Was ist im Bewerbungsprozess auf Seiten des Arbeitgebers ein absolutes No-Go?

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Viele Kandidaten teilen ihre Erfahrungen rund um Bewerbungsprozesse mit Freunden und haben damit erheblichen Einfluss auf das Arbeitgeber-Image. Trotzdem gibt es an der Candidate Experience für Unternehmen noch einiges zu verbessern. Wir haben Mitarbeiter, Personaler, Berater und Studenten nach ihrem persönlichen No-Go beim Bewerbungsprozess gefragt.

Sandra Sibus war bis zur Insolvenz bei der Juwi MacMillan Group Head of Human Resources. Auf www.blickwinkel-blog.de erzählt sie über die Erlebnisse bei der Suche nach einem neuen Job:

„Neulich habe ich gelesen: ‚Bitte antworten Sie nicht auf diese Nachricht, sie wird das Recruiting-Team nicht erreichen.‘ Gefangen in automatischen Prozessen, ohne Ansprechpartner und einer einseitigen Kommunikation verstärkt der eigentlich auf Menschen und Beziehungen gerichtete HR-Bereich seine Wahrnehmung bei Bewerbern als angestaubte, graue Personalverwaltung. Wir brauchen dringend eine Putzkolonne!“

 

Joachim Diercks ist Gründer von Cyquest. Die Beratung ist spezialisiert auf Online Recrutainment:

„Bewerber sind Kundschaft! Wenn sich ein Kandidat nach dem Stand seiner Bewerbung erkundigt, dann darf man nicht per se genervt sein. Wenn man sagt, dass man sich am Freitag meldet, dann meldet man sich am Freitag – auch wenn sich vielleicht noch keine Entscheidung verkünden lässt. Das mag anstrengend sein, aber bevor über Fachkräftemangel lamentiert wird, sollte man sich fragen, ob man seine Hausaufgaben erledigt hat.“

 

Linda Hiltmann ist Team Specialist Cash Management bei einem Chemieunternehmen. Die 31-jährige Wirtschaftsmathematikerin ist seit 2008 im Unternehmen:

„Furchtbar fand ich ein Bewerbungsgespräch bei einer großen Bank. Dort saßen mir drei HRler, ein Abteilungs- und Teamleiter sowie jemand fürs Protokoll gegenüber. Ich kam mir vor wie in einer Prüfung. Grundsätzlich finde ich es schade, dass viele Unternehmen nach bestimmten Rastern suchen: Sobald man eine Komponente nicht erfüllt, wird man nicht in Betracht gezogen. Und Fragen zu meinem Beziehungsstatus oder Kinderplanung sind dabei für mich ein echtes No-Go.“

 

Melanie Schadow ist HR Consultant bei einem Energieunternehmen. Die 29-Jährige hat European Management studiert und ist seit zwei Jahren im Unternehmen:

„Ich habe einiges von Freunden gehört: Bewerber, die ewig auf einen unpünktlichen Gesprächspartner ohne Erklärung warten müssen oder am Empfang mitgeteilt bekommen, dass das Gespräch nicht stattfindet; im Vorstellungsgespräch mit dem falschen Namen angesprochen werden oder für eine schlichte Sachbearbeiter-Position immer wieder stundenlange Gespräche mit verschiedenen Personen des Unternehmens führen müssen ohne erkennbaren Grund.“

 

Alfred L. J. Quenzler ist Professor für Internationales Personal- und Organisationsmanagement an der Technischen Hochschule Ingolstadt:

„Die blitzschnelle Bestätigung des Bewerbungseingangs per Standardmail ist eigentlich klasse. Peinlich wird es nur, wenn dem Bewerber versprochen wird, dass man sich in vier Wochen meldet. Und dann hört der Bewerber zwei Monate nichts. Wenn unsicher ist, ob man in der angegebenen Zeit antworten kann, sollte man auf Zeitangaben verzichten.“

 

Felix Bünting ist BWL-Student an der Fachhochschule Kiel und Recruiter bei avocis Nord, Part of Capita plc:

„Unternehmen stellen sich in ihrer Bewerberkommunikation oft so dar, wie sie sein möchten, nicht wie sie wirklich sind. Diese Diskrepanz liegt vielleicht daran, dass jeder in der Prozessküche mitmischen darf. So stehen neben dem Recruiting als Chef de Cuisine und der Fachabteilung als Sous Chef auch das Marketing als Chef de Partie und die PR-Abteilung als Saucier mit am Herd. Je nach Unternehmen schauen auch Einkauf und IT mal rein. Hier entsteht dann der Prozessbrei, welcher dem Kandidaten als detaillierter Einblick serviert wird. Ist nicht gesund, sieht aber gut aus.“

 

Florian Mann ist Geschäftsführer der Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununu:

„Leider betrachten viele Arbeitgeber ihre Bewerber noch als Bittsteller, wie folgende Bewertung auf kununu zeigt: ‚Ohne sich vorzustellen und nach meiner Anreise zu fragen, fiel mein Gegenüber mit der Tür ins Haus und fragte, warum ich mich denn beworben hätte. Aber der Intonation nach klang es eher wie ‚Wieso haben Sie denn die Frechheit besessen?!‘ Das ist natürlich ein absolutes No-Go.“

 

Ina Bourmer ist Head of Human Resources & Talent Acquisition bei Goodgame Studios. Die Diplom-Informatikerin begann ihre Karriere als Managerin in der IT:

„Ein Job-Interview sollte niemals eine verbale Einbahnstraße sein oder gar zu einer Art Inquisition ausarten. Leider habe ich während meiner Laufbahn allzu häufig erlebt, dass Personaler ihren vorgefertigten Fragenkatalog einfach nur abarbeiten und eine Frage nach der anderen stellen – egal, was der Kandidat antwortet. Ziel sollte es aber sein, auf das Gesagte passend zu reagieren und so in einen echten und für beide Seiten interessanten Dialog zu treten. Erst dann ist ein Interview zielführend und macht nebenbei auch noch richtig Spaß.“