Wenn private Probleme den Job erschweren

Persönliche Themen wie Beziehungsprobleme nehmen unmittelbar Einfluss auf unser Arbeitsverhalten und die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz – Unternehmen sollten sich daher „einmischen“.

Seit einigen Jahren beschäftigen sich Unternehmen viel mit der Reduzierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Der Fokus liegt hier in der Regel unter anderem auf Belastungen durch hohe Arbeitsanforderungen, Veränderungen und Umstrukturierungen, neue Arbeitsbedingungen – also auf durch den Arbeitgeber verursachte Belastungen. Unternehmen steuern dagegen und nehmen Einfluss: Seminare zum Stressmanagement boomen, Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen sind eine gesetzliche Auflage. Nur was ist, wenn psychische Probleme auf private Ursachen zurückzuführen sind?

Der Einfluss, den private Probleme auf die psychische Belastung am Arbeitsplatz nehmen, findet bis dato wenig Beachtung. Wir sehen in unseren Beratungen von Mitarbeitern und Führungskräften unterschiedlicher Branchen und Hierarchien, dass ein Großteil der psychischen Belastungen auf Probleme in der Partnerschaft und im sozialen Umfeld zurückzuführen ist. Laut unserer Jahresauswertung 2015, in der mehr als 6.200 Ratsuchende aus Unternehmen mit ihren gesundheitlichen, beruflichen und persönlichen Beratungsanliegen erfasst sind, rangieren die persönlichen Beziehungsprobleme zum ersten Mal mit knapp einem Drittel aller Anfragen auf Platz 1.

Auswirkungen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit

Beratungsfälle mit Beziehungsproblematiken sind auffällig häufig sehr komplex und beratungsintensiv, das zeigt die Auswertung ebenfalls. Auch ist der Belastungsgrad der Klienten sehr hoch, das heißt die Arbeitsleistung ist beeinträchtigt aufgrund der psychischen Instabilität bis hin zu einer akuten Krise der Klienten, die bisweilen zu Arbeitsunfähigkeit führt. So kommt es insbesondere bei Trennungsfällen häufig vor, dass Menschen in ein tiefes, seelisches Loch fallen und in dieser Phase ihr gesamtes Leben in Frage stellen.

Gerald Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Fürstenberg Instituts, sagt mit Blick auf die Studienergebnisse: „Menschen machen die wichtigsten Erfahrungen immer in der Beziehung zu anderen. Nichts tut so weh wie Ablehnung und Abwertung und nichts ist so beglückend wie die Anerkennung und Wertschätzung von anderen. Bisweilen spüren wir sogar, wie wir so zu Höchstleistungen imstande sind.“ Die biologische Grundlage dafür ist ein Zustand, der sich im Gehirn unter solch günstigen Umständen einstellt: Kohärenz (Sinnzusammenhang). „Man fühlt sich dann nicht nur kräftiger, man bleibt auch eher gesund. Umgekehrt kosten emotionale Konflikte mit Lebenspartnern besonders viel Energie“, betont Hüther. Dann wird die Belastung zum persönlichen Kraftakt, aber auch für den Job zum Problem. Die Kostendimensionen für Unternehmen zum Beispiel durch ineffizientes Arbeiten, Fehler oder Fehlzeiten lassen sich gar nicht genau beziffern.

Zunahme von Beziehungsproblematiken

Die Gründe für die Zunahme von Beziehungsproblematiken sind vielfältig. Ein Grund liegt zum Beispiel in einem veränderten Rollenverständnis von Frau und Mann begründet: Heute ist es der Normalfall, dass bei Paaren mit Kindern beide berufstätig sind. Reibungspunkte gibt es da viele: Wer holt zum Beispiel das Kind von der Kita ab, wenn beide ein wichtiges Meeting haben? Die Prioritäten hinsichtlich der Karriere- und Leistungsorientierung haben sich verschoben. Keiner hat mehr die Ruhe, sich um die Beziehung, die Kinder und den Partner zu kümmern. Dabei brauchen auch Beziehungen Pflege. Hinzu kommen die steigenden Anforderungen im Beruf, unter anderem an die Flexibilität von Mitarbeitern durch die auch Paarbeziehungen heute mehr gefordert sind.

Auf die Frage, wie sich Beziehungsprobleme am Arbeitsplatz auswirken, geben Führungskräfte vielfältige Antworten: Betroffene Mitarbeiter zeigen Erschöpfungssymptome, sind krankheitsanfälliger, die Konzentration leidet, was zu Fehlern führen kann. Sie passieren generell schneller, wenn der Kopf woanders ist. Oder die Problematik wird im Büro breitgetreten, was wiederum andere Kollegen involviert und ebenfalls von der Arbeit abhält. Der Mitarbeiter zeigt weniger Engagement oder ist gereizt, was sich oft auch negativ auf die Kollegen, das Arbeitsklima im gesamten Büro und nicht zuletzt auf Kunden auswirkt.

Führungskräfte wissen oft nicht, wie sie professionell mit derart persönlichen Problemstellungen umgehen sollen. Ihre Aufgabe ist es sicher nicht, die privaten Probleme zu lösen. Jedoch sollten sie sich im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht einschalten, wenn sie Auswirkungen beobachten. Sie sollten dafür sorgen, dass der Mitarbeiter in Eigenverantwortung für eine Besserung der Situation sorgt und zum Beispiel Hilfe in Anspruch nimmt, um sich von den privaten Sorgen zu entlasten, sodass die Arbeit nicht leidet.

Gesunder Lebenswandel gewinnt an Bedeutung

In den Medien wimmelt es von Tipps und Hilfestellungen zu Vorsorge, gesunder Ernährung, Stressmanagement oder Sportprogrammen. Das Thema Gesundheit ist absolut in. Eine Gesundheits-App hier, ein Yoga-Kurs da – aber wo findet der Wert menschlicher Beziehungen für Gesundheit und Wohlbefinden Beachtung? Gerade heute, in einer Zeit, in der Beziehungen immer unverbindlicher werden, wo Konsum ein Substitut für die Befriedigung nicht vorhandener oder zerrütteter Beziehungen ist, ist das umso wichtiger.

Unternehmen müssen handeln

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Gegebenheiten, Zeit- und Arbeitsdruck sowie eigene Bedürfnisse und zunehmendes Anspruchsdenken haben veränderte Rahmenbedingungen geschaffen. Menschen bringen Privates und Emotionen mit in die Arbeitswelt, und persönliche Themen wie Beziehungsprobleme nehmen Einfluss auf unser Arbeitsverhalten und die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Die Unternehmen sind nicht verantwortlich für die Belastungen auf privater Ebene, jedoch sind sie von deren Auswirkungen betroffen, was sie wiederum zum Handeln zwingt.