Weltengrusel

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Foto: Thinkstock / hl-studios
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„Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“, schrieb der Philosoph Michel Foucault. Hans Gerd Prodoehls aktuelles Buch schlägt in die gleiche Kerbe: Der heutige Mensch sei ein Auslaufmodell im Strudel des Wandels.

Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist ein fragmentiertes, heimatloses Wesen. Seine schizophrene Spaltung scheint unaufhaltsam. Zu diesem Schluss zumindest kommt Hans Gerd Prodoehl, Autor und Geschäftsführer einer Unternehmensberatung.

„Der abstrakte Mensch. Paradoxien des Wirtschaftslebens im 21. Jahrhundert“ ist ein Abgesang auf den Menschen, wie wir ihn – in Versatzstücken – noch kennen. Zugegeben: Den vermeintlichen Schlussakkord haben schon andere vor Prodoehl angestimmt. Doch muss das Rad nicht neu erfunden werden, um die Zeichen der Zeit spannend und aufschlussreich im gesellschaftlichen Kontext zu analysieren.

Genau darin reüssiert Prodoehl. Er beschreibt die evolutionäre Entwicklung des Menschen als ein Drama in drei Akten, an dessen Grusel-Ende der abstrakte Mensch, deus ex machina, auf die Bühne tritt. Zu Beginn unseres Jahrtausends steht, so Prodoehl, noch jener Mensch, der stabile Bindungen eingeht, sich auf eine Sache einlässt, der im neudeutschen Commitment sozialer Bezüge aufgeht.

Doch schon im zweiten Akt entfaltet das Drama seinen Lauf und lässt diesen schon fast naiv anmutenden Menschen hart abprallen an den Realitäten, die das kapitalistische Gepräge in Berufs- und Privatleben für ihn bereithält: Hire-and-Fire-Prinzip, die Abwesenheit von Festanstellungen oder gar Entfristungen und damit auch das Ausbleiben eines Gefühls der Zugehörigkeit.

„Verlasse dich auf nichts und niemanden. Es gibt kein Unternehmen, das dich braucht, das auf dich zählt, das für dich sorgt, das dir verpflichtet ist. Du bist jederzeit ersetzbar“, beschreibt der Autor das vermeintlich aktuelle Credo. Gleichzeitig verlange die Arbeitswelt eine Leidenschaftlichkeit, eine stete Einsatz- und Zustimmungsbereitschaft. Ein Widerspruch, der sich auch in zwischenmenschlichen Bindungen, durch Online-Dating-Plattformen und ihrer Wisch-und-Weg-Mentalität ad absurdum geführt, zeige: Sie sind beliebig, nur noch auf kurze Dauer angelegt.

All das transformiere den einst konkreten Menschen in einen entwurzelten Nomaden. Das Postulat von der Entwurzelung des Menschen ist bei weitem nicht neu; Gewährsleute für den Untergang des jeweils aktuellen Menschentypus gibt es von der Antike bis in die Neuzeit. Und so erinnert das fragmentierte Subjekt in seiner Vereinzelung an jene Nachkriegsgeneration, die Schriftsteller und Theoretiker bereits in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts diagnostizierten.

Die Psyche des Wirtschaftsmenschen im 21. Jahrhundert oszilliert zwischen zwei Polen: „Um optimal funktionieren zu können, müssen wir leidenschaftlich und leidenschaftslos, engagiert und indifferent, emphatisch und kaltherzig, egoistisch und altruistisch agieren“, beschreibt Prodoehl die Schizophrenie der Gegenwart.

Der „chronisch fragile, chronisch gefährdete“ Mensch sieht sich einem Bindungsdrama gegenübergestellt, das im Fadenkreuz gegensätzlicher Anforderungen seine Wirkmacht entfaltet. Ergebnis ist die hausgemachte psychische Pathologie des neuzeitlich-abstrakten Menschen.

Doch könne die Blockade, ausgelöst durch die gelebte Ambivalenz, überwunden werden: Am Ende der, so Prodoehl, psychischen „Ausnüchterung“ gelingt es dem Menschen, die Widersprüche „harmonisch zu integrieren“. Der neue Mensch nutzt planvoll seine Gefühle, er managt, kontrolliert und programmiert sie für die Zwecke der Gesellschaft. Die Anpassungsfähigkeit als Diktum der Zukunft. „Embrace Change!“ Der Mensch wird auf diese Weise zur Ich-AG, zum Free Agent, stets bemüht, sich als Marke zu erschaffen und zu profilieren. Prodoehl will, so schreibt er, weder Mensch noch Situation bewerten, sondern allein den Typus des abstrakten Menschen beschreiben. Doch: Die Bewertung bleibt, und das ist ein Glücksfall, nicht aus. In seiner getroffenen Auswahl der Begrifflichkeiten, wie „Drama“, „abrichten“ und „Pathologie“, entlarvt der Autor sich selbst und: bewertet.

Ein Schwachpunkt der Ausführungen ist die zur Randnotiz verkommene Frage nach dem „Warum“: Im Exkurs beschreibt der Autor zwar das unternehmerische Verhalten, das angesichts des „Turbokapitalismus“ nicht verwundern müsse. Doch die Frage, warum viele Arbeitgeber ihrer Verantwortung schuldig bleiben, wird vernachlässigt oder vielmehr entschuldigt: Schließlich seien sie selbst Opfer der disruptiven Zeit.
Beschreibt Prodoehl oft detailreich, unterhaltsam und durchaus repetitiv die brutale Wandlung des Arbeitnehmers im 21. Jahrhundert und führt anthropologische Konstanten wie Bindungssehnsucht und Sicherheitsbestreben ins Feld, so vergisst er deren Antipoden zu benennen: Macht, Gier und Maßlosigkeit.

Dennoch: Seine Ausführungen treffen ins Mark, sie beunruhigen. Eine Beunruhigung, die, um Foucault das letzte Wort zu geben, entsteht, „wenn man bedenkt, dass der Mensch lediglich eine junge Erfindung ist, eine einfache Falte in unserem Wissen, und dass er verschwinden wird, sobald unser Wissen eine neue Form gefunden haben wird“.

Das Buch

Der abstrakte Mensch, Foto: Springer
Der abstrakte Mensch, Foto: Springer

Der abstrakte Mensch. Dramen und Paradoxien des Wirtschaftslebens im 21. Jahrhundert“ von Hans Gerd Prodoehl, Springer Fachmedien, 250 Seiten, 2017, 24,99 Euro.