger und Gestalter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft treffen auf Akteure, Gestalter und Nutzer von Online-Plattformen, um gemeinsam Grenzen von Online-Dialogen und die Voraussetzungen für einen gesellschaftlichen Nutzen zu erarbeiten. So bringen wir Social-Media- und Online-Experten, Fachleute für Dialog- und Partizipationsformate sowie Bürger, Unternehmen und Manager mit ihren jeweiligen Anliegen zusammen. Es geht dabei darum, niemanden auszuschließen, sondern gleichermaßen Menschen mitzunehmen, die noch nicht so mit der Online-Welt vertraut sind. Dies spiegelt auch mehr unsere Lebenswirklichkeit wider und ermöglicht als Ganzes bessere Lernergebnisse für alle.